Klapper- und Klackgeräusche sind Musik in seinen Ohren

Friedrich Greifenhagen dürfte der einzige diamantene Posamentierer der Region sein. Noch heute ist er seinem Handwerk wortwörtlich ganz nah.

Schlettau.

Wer kennt sie nicht, die bunten Bastgirlanden, die zu DDR-Zeiten auf keinem Faschingssaal und bei keinem Kindergeburtstag fehlen durften? "Die sind nicht kaputtgegangen", meint Friedrich Greifenhagen und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich habe immer gesagt, die können sie mit ins Testament schreiben." Greifenhagen muss es wissen, denn er ist, wenn man so will, der Erfinder der unkaputtbaren Girlanden, die es zum Schluss in acht oder gar neun kräftigen Farben gab. Der 89-Jährige hat unlängst den Diamantenen Meisterbrief als Posamentierer erhalten und dürfte der einzige diamantene Posamentierer der Region sein.

Sein beruflicher Werdegang war von Beginn an vorgezeichnet, wenngleich er zwischendurch auch mal als Schlosser arbeitete und zunächst die Handelsschule besuchte. Doch schließlich setzte Friedrich Greifenhagen in siebenter Generation die Posamentierer-Tradition fort. Am Kirchplatz in Schlettau hatte die Familie eine Werkstatt mit etwa 15 Angestellten, die unter dem Namen M. Greifenhagen & Co firmierte. "Dort bin ich ja zwischen den Maschinen groß geworden, in der Fabrik meines Vaters aufgewachsen", so Greifenhagen. Er glaubt sich zu erinnern, dass er vielleicht mit sechs oder acht Jahren erstmals an einer Maschine saß. Ob das Posamentierer-Handwerk ein Traumberuf war, vermochte er damals nicht einzuschätzen. "Ich hatte gar keine anderen Pläne." Heute hingegen hegt er keinen Zweifel daran, dass dieser Beruf für ihn die Erfüllung war. Ganz im Gegenteil: Der Schlettauer hatte sich nach der Wende unter anderem gemeinsam mit seinem Bruder Matthias Greifenhagen dafür stark gemacht, dass das Handwerk in der Region nicht ganz vergessen wird und zumindest im Museum einen würdigen Platz findet.

Noch heute wird seine Stimme brüchig, bilden sich Tränen in seinen Augen, wenn er erzählt, dass er Ende 1990 den Schlüssel der Fabrik letztmalig umdrehte. "Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass die Posamentrie im Erzgebirge so zerschlagen worden ist", sagt Greifenhagen und fügt hinzu: "Warum hat sich niemand dagegen gewehrt? Die OPEW hat zu DDR-Zeiten um die 3500 Leute beschäftigt", so der Meister. Schließlich lassen sich an den meisten Kleidungsstücken Posamenten finden. Kleine Kordeln, Schnürsenkel, Spitzenborde an Decken, kleine Bastdeckchen oder selbst das Hutschleifchen sind Posamenten, betont der 89-Jährige.

Angesichts der Enttäuschung, die in seinen Worten mitschwingt, war es eine Fügung, die ihn vor mehr als einem Jahr zurück nach Schlettau führte. Greifenhagen zog in das Haus, in dem Thomas Schubert "Angermann-Posamenten" und damit die noch einzige Posamenten-Werkstatt Schlettaus betreibt. Friedrich Greifenhagen ist stolz, darauf, dass er ab und an mal in dieser vorbeischauen kann. "Das ist Musik in den Ohren", kommentiert er die monotonen Klapper- und Klackgeräusche, die die Maschinen der Werkstatt erzeugen.

Die Aufgabe der Posamentierer-Meister war in den meisten Fällen die Überwachung und Einrichtung der Maschinen. Außerdem gehörte die Musterentwicklung zu ihren Aufgaben. Greifenhagens Meisterstück war eine besondere Bordüre. Dafür wurde eine Klöppelspitze in sich verdreht, sodass kleine Hütchen entstanden. "Das Band war ganz weich, sodass es sich leicht drehen ließ. Leider gab es dieses nur in Weiß, sodass ich als Kontrast Schwarz verwendete", erinnert sich der Posamentierer an sein Meisterstück. Einer der Prüfer stichelte deshalb, ob er nur Trauerposamenten herstelle.

Überhaupt spielten Farben bei den kleinen Textilien immer eine entscheidende Rolle. Denn Posamenten sind Schmuckartikel. Sie geben einem Produkt das gewisse Etwas. "Sie waren immer der Mode unterworfen", sagt Greifenhagen. Als sie in den 1970er-Jahren die Empfehlung bekamen, sich zu spezialisieren, verarbeitet die Greifenhagens Kunstbast. "Das war die Regenerierung eines Abfallprodukts aus der Kunstseidenherstellung", so der Fachmann. In Schlettau wurden daraus unter anderem Borden und Bastdeckchen hergestellt. Zunächst gab es kaum Mitbewerber. Als die Auftragsbücher überliefen, ging Friedrich Greifenhagen in andere Werkstätten. "Ich habe den anderen gezeigt, wie es funktioniert", so der diamantene Meister.

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