Mutter kämpft für bessere Förderung ihres Sohnes

Jutta Endtmann setzt sich seit Jahren für eine inten-sivere Betreuung in der Olbernhauer Behindertenwerkstatt ein. Jetzt wurde ein Teilerfolg erzielt.

Olbernhau.

Ein Donnerstagmorgen in der Lebenshilfewerkstatt Olbernhau: Während das Radio summt, gehen Metallfedern durch die Hand von Frank Endtmann, später werden sie in Türdrückern verbaut. Viel schafft er nicht am Tag. "Eigentlich nur das Minimum", sagt die Betreuerin. Sie schaut Frank und seinen Kollegen über die Schulter, gibt Hinweise. Für zwölf Mitarbeiter ist sie zuständig.

Zu viel, findet Jutta Endtmann, Franks Mutter: "Der Betreuungsschlüssel gefällt mir absolut nicht." Bei dieser Gruppengröße sei es nur begrenzt möglich, die Behinderten individuell zu unterstützen. Zudem stört sie, dass das Niveau innerhalb der Gruppe stark schwankt. Frank arbeitet demnach zusammen mit Kollegen, die viel mehr schaffen als er. Der Druck in den Werkstätten habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Jutta Endtmann vermutet: Seit in normalen Betrieben der Mindestlohn gezahlt werden muss, erhalte die Lebenshilfe mehr Aufträge. Wegen günstiger Lohnkosten. Und statt Menschen mit Behinderung zu integrieren, müssten die Betreuer nun dafür sorgen, dass sich die Arbeit rechnet. "Lebenshilfe nehme ich wörtlich", sagt Jutta Endtmann. "Das ist doch hier kein Dax-Betrieb."


Kathrin Schulze, die Geschäftsführerin des Lebenshilfewerks, will das so nicht stehen lassen. Der Mindestlohn habe nicht dazu geführt, dass die Werkstätten mehr zu tun hätten. "Dann würden wir ja mit Arbeit überflutet werden", sagt sie. Tatsächlich müsse der Betrieb nach wie vor um jeden Auftrag kämpfen. Dass ein gewisses Pensum nötig ist, räumt sie allerdings ein: "Wir sind keine Bastelstube." Deshalb, erklärt Schulze, werden Gruppen gebildet, in denen sowohl Leistungsträger als auch schwächere Kollegen arbeiten. So könnten sich die Mitarbeiter untereinander helfen. Druck würde dadurch aber nicht entstehen. Denn laut Kathrin Schulze ergeben sich für Frank weder Lohnkürzungen noch andere Konsequenzen, wenn er das Niveau der anderen nicht halten kann. "Wenn einer zwischendurch mal nichts macht, dann macht er halt nichts."

An den Standorten in Marienberg und Olbernhau werden derzeit 279 Menschen betreut, davon 259 im Arbeitsbereich, in dem auch Frank Endtmann tätig ist. Die Angestellten erhalten einen Grundlohn in Höhe von 80 Euro, je nach Leistung auch mehr. Der Betreuungsschlüssel - 1:12 - ist laut Schulze gesetzlich vorgegeben. Zudem weist sie darauf hin, dass Frank intensiver versorgt werden könnte, wenn er im sogenannten Förder- und Betreuungsbereich unterkäme. Dort gilt ein Schlüssel von 1:3. Statt Arbeit stehen Spiele und Betreuung im Vordergrund. Lohn bekommen die Behinderten in diesem Bereich allerdings nicht.

Jutta Endtmann hat dieses Angebot abgelehnt: "Das Geld spielt dabei keine Rolle." Aber sie meint, Frank wäre in so einer Gruppe unterfordert: "Er hat mehr Potenzial, wenn man ihn richtig fördert." Ihr Kampf um bessere Betreuung dauert nun fast zwei Jahre. Die Korrespondenz mit Behörden und Politikern füllt eine dicke Mappe. Landtagsabgeordnete hat sie angeschrieben, den Kommunalen Sozialverband, den Paritätischen Wohlfahrtsband. Die Antworten, sofern sie denn kamen, lassen sich im Kern so zusammenfassen: Es fehlt an Geld.

Auch Kathrin Schulze hat sich eingesetzt, dass etwas passiert. Lange vergeblich. Nun konnte sie einen Teilerfolg erzielen. Der Kommunale Sozialverband, unter anderem zuständig für die Bezahlung des Betreuungspersonals, hat zugesagt, dass noch 2017 eine neue Stelle geschaffen wird. Frank könnte an bis zu drei Tagen in der Woche in einer Sechser-Gruppe arbeiten. Eine Lösung, mit der Jutta Endtmann leben kann: "Aber es ist unverständlich, wie lange man für eine Selbstverständlichkeit strampeln muss."

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