Neuanfang mit Ende 40

Eine Großwaltersdorferin merkt, dass ihr Job in einer Bank sie nicht ausfüllt. Ihr fehlt das Menschliche. Sie beginnt, noch einmal zu studieren: Soziale Arbeit.

Großwaltersdorf / Breitenbrunn / Oelsnitz.

In ihrem früheren Job zerschlug Katrin Börner öfters Hoffnungen, als es ihr guttat. "Das Schlimmste waren die enttäuschten Gesichter, wenn ich den Privatkunden mitteilen musste, dass das Institut ihnen keinen Kredit gewährt. Weil das Haus zu wenig Wert war oder das Eigenkapital nicht ausreichte", sagt die Ex-Bankerin aus Großwaltersdorf. Mit Hiobsbotschaften vom Schlag: "Kein Geld für Sie", verdiente die 51-jährige jahrelang ihr täglich Brot. Sie fühlte sich zunehmend unwohl. Denn: "Es wurden nur selten Kredite gewährt, was ich oft nicht nachvollziehen konnte." Dazu noch das tägliche Kleiderordnung: Rock und Bluse, Jacket und Anzughose. Der Mensch Katrin Börner, der manchmal Lust hatte, einfach nur Jeans und T-Shirt anzuziehen und gern anderen hilft, war in dem Geldinstitut nicht erwünscht.

Doch er verschaffte sich immer lauter Gehör. "Soll das alles gewesen sein? Diese Frage stellte ich mir oft in der Zeit", sagt Katrin Börner. Die Zeit, von der sie spricht, liegt über drei Jahre zurück. Die Katrin Börner in Jeans und T-Shirt, die auch mal beim Discounter ein Strickjäckchen kauft und glücklich ist, wenn sie anderen helfen kann, hat gewonnen. 2014 entschloss sich die zweifache Mutter, die mit Mann und Haus in Großwaltersdorf lebt, noch einmal zu studieren und verpasste ihrem Leben eine 180-Grad-Wendung.

Die studierte BWLerin, die ein hohes fünfstelliges Jahresgehalt verdiente, möchte nun in der Suchtberatung arbeiten. Nach ihrem dualen Studium Soziale Arbeit an der Berufsakademie Breitenbrunn, das sie in diesem Jahr abschließen will. Abwechselnd war sie an der Akademie im Vogtland und ihrer Praxisstation in Oelsnitz, der Suchtberatung des Diakonischen Beratungszentrums Vogtland. Der Teil an der Hochschule ist vorbei, nun steht die Bachelorarbeit an.

Die Suchtberatungsstelle in Oelsnitz ist in einem charmanten, gut beheiztem Altbau mit dicken Wänden untergebracht, die den Straßenlärm schlucken. Katrin Börner öffnet die Tür mit Schwung und einem Lachen. Sie bietet Kaffee und Kekse an und berichtet, dass sie sich auch als Mensch verändert habe. Dass sie gemerkt hat, dass sie mit 500 Euro auskommt und, dass sie sich jeden Tag auf etwas freut. Dass sie auf Arbeit sie selbst sein kann. Und es sie unglaublich glücklich macht, wenn sie einen Klienten, der mit der Alkoholsucht kämpfte, wieder auf den ersten Arbeitsmarkt bekommen hat. Dass sie Passanten, die ihr auf der Straße entgegenlaufen, genauer betrachtet und Alkoholikern, mit denen sie früher in ihrer heilen Welt, wie sie sagt, nichts zu tun hatte, ein Lächeln zuwirft anstatt pikiert die Straßenseite zu wechseln. "Ich sehe jetzt die Menschen und die oft traurigen Schicksale dahinter." Beratung und Vorträge über Alkohol etwa in Firmen oder Schulen stehen in Oelsnitz auf der Agenda. Als Katrin Börner sich dort bewarb, war ihr Alter Thema. Chefin Kerstin Antlauf erinnert sich: "Ich hatte Hochachtung und Respekt. Mir hat gefallen, dass sie sagte: 'Ich will neu anfangen und das machen, was ich wirklich will.' Wir haben das im Team entschieden. Es gab auch Skeptiker. Im Nachhinein haben wir es keine Sekunde bereut."

Während der Studienzeit hat Katrin Börner in einem Wohnheim gelebt, zusammen mit einer jungen Frau Anfang 20. "Ich hatte erst Angst davor, wie es ist, dass ich die Älteste bin im Studium. Laut der Sekretärin dort bin ich die zweitälteste Absolventin, die sie je hatten." Heute kann die 51-Jährige über diese Angst lachen. "Es war ein total schönes Miteinander. Ich kann das Zusammensein mit Anfang 20-Jährigen jedem empfehlen." Doch nicht nur das. Auch zu ihrem Mann habe sie eine noch intensivere Beziehung aufgebaut durch die neuen Erfahrungen und die Abwesenheit unter der Woche. "Wir haben gelernt, mehr miteinander zu reden. Wir telefonieren stundenlang. Anfangs meinte er: 'du spinnst!' Dann hat er mich sehr unterstützt, bei meinen Prüfungen immer mitgefiebert", sagt sie und lächelt versonnen, fast verliebt.

Die ganze Familie stand hinter ihr. Dass sie mutig sei, hört sie gar nicht gern. "Es kann jeder schaffen mit Ehrgeiz und Unterstützung der Menschen, die einem wichtig sind. Ich habe es doch auch geschafft."

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