Lißke: "Unser Auftrag ist es zu gestalten"

Wirtschaftsförderung Erzgebirge erhält renommierten Mittelstandspreis

Annaberg-Buchholz.

Seit 25 Jahren gibt es die WFE, gegründet einst vom Kreistag Annaberg. Seit 2008 ist sie für den gesamten Erzgebirgskreis tätig, als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit. Ihre Erfolge lassen sich nicht in Euro und Cent auflisten und haben doch eine große Strahlkraft wie etwa der Welterbetitel, an dessen Verleihung die WFE eine große Aktie hat. Doch was ist die WFE? Das und mehr hat Thomas Wittig den Geschäftsführer Matthias Lißke gefragt.

"Freie Presse": Was macht ein Wirtschaftsförderer eigentlich den ganzen Tag?


Matthias Lißke: Es gibt nicht einen, sondern viele Wirtschaftsförderer. Jeder hat seinen Spezialbereich. Das Spektrum reicht von der Beratung zu Förderprogrammen über Marketingaufgaben für die Region, die Betreuung von Firmen, die Vorbereitung von Messen bis hin zur Fachkräfteakquise oder dem Thema Ausbau von Wanderwegen. Wir sind da ganz breit aufgestellt.

Wie viele Kilometer legen Sie mit dem Auto dienstlich im Jahr zurück?

Etwa 50.000. Der Landkreis ist groß. Und deshalb schimpfe ich auch am meisten über den Straßenausbau im Erzgebirge. Dazu kommen Fahrten nach Berlin, Leipzig und Dresden.

Wohin führte Sie Ihre bisher weiteste Dienstreise?

Ich denke, das war jetzt die Reise nach Baku, um den Welterbetitel in Empfang zu nehmen. Ich war dienstlich aber auch schon in Griechenland, Spanien oder Portugal, um mich beispielsweise zu EU-Projekten auszutauschen.

Wie viele Arbeitsplätze hat die WFE geschaffen?

Ich weigere mich, solche Zahlen zu nennen, weil da viel Missbrauch gemacht wird. Aber klar, wir sind natürlich ein Dienstleister, der an vielen kleinen Rädchen mitgedreht hat, damit in der Region was läuft. Das ist unser Job, wir sind dahingehend ein wichtiger Partner. Was ich ganz sicher nennen kann, ist die Zahl 35. Das sind die Mitarbeiter, die in der WFE tätig sind.

Aus welchen Bereichen kommen Ihre Mitarbeiter?

Vorweg, es gibt keine Ausbildung zum Wirtschaftsförderer. Deshalb haben sie ganz verschiedene Berufe. Unabhängig davon sind für die Tätigkeit bei uns zwei Dinge wichtig. Die Leute müssen kommunikativ und von der Region begeistert sein. Ohne Begeisterung geht der Job nicht. Wir sind keine Verwaltung. Unser Auftrag ist es zu gestalten. Dazu muss ich bereit sein, das muss mir Spaß machen. Und dazu brauche ich auf der einen Seite Marketingspezialisten, auf der anderen Seite Mitarbeiter, die sich in Sachen Betriebswirtschaft auskennen oder Leute für den Bereich Berufsorientierung, die auf Schüler eingehen können. Unter dem Strich geht es darum, dass man zielgruppenentsprechend die Menschen ansprechen kann.

Wer finanziert die Wirtschaftsförderung eigentlich?

Der Erzgebirgskreis als Gesellschafter der WFE finanziert weniger als 20 Prozent. Die meisten Mittel holen wir über Fördergelder von Land, Bund und EU, aber auch die Wirtschaft selbst bezahlt natürlich für bestimmte Leistungen. Das ist wiederum Geld, das wir als Eigenmittel einsetzen können, um damit Fördermittel zu akquirieren. Ich sage immer, wenn eine Wirtschaftsfördergesellschaft laufen soll, muss es in Zukunft eine Drittelfinanzierung geben: Kommune und Kreis, Fördergelder sowie Geld aus der Wirtschaft. Das Drittel Wirtschaft haben wir schon fast erreicht.

Welchen bekannten Persönlichkeiten haben Sie schon die Hände geschüttelt?

Vielen. Wo fangen wir da an? Ich habe die Bundeskanzlerin getroffen, natürlich auch alle sächsischen Persönlichkeiten und im Zuge des Welterbeprojektes etwa den tschechischen Kulturminister. Aber ebenso ist es interessant, Leute aus der Wirtschaft zu treffen und kennenzulernen, die etwas zu sagen haben. Im Grunde ist mir das aber nicht so wichtig. Entscheidend ist es, Partner zu finden, mit denen man arbeiten kann.

Auf was sind Sie in den 25 Jahren ihrer Tätigkeit besonders stolz?

Natürlich das Welterbeprojekt. So etwas ist einmalig. Das macht man nur einmal im Leben. Aber es gibt auch unzählige kleine Dinge, wenn man etwa die Summe der Unternehmen im Kreis sieht, denen wir in irgendeiner Form weitergeholfen haben. Das ist genauso wichtig, weil man damit etwas Nachhaltiges in der Region beeinflusst hat. Dass wir im Moment eine so niedrige Arbeitslosigkeit haben und sich Firmen so gut entwickeln, dazu haben wir überall ein kleines Stückchen beigetragen. Das macht eine erfolgreiche Wirtschaftsförderung aus.

Was ging so richtig in die Hose?

Zum Glück noch nichts bis jetzt.

Hand aufs Herz, wie lange vorher haben Sie gewusst, dass wir den Welterbetitel erhalten?

Wir haben das wirklich erst in der Minute dort in Baku erfahren. Da ist vorher nichts durchgesickert. Die Entscheidung zu unseren Gunsten ist tatsächlich erst per Beschluss vor Ort getroffen worden.

Wenn Sie nicht Wirtschaftsförderer geworden wären, welchen Beruf hätten Sie dann ergriffen?

Ich habe ja Landwirtschaft studiert. Das hat mir auch viel Spaß gemacht. Eigentlich aber wollte ich Tierarzt werden. Das ging damals nicht unter anderem wegen der fehlenden Jugendweihe.

Was möchten Sie beruflich unbedingt noch erreichen?

Ich gehe auf die 60 zu. Da denke ich langsam nach, wie es nach mir hier weitergeht. In 25 Jahren erlangt man ein gebündeltes Wissen, baut etliche Beziehungen auf und macht Erfahrungen, was alles für sich unheimlich wichtig ist. All das möchte ich natürlich gern weitergeben, damit es für die Region nahtlos weitergehen kann.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung "Kommune des Jahres" der Oskar-Patzelt-Stiftung?

Dieser Preis bedeutet meinen Mitarbeitern sehr viel. Er ist eine große Motivation und Ansporn für alle. Die Mühen, die unzähligen Überstunden werden damit anerkannt. Das zählt für jeden, vom Buchhalter bis zum Haustechniker, die alle stets mitziehen. Egal, was ansteht, die Mitarbeiter harmonieren gut zusammen, einer hilft dem anderen, ohne dass der Chef das anweisen muss. Das macht uns im Team aus, und das macht einfach Spaß.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...