Theaterbesuch der besonderen Art

Um Kunst hautnah zu erleben, mussten die Schüler des Zschopauer Gymnasiumsdiesmal keine große Bühne aufsuchen. Stattdessen kam eine Schauspielerin zu ihnen - und widmete sich einem ernsten Thema.

Zschopau.

Kurz vor Beginn der vierten Unterrichtsstunde scheppert in der Klasse 7b des Zschopauer Gymnasiums auf einmal die Tür. "Ich muss einfach kurz zur Ruhe kommen", sagt ganz außer Atem die junge Dame mit Ranzen, die gerade hereingestürzt kommt. Verfolgt fühle sie sich von Mitschülern, vor allem aber verlassen von ihren Freundinnen. Um ihrem Ärger Luft zu verschaffen, macht die überraschende Besucherin das Klassenzimmer kurzerhand zu ihrem persönlichen Panikraum - und nimmt die 7b mit auf eine 40-minütige Reise durch Seele und Gemüt.

"Kennt ihr das auch", fragt Marie-Luise in die Runde und fängt an, von ihren Problemen zu erzählen. Von einer Klassenfahrt, bei der sie verzerrte Bilder in das Fotoalbum ihres Accounts hochgeladen und damit jede Menge Kommentare verursacht hat. Über eine in den Sand gesetzte Mathe-Arbeit, die ihr zwei Wochen Internetverbot von ihrer alleinerziehenden Mutter eingebracht hat. Bis hin zu ihrer offenbar dementen Oma, die das Zuhause in eine Pflegestation verwandelt hat. Doch über sie zu schimpfen, ist für Marie-Luise nur ein Puffer, denn ihre Probleme sind viel tiefgreifender, wie sich schnell herausstellt. Schließlich steige die Mitgliederzahl in ihrer Hassgruppe stündlich. Und nach Papierkugeln bekomme sie inzwischen sogar Äpfel von Mitschülern an den Kopf geworfen.

Schmunzeln viele der Zschopauer Schüler zunächst über die anfangs lustige Art ihrer Besucherin, so vergeht ihnen bald das Lachen. Nicht nur wegen der Tränen, der Bauchschmerzen und des Zitterns, von denen Marie-Luise erzählt. Sondern wegen ihrer Gedanken. Zwar findet sie im Schmerz bei ihrer Mutter Halt, doch macht sie das nur noch mehr zur Außenseiterin. "Ich beiße die Zähne fest zusammen und bin unsichtbar", lautet einer ihrer Lösungsansätze. Noch nachdenklicher werden die Zuhörer, als sich ihr Überraschungsgast mit einem Kämpfer vergleicht, "der sich zur letzten Schlacht rüstet".

"Ich habe noch keinen Schüler gesehen, der davon unberührt blieb", sagt Julia Schmidt nach dem nächsten Klingelton. Die freiberufliche Schauspielerin aus Bautzen ist es, die für eine Unterrichtsstunde in die Rolle von Marie-Luise geschlüpft ist. Und obwohl sie 31 Jahre alt ist, so nimmt man ihr die Sorgen einer Jugendlichen doch ab. Einerseits liegt das an ihrem Schauspieltalent, das sie in Zschopau im Auftrag des Annaberger Winterstein-Theaters gezeigt hat. Zum anderen an der Qualität des Theaterstücks "Mit mir nicht", in dem Autorin Janny Fuchs das Thema Mobbing hautnah beleuchtet. Und auch wenn es sich bei Marie-Luise um eine fiktive Figur handelt, so kommen ihre Sorgen der Realität doch sehr nahe. "Mitunter haben Schüler hinterher von eigenen Erlebnissen erzählt", sagt Julia Schmidt. Sich im Nachhinein über das Thema zu unterhalten, gehöre zu dem Klassenzimmerstück dazu. "Aber eigentlich müsste man erst einmal eine Nacht drüber schlafen, um das Thema zu verarbeiten", ergänzt sie. Ziel sei, die Augen für das Thema Mobbing zu öffnen. Dies sagt auch Margitta Müller. Die Klassenleitern der 7b wünscht sich, dass sie mehr Zeit für solche Themen hätte. Immerhin hat sie mit der Auswahl der Aufführung einen Reiz gesetzt. Statt wie in den vergangenen Jahren ans Theater zu fahren, holte sie mit "Mit mir nicht" ein Stück bitterer Wirklichkeit ins Klassenzimmer.

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