Trotz bürokratischer Hürden die Aufbruchsstimmung genutzt

30 Jahre lang haben Doris und Christoph Schaarschmidt das Wichernhaus in Waldkirchen geleitet. Die Arbeit mit behinderten Menschen sowie die Bürokratie stellten sie vor große Herausforderungen, macht aber auch stolz.

Waldkirchen.

Wer Doris und Christoph Schaarschmidt zufrieden lächeln sieht, mag kaum glauben, was für ein schwieriger Weg hinter dem Ehepaar liegt. Mehrfach habe die Zukunft des Wichernhauses, das sie seit 1989 leiten, auf der Kippe gestanden. "Aber irgendwie haben wir immer einen Weg gefunden", sagt der 62-Jährige über die Waldkirchener Betreuungseinrichtung für behinderte Menschen. Die Werkstatt dieser Einrichtung der Diakonie hat sich genauso weiterentwickelt wie das Wohnheim, in dem aktuell 44 Menschen im Alter von 28 bis 64 Jahren leben. "Natürlich sind sie uns ans Herz gewachsen", betont Doris Schaarschmidt. Entsprechend schwer fällt ihr und ihrem Mann nun der Abschied. Doch irgendwie freuen sie sich auch auf den Ruhestand, der am Samstag mit einer Feier eingeläutet wird.

Immer mal vorbeischauen wollen die Schaarschmidts auch in Zukunft noch. Doch dann wird es nicht mehr der Alltag sein, der für Christoph Schaarschmidt in gewisser Weise schon 1970 begann. Damals übernahm sein Vater Helmut Schaarschmidt die Leitung der Einrichtung. Dass der Junior in diese Fußstapfen treten würde, war da noch nicht abzusehen. "Ich wollte erst einmal einen richtigen Beruf lernen", erzählt er. Weil der christliche Hintergrund ein Studium schwierig machte, absolvierte der Sohn eines Kantordiakons in Grünhainichen eine Lehre zum Elektroinstallateur. Als Betriebshandwerker verschlug es ihn 1979 dann aber doch ins Wichernhaus, in dem zwei Jahre zuvor eine junge Kinder- diakonin ihre Arbeit aufgenommen hatte.

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Aus Doris und Christoph Schaarschmidt wurde bald ein Paar, das für die weitere Entwicklung der Einrichtung prägend sein sollte. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Konzeptänderung vom Kinderheim hin zum Wohnheim für Erwachsene. Als sie am 1. September 1989 in den Leitungsdienst eingeführt wurden, ahnten die Schaarschmidts noch nicht, welch großer Umbruch nahte. "Die Wende war ein Riesenerlebnis. Die Aufbruchstimmung war immens, sie hat auch uns mitgerissen", sagt der 62-Jährige: "Sofort taten sich Türen auf. Schon bald trafen die ersten Hilfstransfers aus dem Westen ein, und der Zugang zu staatlichen Fördermitteln wurde möglich." Doch die Wende hatte auch eine andere Seite: Auflagen mussten erfüllt und der Standard der Einrichtung angehoben werden.

"Aus DDR-Zeiten waren wir ja einiges gewöhnt", sagt Christoph Schaarschmidt. Anstelle der Mangelwirtschaft galt es nun, sich mit der Bürokratie auseinanderzusetzen. "Neue gesetzliche Grundlagen stellten eine große Herausforderung dar." Vom Brandschutz über die Raumgröße bis zur Barrierefreiheit war viel zu beachten. Projekte wie der Umstieg von Kohle- auf Ölheizung oder der Neubau eines Wohnhauses waren nur der Anfang. Bei den Behörden war fortan viel Überzeugungsarbeit gefragt. So erinnert sich Christoph Schaarschmidt noch genau an jenen Novemberabend 1991, als eine hochrangige Regierungsbeauftragte auf ihrer Besichtigungstour für eingereichte Projekte vorbeischaute. "Aufgrund der Dunkelheit, des Nebels und des Regens war die Situation nicht gerade einladend", so der Leiter. Als sie wieder davonfuhr, hatte er kein gutes Gefühl. Es war einer jener Momente, als die Zukunft des Wichernhauses auf der Kippe stand. Doch Diskussionen im Nachgang und die Unterstützung der Diakoniezentrale in Radebeul ebneten den Weg. Nach jahrelangem Ringen wurde 2000 die neue Werkstatt eingeweiht - für insgesamt 5,6 Millionen Mark.

Die Eröffnung des neuen Wohnheims (2010) und die Sanierung des Waldhauses (2015) stellten weitere Meilensteine dar. Stolz sind Doris und Christoph Schaarschmidt aber vor allem auf die Leistung der Menschen ihrer Einrichtung, sowohl der Mitarbeiter als auch der Betreuten. "Die Arten der Behinderung sind sehr unterschiedlich, dementsprechend vielfältig sind auch die Tätigkeiten", sagt die 62-jährige Heilpädagogin. Während die einen Leuchten montieren, bedrucken andere Holzfiguren für Spielzeugfirmen. "Wichtig sind schnelle Erfolgserlebnisse." Dass diese durch die Kooperation mit Unternehmen erreicht werden, die einen Teil ihrer Produktion in die Werkstatt des Wichernhauses verlagern, macht das Ehepaar glücklich. Genauso wie die familiäre Atmosphäre nach der Arbeit. "Es gibt viele gemeinsame Unternehmungen und Ausflüge. Einmal im Jahr fährt jeder Wohnbereich auch gemeinsam in den Urlaub", erklärt Doris Schaarschmidt. Als Hausel- tern haben sie und ihr Mann jeden Bewohner ins Herz geschlossen. Umso mehr schmerzt nun der Abschied.


Meilensteine seit 1990

1992: Einweihung Wohnhaus "Waldhaus" zur Auflockerung der Belegung

1993: Umbau Haupthaus zur Schaffung von 39 zusätzlichen Plätzen

1996: Kompletter Küchenumbau und Neuausstattung des Haupthauses

1998/99: Bau der neuen Werkstatt (80 Plätze) für 5,6 Millionen Mark

2008-10: Bau des neuen Wohnheims und Neugestaltung der Außenanlage

2012: In der Werkstatt wird die einmillionste Leuchte montiert

2015/16: Komplettsanierung des Waldhauses mit neuen Einbauküchen für das Projekt Selbständiges Wohnen

2017: Erster Außenarbeitsplatz eines Heimbewohners in einer Firma

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