Eine junge Mutter kämpft gegen den Blutkrebs

Vor wenigen Wochen erhielt Christina Wolfgruber die Diagnose Leukämie. Seitdem ist ihr Leben ein anderes. Sie will wieder gesund werden und bei ihrer einjährigen Tochter sein. Doch sie braucht dringend eine Stammzellenspende - am Samstag können Menschen sich dafür typisieren lassen.

Seiffen/DITTMANNSDORF.

Ihr momentaner Lieblingsplatz ist etwas abseits des Krankenhausflurs, draußen unter einer großen Linde. Dort sitzt Christina Wolfgruber im Schatten und blickt auf die grün leuchtenden Blätter über ihr. Sie würde die Sonne jetzt gern so richtig genießen. Doch das kann die 34-Jährige nicht. Stattdessen muss sie vorsichtig sein, sich mit Kappe und langärmeligem Hemd verhüllen und bald wieder zurück auf ihr Zimmer in der onkologischen Station des Chemnitzer Küchwald-Klinikums. Dorthin, wo die Fenster geschlossen bleiben, das Essen in Folie verpackt ist und Besucher nur durch eine Schleuse und mit Mundschutz eintreten dürfen.

All das ist gerade essenziell für Christina Wolfgruber. Vor acht Wochen bekam sie die Diagnose Leukämie, seitdem ist sie hier in Behandlung. Es gilt momentan, jede Infektionsquelle zu vermeiden. Denn die Chemotherapie hat sie geschwächt. "Mein Immunsystem wird heruntergefahren", erklärt die junge Frau die Prozedur. "Bis ich keine Abwehrkräfte mehr habe." So werden bösartige Zellen im Blut eliminiert, die anschließend durch gesunde, sogenannte Stammzellen eines Spenders ersetzt werden sollen. Doch ein Spender - das ist die große Herausforderung - muss erst einmal gefunden werden und der Patientin genetisch sehr ähnlich sein.

Eigentlich hatte Christina Wolfgruber etwas ganz anderes vor. Die junge Frau war in den vergangenen Jahren viel herumgekommen. Nach Stationen in München, Wien und Dresden will sie ins Grüne, zurück zur Familie, die im Gornauer Ortsteil Dittmannsdorf wohnt. Mit ihrem Freund kauft sie Anfang des Jahres ein Haus, beide finden Arbeit in der Region. Und Tochter Tilda, vor einem Jahr zur Welt gekommen, rundet das Familienglück im Erzgebirge ab. Glück, das nur vier Wochen währt. Dann kommt der Tag, an dem sich Christina entscheidet, zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen. Seit einer Weile plagen sie Rückenschmerzen, hatte sie Gewicht verloren und war öfter erkältet. Vielleicht ist es der Stress wegen des Umzugs oder der Kleinen, denkt sie: "Da war aber auch das Gefühl, dass vielleicht doch nicht alles in Ordnung ist." Am Tag darauf kommt die Diagnose. "Meine Hausärztin rief an und sagte: Es sieht nicht gut aus", erinnert sich Christina Wolfgruber. Die 34-Jährige holt Tochter Tilda noch aus dem Kindergarten ab und legt sie zuhause zum Mittagsschlaf hin. Als Tilda nachmittags wieder aufwacht, ist ihre Mutter schon im Krankenhaus. Die Ärzte raten, sofort mit der Chemotherapie zu beginnen. Die junge Mutter ist selbst Krankensschwester im Intensivbereich. Mit Leukämie, dieser speziellen Form von Blutkrebs, hatte sie aber noch nie zu tun und fängt an, sich zu belesen: "Ich wollte wissen, was da auf mich zukommt." Nun weiß sie, dass die Blutbildung in ihrem Körper nicht mehr richtig funktioniert. Bösartige Zellen darin vermehren sich rapide, das Blut kann lebenswichtige Aufgaben wie Sauerstofftransport oder Infektionsbekämpfung nicht mehr bewältigen. Nur Chemotherapie und Stammzellenspende können ihr Leben retten.

"Die Krankheit verändert viel", sagt Christina Wolfgruber. Sie sei feinfühliger und wisse nun jeden Moment zu schätzen. Aber es gibt auch diese Momente des Zweifels. Am schlimmsten ist, dass sie gerade selten mit ihrer Tochter zusammensein kann. "Ich will mit Tilda spazierengehen, toben und im Matsch spielen", sagt sie sehnsüchtig. Etwas, das ihr gegenwärtiger Zustand nicht erlaubt. Nur alle paar Tage darf jemand aus der Familie Tilda im Krankenhaus vorbeibringen.

Die Familie, das ist in dieser schweren Zeit der große Rückhalt. Christina Wolfgrubers Eltern unterstützen, wo sie können, obwohl beide berufstätig sind. Die Diagnose sei für alle ein Schock gewesen, erklärt Mutter Carola Wolfgruber: "Das hat sie nicht verdient." Doch zugleich verspricht sie, nicht aufgeben zu wollen.

Die Familie weiß, dass der Kampf gegen Leukämie kein einfacher ist. Aber sie nimmt ihn an - zusammen mit dem Verein "Das Erzgebirge gegen Blutkrebs". Zum Erzgebirgs-Bike-Marathon am kommenden Samstag in Seiffen soll eine Typisierungsaktion stattfinden. Am Stand des Vereins können Menschen mit einem simplen Wangenabstrich prüfen lassen, ob sie als Spender infrage kommen. Die Vereinsvorsitzende Jana Lorenz ermutigt Menschen, teilzunehmen: "Es kann Leben retten."

Je mehr Leute kommen, desto größer die Chance, dass ein passender Spender für Christina Wolfgruber dabei ist. Doch zugleich erinnert die Patientin selbst daran, dass es nicht nur um sie geht. Laut Deutsche Krebsgesellschaft erkranken jährlich mehr als 13.000 Menschen an Leukämie. Jeder, der sich in Seiffen typisieren lässt, ist daher ein potenzieller Lebensretter für Betroffene.

Christina Wolfgruber wird dann in ihrem Krankenhauszimmer sitzen und hoffen. "Ich will nicht traurig sein", sagt sie. "Sonst wäre die Zeit, die ich habe, verschenkt."


Als Spender registrieren und Leben retten

Eine Typisierungsaktion für Christina Wolfgruber findet am Samstag in Seiffenim Rahmen des Erzgebirgs-Bike-Marathons statt. Auf dem Festplatz Jahnstraße ist der Verein "Erzgebirge gegen Blutkrebs" zwischen 10 und 16 Uhr mit einem Stand vertreten. Wer gesund, zwischen 18 und 40 Jahre alt und noch nicht registriert ist, kann sich beteiligen (ausgenommen Schwangere). Dazu wird mit einem Stäbchen ein Abstrich in der Wangenhöhle genommen.

Die Spenderdaten gehen an das Zentrale Knochenmarkspenderregister Deutschland. Mit diesem werden Blutwerte von Krebspatienten auf der Suche nach passenden Spendern abgeglichen. Über 8 Millionen sind laut Sprecherin Sonja Schlegel registriert. 2017 kamen 670.000 hinzu. Dank der Datenbank bekamen 2017 rund 3100 Patienten Stammzellen (Knochenmark) transplantiert. 7000 Menschen spendeten Stammzellen - auch für Patienten im Ausland. (svw)

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