Siebenstöckiges Kunstwerk rückt vom Dachboden ins Rampenlicht

Fast 100 Jahre lang hatte eine riesige Pyramide bei Familie Schmidt in Gelenau ihren festen Platz. Schon immer weckte das Werk des Urgroßvaters Interesse, nun kann es dauerhaft von der Öffentlichkeit bestaunt werden.

Gelenau.

Fingerfertigkeit scheint Pierre Schmidt einfach im Blut zu liegen. Als Tischler und Autoelektriker hat der Gelenauer immer den richtigen Handgriff parat, um Dinge ins Laufen zu bringen. Und das betrifft nicht nur Aufträge der Kundschaft, sondern auch ein großes Familienerbstück. Stattliche 2,55 Meter hoch ist die Pyramide, die sein Urgroßvater Ernst Scheffler um das Jahr 1920 herum gebaut hat und die Pierre Schmidt gegen Jahresende stets daheim aufbaute. "Diese Tradition darf in der Weihnachtszeit einfach nicht fehlen", sagt der 45-Jährige, auch wenn die Arbeiten immer mühsam waren.

Die zahlreichen Einzelteile, die in Kartons auf dem Boden gelagert waren, mussten stets aufs Neue zusammengesetzt werden. Von den Zaunlatten des unteren Gartens bis hinauf zu den Engelsflügeln im siebenten Stockwerk. Eine Woche dauerte es, bis sich alles wieder an der passenden Stelle befand. "Die Etagenplatten von oben einzufädeln, war immer das Schwierigste", berichtet Pierre Schmidt, der sich den riesigen Aufwand seit diesem Jahr allerdings sparen kann. Als Leihgabe haben er und seine Familie die riesige Pyramide dem Depot Pohl-Ströher zur Verfügung gestellt, in dem sie nun in der Weihnachtsschau von der breiten Öffentlichkeit bestaunt wird.

"Schon mein Vater wollte, dass alle etwas von der Pyramide haben", nennt der 45-jährige Gelenauer einen wichtigen Grundsatz. So sei früher niemandem der Eintritt verweigert worden, der das siebenstöckige Bauwerk durchs Fenster gesehen hatte und mal einen genaueren Blick darauf werfen wollte. In den Ausstellungsräumen der Lopesa Sammlungs GmbH kommt die Pyramide außerdem noch besser zur Geltung. Statt im niedrigen Wohnzimmer erstrahlt sie nun vor großer Kulisse, was die Arbeit ihres Erbauers besser würdigt. "Er war Strumpfwirker und hat eine umgebaute Nähmaschine als Drechselbank genutzt", erzählt Pierre Schmidt über seinen Urgroßvater. Zeit fürs Drechseln, Sägen und Bemalen blieb Ernst Scheffler wohl vor allem aufgrund der damaligen Inflation. Unter der drastischen Geldentwertung von 1914 bis 1923 litt auch die Strumpfindustrie, doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Also nutzte der Strumpfwirker sein Werkzeug für die Fertigung von Pyramiden. Anregungen und Vorlagen lieferte damals das Unternehmen Brendel aus Mutterstadt in der Pfalz, ein Spezialgeschäft für sämtliche Artikel zur Laubsägerei. Auch Moos und Figuren waren dort zu haben, sodass die Pyramiden noch schöner dekoriert werden konnten. "Mein Vater hat mir immer erzählt, dass sogar noch zwei weitere Exemplare gebaut wurden", so Pierre Schmidt. Wahrscheinlich gelang Ernst Scheffler so der erhoffte Zuverdienst, doch das große siebenstöckige Kunstwerk blieb immer in Familienbesitz.

Drehte sich die Pyramide anfangs noch mithilfe von Kerzen, so sind die Flügel am oberen Ende inzwischen längst verschwunden. "Mein Großvater hat die Pyramide elektrifiziert. Er war gelernter Elektriker", erklärt Pierre Schmidt, dem seine Fingerfertigkeit also offenbar tatsächlich in die Wiege gelegt wurde. Und auch wenn er in vierter Generation die große Pyramide nun dem Depot Pohl-Ströher überlässt, so hat auch der 45-Jährige wie seine Vorfahren seinen Teil zum Erhalt des Kunstwerks beigetragen.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...