Schmetterlings-Treiben auf alter Halde

Im Luchsbachtal bei Pöhla hat der Bergbau ein Naturparadies geschaffen. So viele Falter in einem Habitat gibt es nur noch selten. Doch was, wenn der Bergbau zurückkehrt?

Pöhla.

Die folgende Geschichte zeigt, dass bei den schönsten Entdeckungen der Zufall eine Rolle spielt. Als Uwe Kaettniß (58) unlängst zwei Gruppen Naturfreunde durchs Luchsbachtal führte, erwähnte er, dass er damit rechne, dort den Großen Schillerfalter und den Großen Eisvogel zu finden. Beides sind prächtige Schmetterlinge, ausgewachsen bedecken sie die Handfläche eines Menschen. Beide Arten leben in Baumkronen, trinken Baumsaft und lecken Mineralien von Wegen. Sie mögen Luftfeuchtigkeit und brauchen Weiden und Espen, von denen sich ihre Raupen ernähren.

All das gibt es im Luchsbachtal, das vor nicht allzu langer Zeit eine Steinwüste war. Bis 1990 hat die Wismut dort Uran gefördert, das Tal bestand aus Abraumhügeln. Zwölf Jahre nach dem Abschluss der Sanierung ist aus dem Grau ein grünes Naturparadies gewachsen. Die Bäume hätten nunmehr die richtige Größe, das Habitat sei reif für Schillerfalter und Eisvogel, sagt Kaettniß. Gesehen hat er weder den einen, noch den anderen, aber einer der Exkursionsteilnehmer will bereits einen Schillerfalter beobachtet haben. Zwei Tage später schickte ein anderer Teilnehmer Kaettniß ein Foto vom Großen Eisvogel, aufgenommen auf einem Weg im Luchsbachtal. Beide Laien hatten das Glück, auf das der Fachmann noch wartet.

Kaettniß nennt das Luchsbachtal einen Ort, dessen Artenreichtum ihn verblüfft habe. "Im Spätsommer 2018 kam ich erstmals hierher, um Schmetterlinge zu beobachten", erzählt er. "Binnen drei Monaten konnte ich 17 Arten dokumentieren. Mittlerweile sind es 85." Dazu gehört auch der Dukatenfalter, ein Prachtkerl mit rotgoldenen Flügeln, der vor zwei Jahren noch nicht hier gelebt haben soll, mittlerweile aber häufiger gesehen wird. Oder der Kaisermantel, ein Edelfalter, der seine Eier in die Falten von Baumrinde legt, aber nur dort, wo auch Veilchen wachsen, da diese die Nahrungsgrundlage seiner Raupen darstel- len.

"In Deutschland gibt es 190 Tagfalterarten, in Sachsen 90", sagt Kaettniß. "Im Luchsbachtal habe ich bisher 49 nachgewiesen. Das ist eine sehr interessante Anzahl für eine Fläche von nur 20 Hektar." Hinzu kommen 36 Nachtfalterarten. Kaettniß glaubt, dass er die magische Anzahl von 100 Arten knacken kann.

Dietmar Höfer, Schmetterlings-Experte der Grünen Aktion Westerzgebirge, sagt, es gebe wenige Biotope, in denen so viele Arten auf einmal vorkommen: "Die meisten Arten im Luchsbachtal sind zwar alltägliche Falter, aber es sind auch Raritäten dabei, wie der Große Fuchs, der Trauermantel und Perlmutterfalter. Heutzutage muss man froh sein, wenn man an einer Stelle so viele Schmetterlinge sieht."

Die eingangs erwähnte Exkursion lockte 50 Naturfreunde an. Neben der Begeisterung über den Artenreichtum auf dieser Bergbaufolgefläche wurde auch Besorgnis über die Zukunft des Habitats laut. Mit der Saxony Minerals & Exploration AG (SME) soll der Bergbau zurückkehren. Das Unternehmen will Wolfram, Fluorit und Zinn abbauen. Das Genehmigungsverfahren läuft.

In der Anhörungs-Phase hat Kaettniß, der auch Kreisvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen ist, die Schmetterlingsvorkommen als Einwand aktenkundig gemacht. Die Arbeiten unter Tage sieht er nicht als Problem, doch einmal mehr soll Abraum ins Luchsbachtal gekippt werden. "Zehn Millionen Tonnen, bis zu 40 Meter hoch", sagt er. "Die Fläche wird dreimal so groß sein wie die frühere Wismut-Halde. Der heutige Lebensraum wird dabei zerstört."

Das Unternehmen hat dem entgegengehalten, dass die Halde nicht auf einmal kommen soll. Man nehme sie Stück für Stück in Anspruch, in Scheiben von drei bis vier Hektar. Ehe ein neuer Abschnitt dran ist, werde der vorherige renaturiert. In einem ersten Antrag hatte SME geschrieben, im Luchsbachtal kämen keine relevanten wirbellosen Arten vor. Angesichts von Kaettniß' umfangreicher Artendokumentation plant das Unternehmen inzwischen 3,9 Hektar ein, die eigens für die Schmetterlinge hergerichtet werden sollen. Projektmanager Martin Jungnickel sagt, dass Nahrungspflanzen für geschützte Falter gefördert oder angesät werden sollen. "Uns ist bekannt, dass Weg- und Waldränder schwerpunktmäßig die Habitate der hier vorkommenden Arten sind. Also soll ein Hauptaugenmerk auf Schaffung und Erhaltung dieser Strukturen liegen."

Des weiteren habe SME Schutzmaßnahmen für eine im Vorjahr entdeckte Haselmaus-Population eingeplant und bereite weitere für Zauneidechsen, Kreuzottern und verschiedene Brutvögel vor.

Wolfgang Riether von Pro Naturschutz Sachsen glaubt, dass die Schmetterlinge in solchen Rückzugsräumen überdauern und das Tal nach der bergbaulichen Nutzung neu besiedeln können. "Man darf nicht vergessen, dass der Bergbau erst dafür gesorgt hat, dass sich so ein Habitat etablieren konnte", sagt er. "Die Wismut hat aus Wald Offenland gemacht. Dessen Blütenreichtum lockte dann die Falter an. Wächst alles wieder zu, verschwinden auch die Schmetterlinge."

Tatsächlich wachsen Gräser, Büsche und Bäume im Luchsbachtal derzeit langsam in die Höhe. Einige Arten wie der Kleine Feuerfalter, die kein hohes Gras mögen, sind bereits wieder verschwunden. Trotzdem war die Zeit wohl nie so günstig wie heute, um eine bunte Vielfalt einheimischer Falterarten auf engem Raum zu sehen. In den nächsten Tagen, sagt Uwe Kaettniß, erwartet er unter andere viele Perlmutterfalter.

Im Internet kann man alle entdeckten Arten auf der Seite von Uwe Kaettniß sehen:

schmetterlinge-im-luchsbachtal.de

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