Schnitzen: Als aus einer Not einst eine Tugend wurde

Ehrenfried Richter erkrankte mit Mitte 40 schwer. Um sich etwas zu seiner kargen Rente hinzuzuverdienen, grub er ein altes Hobby wieder aus - und blieb ihm treu.

Pockau.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, behauptet der Volksmund. Dass dem nicht so sein muss, bestätigt Ehrenfried Richter. Denn der heute 83-jährige Pockauer widmet sich erst seit Mitte der 1980er-Jahre seiner heutigen Leidenschaft, dem Schnitzen.

"Gebastelt habe ich schon in meiner Kindheit gern. Für den Heimbedarf habe ich unter anderem Nussknacker und Räuchermännchen gemacht", so der Senior, der sich nach der Schule für den Beruf des Autoschlossers entschied. Als Bus-, später als Lkw-Fahrer verdiente er die Brötchen für seine Familie. "Als ich 47 Jahre alt war, wurde ich schwer krank und in der Folge zum Invalidenrentner", erinnert sich Ehrenfried Richter. Da die Rente zu gering war, um über die Runden zu kommen, musste er sich etwas einfallen lassen. "Erzeugnisse der erzgebirgischen Volkskunst waren begehrt, und ich besann mich auf die Basteleien in der Kindheit", sagt der Pockauer. In der Garage entstanden zunächst Pyramiden, die mit zugekauften Figuren und Bäumchen komplettiert wurden. Ehrenfried Richters Söhne halfen ihrem Vater dabei. "Einer ist Maschinenbauer, mit ihm habe ich beispielsweise eine Bandsäge, Dekupiersäge oder auch eine Ständerbohrmaschine gebaut. Der andere Sohn ist Tischler. Er half mir bei allem rund ums Holz", so Ehrenfried Richter.

Als die Beschaffung der Bestückung zunehmend schwieriger und auch teurer wurde, griff er zum Messer und fing selbst an zu schnitzen. "Rehe waren die ersten Figuren", erinnert sich Ehrenfried Richter, der vor wenigen Jahren auf die Idee kam, mechanisch bewegte Schnitzereien, passend für seine Schrankwand, zu basteln. "Ich bin mit meiner Heimat, dem Erzgebirge, eng verbunden und schaffe Szenarien mit regionalem Bezug", so Ehrenfried Richter, der heute täglich am Küchentisch sitzt und schnitzt, sich selbst aber nicht als Schnitzer bezeichnet. "Das können andere besser", sagt er.

Neben zwei Landschaften, in deren Mitte sich ein Teller, ähnlich einer Spieldose, dreht, ist das größte von Ehrenfried Richter gefertigte mechanische Exemplar 90 Zentimeter breit, rund 30 Zentimeter tief und wird von insgesamt zehn Motoren angetrieben. Kein Problem für den gelernten Autoschlosser. Ein Gänselieschen, der Schornsteinfeger auf dem Dach, ein Holzhacker oder auch ein Pilzsucher - alles ist in Bewegung. "Vor Kurzem habe ich mich an geschnitzten Miniaturen versucht", sagt Ehrenfried Richter und verweist auf acht winzige Schnitzereien, die jeweils auf einer Münze von 1 Cent bis 2 Euro platziert sind. Davon ist auch seine Enkelin Stephanie Richter begeistert. "Die habe ich noch gar nicht gesehen", so die 30-Jährige. Sie verrät, dass der Großvater seine vier Enkel und vier Urenkel zu jedem Weihnachtsfest mit etwas Selbstgeschnitztem beschenkt.

"Meiner Familie und mir hat er unser Haus detailgenau nachgebaut. Sogar der Name steht winzig klein am Briefkasten. Ein richtig cooler Opa", schwärmt Stephanie Richter.

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