Kretschmer enttäuscht Hilmersdorferin

Politiker machen mitunter Versprechen. Doch halten sie diese auch? Kerstin Günther hatte vom Ministerpräsidenten Hilfe erwartet - ihre Hoffnung war umsonst.

Hilmersdorf.

Kerstin Günther hat kein gewöhnliches Leben als Mutter. Seit 37 Jahren unterstützt sie ihren Sohn bei den täglichen Aufgaben. Sie weckt ihn am Morgen. Sie erinnert ihn daran, nicht zu spät zu kommen. Und sie schenkt ihm die Aufmerksamkeit, die er braucht.

Lars Günther ist seit Geburt geistig beeinträchtigt. Auch mit 37 Jahren benötigt er mitunter noch Hilfe seiner Mutter. Kerstin Günther ist trotzdem stolz auf ihren Sohn. Er geht sieben Stunden am Tag in einer Behindertenwerkstatt in Marienberg arbeiten, verdient monatlich 240 Euro. "Dafür würden sich manche nicht mal im Bett umdrehen", betont die 59-Jährige. Lars Günther ist eine Bereicherung für ihr Leben und das ihres Ehemanns Holger. Keine Belastung. Die wird von etwas anderem ausgelöst. Schuld sind ein Formular - und die Politik.

Die Hilmersdorferin beantragt regelmäßig Grundsicherung für ihr Kind, arbeitet und listet dafür sämtliche Ausgaben auf. Bislang musste die Krankenschwester den Aufwand jährlich wiederholen. Doch seit 2018 wird der Antrag aller sechs Monate gefordert. "Mein Verständnis ist am Ende. Reine Schikane." Kerstin Günther ärgert vor allem die Ungleichbehandlung: "Für Behinderte, die nicht zuhause, sondern im betreuten Wohnen leben, ist gar kein Nachfolgeantrag notwendig. Sind Eltern weniger vertrauenswürdig?"

Kerstin Günther kennt Familien, denen es ähnlich ergeht. Auch deshalb hat sie allen Mut zusammengefasst und Ende August 2018 bei der Regionalkonferenz der CDU in Marienberg Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer auf die bürokratischen Hürden angesprochen. Kretschmer versprach, Kontaktdaten mit der Mutter auszutauschen und sich um das Problem zu kümmern. Schon der Austausch der Daten kam nicht zustande, sagt die 59-Jährige. Warum, das kann auch Regierungssprecher Ralph Schreiber auf Anfrage von "Freie Presse" nicht beantworten.

Deshalb hat Kerstin Günther ihr Problem noch einmal schriftlich formuliert und an die Staatskanzlei gesendet. Exakt neun Wochen verstrichen - ohne Antwort aus Dresden. "Stattdessen flatterte ein erneuter Wiederholungsantrag auf Grundsicherung bei uns ein", sagt die Hilmersdorferin. Ihre bittere Enttäuschung formulierte sie in einem weiteren Brief an die Sächsische Staatskanzlei. Quasi zeitgleich reagierte das Sozialministerium tatsächlich mit einem Antwortbrief auf das erste Schreiben. Regierungssprecher Schreiber erläutert, dass das Anliegen am 14. September von der Staatskanzlei an das Sozialministerium weitergeleitet wurde: "Eine Antwort erhielt Frau Günther am 29. Oktober. Das sind sechs Wochen für eine Antwort, die im Zweifel eben auch eine Stellungnahme anderer Behörden benötigt."

Doch auch der Inhalt des Briefes ist für die Erzgebirgerin nur ein weiterer Nackenschlag. Statt Hilfe kam nur Verständnis. Statt künftig weniger Aufwand nur tröstende Worte. In dem Schreiben wird ihr das Bundesrecht erläutert. Demnach habe das Sozialamt das Gesetz richtig angewandt und es bestehe keine Möglichkeit, den Antragsaufwand zu verringern. Zudem machten "schwankende finanzielle Hauslasten" die Folgeanträge notwendig. Und: die ständige Neuberechnung habe einen finanziellen Vorteil für ihren Sohn. "Ihren Unmut über so viel Aufwand bei der Antragstellung kann ich gut verstehen ... ich hoffe, dass mein Schreiben dazu beitragen kann, dass Sie den Sinn hinter dem Antragsaufwand besser nachvollziehen können", heißt es in dem Brief.

Kerstin Günther kann das nicht: "Mit so einer Antwort kann ich nicht zufrieden sein." Was sie besonders ärgert: die Ungleichbehandlung zwischen Betreuung zuhause und im Heim. Warum das so ist, diese Frage sei ihr nicht beantwortet worden. "Hierfür hätte eine Umfrage bei allen Sozialhilfeträgern im Freistaat erfolgen müssen", begründet Ralph Schreiber.

Kerstin Günther will sich daher nochmals an den Ministerpräsidenten wenden - schriftlich. Und mit ihrem persönlichen Anliegen steht sie keinesfalls allein da. Pro Monat erreichen Kretschmer mehrere Hundert Anfragen aus Gesprächen oder per Post, erklärt der Regierungssprecher. Und Schreiber betont: "Der Ministerpräsident verspricht nicht zu klären, sondern sich zu kümmern. Am Ende muss auch er sich an Recht und Gesetz halten."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...