Bürgermeister kann Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen

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Wolfram Liebing über neuentdeckte Lust auf Natur, Gespräche am Gartenzaun und finanzielle Ungewissheiten

Wolkenstein.

Der Silber-Therme droht eine finanzielle Schieflage, Straßenbauvorhaben stehen in Frage, die Sparkasse setzt Einsparungen um: Für Wolkensteins Bürgermeister Wolfram Liebing (parteilos) gibt es einigen Grund zum Unmut. Zwar greife er regelmäßig zum Stift, um übergeordnete Behörden anzuschreiben, sagt er im Gespräch mit Georg Müller. Meckerbriefe lehne er jedoch ab.

Freie Presse: Herr Liebing, wie viele Beschwerdebriefe haben Sie im vergangenen Jahr an Bundeskanzlerin Angela Merkel, an Ministerpräsident Michael Kretschmer und an Landrat Frank Vogel geschrieben?

Wolfram Liebing: Es handelt sich nicht um Beschwerde-, sondern um Hinweisbriefe. Wenn Sachen nicht so günstig laufen, spreche ich das an. Was es von mir nicht gibt, ist der doofe Meckerbrief.

Wie viele Hinweisbriefe waren es?

Ich schätze rund 20 an die übergeordneten Behörden werden es gewesen sein.

Bekommen Sie immer Antwort?

Unterschiedlich, der Landrat antwortet, der Ministerpräsident ebenfalls, aber auch einige Fachminister. Kürzlich habe ich mich zum Beispiel mit Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch ausgetauscht. Es ging unter anderem um die schwierige Lage unserer Gastronomen. Die Ministerin wollte wissen, wie sie mit den aktuellen Einschränkungen zurechtkommen. Ein anderes Thema war die Silber-Therme, die wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist. Im Frühjahr möchte Barbara Klepsch nach Warmbad kommen.

Welches Bild wird sie sich von Warmbad machen können?

Warmbad entwickelt sich positiv. Wir werden in diesem Jahr mit der Sanierung des Kurboulevards beginnen. Zudem hat sich für das Pawlowhaus ein Investor gefunden. Der Abriss des Saals ist im Gang, sodass die Umwandlung des Gebäudes in ein Hotel beginnen kann.

Eines Ihrer Schreiben haben Sie an Bundeskanzlerin Angela Merkel und an Ministerpräsident Michael Kretschmer geschickt, um Ihren Unmut über die Einsparpläne der Erzgebirgssparkasse zu äußern. In Wolkenstein wurde die Filiale in eine Selbstbedienungs-Servicestelle umgewandelt, die ein geringeres Angebot umfasst.

Ich hätte mir von der Erzgebirgssparkasse ein rechtzeitiges Gespräch gewünscht. Vielleicht wäre es gelungen, eine andere Lösung zu finden. Vor einem Dreivierteljahr haben wir krampfhaft nach einem Standort für eine Postfiliale gesucht, der erst später gefunden werden konnte. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen.

Also ein gemeinsamer Anlaufpunkt von Sparkasse und Post?

Ja, ich habe der Sparkasse dies im Nachhinein mitgeteilt, da war die Sache schon entschieden. Mir wurde lediglich gesagt: "Das ist jetzt so." Als die Sparkasse vor Jahren das Haus vorrichten ließ, wurde der Schriftzug "Sparkasse" weggelassen. Da schwante mir schon so Einiges. Wichtig ist jetzt, dass möglichst viele Wolkensteiner den Automat, der erhalten bleibt, nutzen. Andernfalls geht auch er verloren.

Haben Sie von Angela Merkel sowie Michael Kretschmer Antworten erhalten?

Bislang nicht.

Wenn Sie es schaffen, junge Familien anzulocken und so den Bevölkerungsrückgang zu bremsen, könnten Sie das Problem ohne Hilfe lösen. Wie ist Wolkenstein diesbezüglich aufgestellt?

Wir bauen in Gehringswalde eine moderne Kindertagesstätte. Mit unserem Kindergarten in Schönbrunn, der Grundschule sowie dem zugehörigen Hort in Wolkenstein sind wir auch in Zukunft gut aufgestellt. Die Stadt ist sehr verkehrsgünstig gelegen, dies ist ebenfalls ein Argument. Natürlich gibt es noch Luft nach oben. Es kommt aber darauf an, worauf die Familien Wert legen. Durch die Corona-Krise lernen wieder mehr Menschen die Natur zu schätzen. Gerade diesbezüglich haben wir viel zu bieten. Es lässt sich in der Region herrlich wandern. So ist zum Beispiel die Wolkensteiner Schweiz abwechslungsreich. Insofern bietet sich auch die Chance, alte Gewohnheiten zu überdenken.

Sie sind ein Bürgermeister, der viel Wert auf Nähe legt. Können Sie momentan noch nah an den Bürgern sein?

Wenn es Probleme gibt, fahre ich nach wie vor raus. Zuvor kläre ich, wie wir uns begegnen können. Ich muss nicht in die Wohnung hinein. Vieles lässt sich am Gartenzaun besprechen.

Was sind die größten Schwierigkeiten, die in Wolkenstein im Zuge der Pandemie bestehen?

Die Schließung der Therme ist ein Riesenproblem. Irgendwann droht eine finanzielle Schieflage. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, wir können das Bad nicht einfach verfallen lassen. Viele Kosten laufen weiter. Wir und der Landkreis sind Gesellschafter. Wenn es hart auf hart kommt, stellt sich die Frage, ob wir Geld zuschießen müssen. Das ist jedoch momentan noch kein Thema.

Auch wenn sich die Ausfälle wegen der unklaren weiteren Entwicklung nicht beziffern lassen: Wäre Wolkenstein in der Lage finanziell einzuspringen?

Aus der Portokasse könnten wir die Gelder nicht nehmen. Wir müssen dann sehen, wie wir eine Lösung finden.

Wie ist es um die Finanzen bestellt? Rechnen Sie infolge von Corona mit Gewerbesteuerausfällen?

Das Gewerbe hat im Moment gut zu tun. Eine Prognose ist jedoch kaum möglich. Viele Unternehmen haben 2020 vorsorglich ihre Zahlungen eingestellt. Dies erschwerte die Planungen für den Haushalt, der in diesem Monat beschlossen werden soll.

Wird gespart?

Wir haben vieles zurückgefahren, so werden zum Beispiel einige Straßen später repariert. Anderes wird ganz normal fortgeführt. So soll bis Ende des Jahres die Sanierung des Schlosses abgeschlossen werden. Die Finanzierung ist gesichert. Die Firmen sind vertraglich gebunden. geom


Zur Person

Wolfram Liebing (65) ist seit 2013 parteiloser Bürgermeister der Stadt Wolkenstein. Zuvor sammelte er in der Kommunalpolitik als stellvertretender Bürgermeister sowie als Stadtrat bereits viele Erfahrungen. Liebing kennt sich zudem in der freien Wirtschaft aus. Er war einige Jahre lang als Messebauer unterwegs. Der verheiratete Vater zweier Söhne widmet sich in seiner Freizeit unter anderem dem Schreiben. (geom)

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