"Bislang liefere ich die Püppchen in 22 Länder der Welt"

Berufsmillionäre: Puppenmacherin Annedore Krebs über ihre Leidenschaft für kleine, ganz individuelle Puppen

Grünhainichen.

Zahlen bestimmen den Alltag. Gewerke und Branchen kennen Kilogramm, Liter oder Stück. Einige Berufsvertreter haben für "Freie Presse" die Statistik bemüht. Und da wird mancher auf dem Papier sogar zum Berufsmillionär. Christof Heyden hat mit Annedore Krebs gefachsimpelt. Sie ist Puppenmacherin in Grünhainichen.

"Freie Presse": In der Spielzeugbranche des Erzgebirges gilt Ihre Puppenwerkstatt als ein Kleinod. Was sind das für Püppchen, die für Freude bei den Kunden sorgen?

Annedore Krebs: In meiner Werkstatt entstehen drei Artikelgruppen. Neben Spielzeugfiguren werden vor allem Holzgelenkpuppen in zwei Ausführungen geschätzt - mit Flachs- oder mit Baumwollhaar. Diese fertige ich in zwei Größen: Die Kinderfiguren sind 7,5 Zentimeter groß, die Erwachsenen 12,5 Zentimeter. Die werden maßstabsgerecht in Orientierung an die handelsüblichen Puppenhäuser hergestellt. Charakteristisch ist ihre Gelenkigkeit. Kopf, Arme und Beine las- sen sich wie beim Menschen bewegen.

Ein Blick zeigt, dass wie am Fließband in Handarbeit Filigranes hergestellt wird. Und dennoch: Jede Figur ist ein Unikat, trotz gleichen Körperbaus?

Wir arbeiten zu 90 Prozent in Handarbeit. Besonders beim Bemalen der Gesichter zeigt sich, dass jedes individuelle Züge hat, auch wenn die Figur gewissermaßen genormt ist. Ihnen gilt der erste Blick des Kunden, und der ist entscheidend. Die Gesichter malt meine Schwester Christine dabei in höchster Qualität. Persönlichkeit bekommen die Puppen auch durch zugeschnittene Bekleidung. Maschinell werden die Körperteile aus feinem Ahornholz gedrechselt. Jede Figur besteht dabei aus sieben Teilen, die mit Gummis in Form gebracht werden.

Wie viele Typen fertigen Sie, wie breit ist Ihr Puppensortiment?

Zusammen mit einem Drechsler und meiner Schwester Christine stellen wir 150 Typen her. Zu den seit Langem gefertigten Figuren gehört etwa Maxi, die freche Göre mit Sommersprossen. Oder Sebastian. Nicht alle Puppen tragen einen Namen, nur die charakteristischsten einer Serie. Dazu zählen auch die jüngsten Puppen meiner Kollektion: Die Krankenpfleger Dana und Markus, die ich für einen Auftraggeber entwickelt habe.

Ihre Puppenschar ist ja eine internationale Truppe.

Ja, wir haben Skandinavier, Asiaten und Mitteleuropäer, Afrikaner und Polynesier im Sortiment. Bislang liefere ich die Püppchen in 22 Länder der Welt. Die werden nicht nur als Spielzeug geschätzt, sie gelten als Glücksbringer für Autofahrer oder Schutzengel über dem Kinderbett.

Seit wann haben Sie sich dieser Tätigkeit verschrieben?

Nach meiner Ausbildung begann ich meine Laufbahn zunächst in einem Möbelbetrieb, sah meine Perspektive jedoch in der Spielzeugbranche. Zum Jahresbeginn 1986 eröffnete ich meine Puppenwerkstatt in Grünhainichen. Ich orientiere mich an der Arbeit von Charlotte Rehm Wagner, die dort schon in den 1930er-Jahren die Gelenkpüppchen entwickelt hatte. Deren Tradition wollte ich wiederbeleben. Das baulich-technische Grundprinzip wurde etwa durch naturgewachsene Materialien geändert, ihren ästhetischen Anspruch führe ich fort.

Haben Sie Buch geführt, wie viele Püppchen Ihre Werkstatt seitdem verlassen haben?

Das ist eine ehrgeizige Aufgabe, bei den kleinen Figuren weiß ich es grob: reichlich 500.000 Exemplare in 33 Jahren. Pro Typ stellen wir in der Regel zwischen 50 und 100 Exemplare in Serie her. Wird mehr verlangt, wird erneut produziert.

Und lässt sich die Manufakturarbeit im Detail beschreiben?

Die Kleidung der Puppen ist aus Baumwolle, Seide, Filz und Leinen. Für eine Kinderperücke benötige ich fünf Meter Baumwollfaden. In all den Jahren habe ich 2570 Kilometer Material verarbeitet. Für jeden Figurentyp kaufe ich entsprechenden Stoff im Großhandel ein, meist Sechs-Meter-Bahnen. Für die Sabine habe ich zur Wendezeit gleich 70 Meter eingekauft - das reicht bis heute. Aus einem Meter Stoff entstehen 150 Kleidchen. Um die Bekleidung herzustellen, habe ich schätzungsweise 40 Millionen Stiche mit der Nähmaschine gesetzt. Und meine Schwester hat etwa eine Million Gesichter bemalt.

Vorausgesetzt Sie verfügen wirklich über eine Million Bares, was würden Sie damit tun?

Dann würde ich eine Weltreise in die Länder machen, in denen meine Puppen leben. Quasi einen Familienbesuch starten.

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