Der Ministerpräsident und die Lebensretter in Not

Bei Michael Kretschmers Besuch in Wolkenstein ist über die Entwicklung der Feuerwehren im ländlichen Raum gesprochen worden. Ein brennendes Thema - allen voran in der Bergstadt.

Wolkenstein.

Eine Feuerwehr, die im Notfall nicht ausrückt. Ein schwer vorstellbarer Gedanke, in Wolkenstein aber Realität. Über dieses Problem ist am Mittwoch beim Besuch von Ministerpräsident Michael Kretschmer im Depot der Bergstadt gesprochen worden. Dabei wurden Vorschläge unterbreitet, wie die Entwicklung der Wehren im ländlichen Raum gefördert werden kann.

Am 1. Februar dieses Jahres berichtete "Freie Presse", dass die Wolkensteiner Wehr keinen Bereitschaftsdienst mehr leisten kann. Ortswehrleiter Christian Zießler hatte einen dramatischen Appell an die Einwohner gerichtet: "Alle erwarten, wenn sie den Notruf wählen, dass die Feuerwehr sofort kommt. In Wolkenstein können wir das ab dem 1. Februar nicht mehr gewährleisten." Grund: Die Ortswehr ist unterbesetzt. Auf dem Papier stehen 23 Mitglieder. Aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen habe aber nur rund ein Drittel auch Zeit, die geforderte Mindestausbildung zu absolvieren. Und: Das Thema Personalmangel brennt auch anderen Wehrleitern unter den Nägeln. Allerdings hat sich seit Zießlers Hilferuf die Lage nicht wirklich verbessert. Im Gegenteil, erläutert der 43-Jährige. Bis Jahresende werden drei weitere Kameraden ausscheiden. Nur einer ist seit Februar hinzugekommen. "Ich sehe schwarz", sagt Zießler. Er leitet seit 20 Jahren die Ortswehr und weiß dank seiner Erfahrung, dass zu wenig Geld und mangelnde Ausstattung nicht die Hauptgründe für diese Entwicklung sind: "Wir haben ordentliche Bedingungen. Es sind die Menschen selbst. Werte haben sich geändert." Trotzdem sei die Politik gefragt, das Ehrenamt wieder attraktiver zu machen. Zießler fordert vor allem Unterstützung bei der Grundausbildung von Kameraden, in dieser Zeit eine Freistellung von der Arbeit und den Ausgleich für Verdienstausfall. Bürgermeister Wolfram Liebing pflichtet ihm bei, dass das Ehrenamt noch besser mit dem Beruf in Einklang gebracht werden müsse. Er unterbreitet drei Vorschläge: eine Woche Grundausbildung mit Freistellung und Lohnausgleich für Arbeitgeber, verkürzte Pflichtausbildungsstunden für Schichtarbeiter, Pendler, junge Familien sowie fachliche und finanzielle Unterstützung bei der Nachwuchsförderung.

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Kretschmer stellt in Aussicht, dass die Ausbildung regionaler und nicht am Wochenende erfolgen könne: "Im Zweifel sogar digital." Zudem will er die Idee aufgreifen, neues Lehrmaterial für die Nachwuchsgewinnung bereitzustellen. Er kann sich vorstellen, freiwillige Zusammenschlüsse von Wehren stärker finanziell zu unterstützen. Ein Rentenbonus und ein durchweg hauptamtlicher Brandschutz würden hingegen am Geld scheitern.

Das Thema soll nun nochmals in einer Runde mit Sachsens Innenminister Roland Wöller und den Kreisbrandmeistern ausführlicher besprochen werden. Daran teilnehmen würde gern auch Christian Zießler. Bis dahin schieben der Wehrleiter und seine Kameraden weiter normalen Dienst. Zießler: "Unsere Feuerwehr ist nicht abgemeldet. Aber im Einsatzfall werden weiter auch benachbarte Wehren alarmiert." Und das bedeutet: längere Wege zum Einsatzort und Zeitverlust, wo jede Sekunde zählt. (mit kala)

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