Adler unternimmt Ausflug ins Nachbarland

Eigentlich soll er seine Runden nur über Schloss Wolkenstein drehen. Doch vor knapp zwei Wochen hatte der Greifvogel von Falkner Michael Löbel ganz anderes im Sinn.

Wolkenstein.

Ihm ist sicher ein großer Stein vom Herzen gefallen, als sich vor wenigen Tagen ein tschechischer Förster gemeldet hat. "Bereits nach einer Woche ist es schon kritisch", meint Michael Löbel, der seit 1992 seine Falknerei betreibt und zum Zeitpunkt des Anrufes schon seit zwei Wochen nach seinem Steppenadler suchte.

Eigentlich war es eine ganz normale Flugschau, wie er sie täglich auf Schloss Wolkenstein vorführt. Der Vogel fliegt los, dreht seine Runden und landet punktgenau wieder auf dem Arm des Falkners. Doch diesmal hatte das Tier offenbar etwas anderes im Sinn. Es stieg immer höher und höher in die Lüfte, während dessen Besitzer das drohende Unheil bereits ahnte: "Bei der Flugvorführung ist der Adler Tausende Meter hochgestiegen, bis wir ihn nicht mehr sehen konnten."

Nicht schön, aber ein Weltuntergang ist das auch nicht. Schließlich ist das Tier mit einem GPS-Sender ausgerüstet, der eine genaue Ortung zu jeder Zeit ermöglicht. Nur gab es dabei in diesem Fall einen Haken: Der Adler hatte die dazugehörige Antenne abgebissen. "Wir sind dann tagelang umhergefahren und haben überall gesucht", erzählt Löbel. Finden konnte er aber nichts.

Da kamen dem Vogelexperten schon ungute Gedanken an ähnliche Fälle. So büchste vor etwa zehn Jahren der Vogel eines Falkners aus dem Harz aus. Gefunden wurde er später in Madrid. Ein Beispiel das zeigt: Den Steppenadler wiederzufinden, ist ein schweres Unterfangen. Zunächst gab es aber noch Hoffnung für Michael Löbel: "Solange das Tier noch Hunger hat und kein Futter findet, besteht die Chance, dass es heimkommt." Nach einer Woche sei jedoch klar gewesen, dass diese Hoffnung vergebens war.

Sorgen um das Leben des Greifvogels hat Michael Löbel sich aber zu keinem Zeitpunkt dieser Odyssee gemacht. Schließlich wird der Adler nicht umsonst auch König der Lüfte genannt. "Er findet sicher unterwegs etwas Wild. Und auf den abgeernteten Feldern kann er sich auch leicht ein paar Mäuse einsammeln", meint der Experte.

Und das, obwohl der Greifvogel nie ein echtes Wildtier war. Denn der heute acht Jahre alte Steppenadler wurde im Tierpark Chemnitz gezüchtet und ging anschließend in die Obhut des Falkenhofes von Michael Löbel über. Das plötzliche Verschwinden und die Reise ins Unbekannte ist für den Vogel also das erste große Abenteuer gewesen. Michael Löbel hat dafür auch Verständnis: "Es sind eben Zugvögel. Die steigen hoch in die Kälte und lassen sich dann treiben."

Getrieben hat es den Adler bis ins tschechische Pilsen. Von dort, fast 100 Kilometer Luftlinie entfernt, meldete sich vor wenigen Tagen ein Förster, der das Tier in seinem Revier fand. Am Bein des Ausgebüxten war ein Lederriemen befestigt, inklusive Kontaktdaten des Falkenhofes Wolkenstein. Der Förster schickte also ein Bild des Tieres an die Falknerei. Michael Löbel erkannte dieses auf dem Foto natürlich sofort.

So machte er sich auf ins Nachbarland, um dort seinen wanderlustigen Steppenadler wieder einzufangen. "Er wirkte anfangs schon etwas mau. Aber der Förster hat sich toll um das Tier gekümmert und jetzt geht es ihm wieder gut", freut sich der Falkner. Bleibt nur zu hoffen, dass das Fernweh des Zugvogels damit erst einmal gestillt ist. Denn die nächste Flugschau wartet schon - in Wolkenstein und nicht in Pilsen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...