Ururenkel rettet Auerbacher Geschichte(n)

Für Jüngere ist es die Esda, für die Älteren aber beginnt in dem Gebäudekomplex an der Hauptstraße des Ortes die Historie des Unternehmens ARWA. An einem jetzt erschienenen Buch über die Firma hat ein Nachfahre des Firmengründers mitgeschrieben - und damit Zeitzeugenwissen für die Nachwelt erhalten.

Auerbach.

Falk Drechsel steht vor dem Kontorgebäude des Unternehmens, das sein Ururgroßvater August Robert Wieland 1891 mit drei Teilhabern gründete und dessen Alleineigentümer er ab 1898 war. "A. Robert Wieland Strumpfwaren-Fabriken" nannte es sich fortan - bekannt wurde es später unter den vier Anfangsbuchstaben von August Robert Wieland Auerbach: ARWA. Drechsel zeigt zum Balkon. Der Raum dahinter, da saß sein Vorfahre. Mit ihm beschäftigt sich der in Sehmatal-Cranzahl lebende 35-Jährige schon seit seiner Kindheit, seit Anfang der 2000er dann besonders intensiv mit der Firmengeschichte. In diesen Tagen ist das zweite Buch über ARWA erschienen, und Falk Drechsel ist einer der drei Autoren.

Im 2014 erschienenen ersten Buch "Aufstieg und Fall eines Strumpfimperiums" ging es um eine Chronologie des Unternehmens, das 1946 enteignet und 1948 durch Hans Thierfelder, Enkel von August Robert Wieland, als ARWA-Feinstrumpfwirkerei in Baden-Württemberg neu gegründet wurde und bis 1973 Strümpfe produzierte. Buch zwei erzählt nun reich bebildert "Geschichten aus dem Strumpfimperium". Und insbesondere die Geschichten, die Erzgebirger zur Auerbacher ARWA-Zeit beizusteuern hatten, stammen aus der Feder von Falk Drechsel. Denn der sprach schon vor vielen Jahren und als noch nicht einmal an das erste Buch zu denken war, mit ihnen.

Hintergrund war, dass er möglichst viel Wissen und Material zu ARWA sammeln wollte, aber diejenigen, die davon berichten können, ja immer älter werden, erzählt er. Darum wollte er deren Erzählungen festhalten und bewahren. Allererste Gesprächspartnerin war natürlich seine Großmutter väterlicherseits, Leonore ("Lore") Drechsel, geborene Wieland, eine der Enkel des Firmengründers. Sie wurde 1927 geboren und lebte, bis sie in hohem Alter ins Seniorenheim nach Meinersdorf zog, mit in seinem Elternhaus in Burkhardtsdorf. Sie habe sein Interesse an der Familiengeschichte geweckt und auch viel von ihrem Großvater erzählt. Weil ihr Vater zeitig starb, war der Großvater ab ihrem zweiten Lebensjahr ihr Vormund - und sie Mitinhaberin der Firma. Einige Erlebnisse aus ihrer Kindheit habe sie immer wieder erzählt, sagt Drechsel. So zum Beispiel, dass der Großvater einen Maybach besaß. In dem mitzufahren, sei etwas besonderes für sie gewesen, sagt Drechsel und gibt ihre Worte wieder: "Denn in diesem Auto gab es keine Sitze, sondern zwei Sessel. Das war eine Spezialanfertigung." Nach der Enteignung 1946 wurde sie Neulehrerin in Auerbach, später zog sie zu ihrem Mann nach Hormersdorf und arbeitete dort im Hort. 1963 wurde die Ehe geschieden, erzählt Falk Drechsel, und seine Großmutter zog nach Burkhardtsdorf, wo sie als Lohnbuchhalterin tätig war.

Die älteste Zeitzeugin, die Drechsel ausfindig machen konnte, war Elisabeth Schreiter, geborene Vierig, aus Arnsfeld, die von 1934 bis 1944 bei ARWA als Näherin arbeitete. "Viele der Arbeiter in den 1920er- bis 1940er-Jahren kamen aus dem oberen Erzgebirge, erklärt Drechsel, weil es dort so gut wie keine Industrie gab und sich die Menschen auswärts eine Arbeit suchten. Zum Zeitpunkt des Gesprächs im September 2011 stand Elisabeth Schreiter kurz vor ihrem 92. Geburtstag. In diesem Jahr ist sie gestorben - wie inzwischen alle hier im Erzgebirge lebenden Gesprächspartner Drechsels. Zu ihnen gehörte beispielsweise auch Ilse Weber, geb. Schmidt, die von Geburt an bis kurz vor ihrem Tod 2016 in Auerbach lebte und zunächst bei ARWA und später bei Esda beschäftig war. Mit ihr sprach Drechsel im November 2011. Bereits ein reichliches Jahr zuvor hatte er mit Gerhard Lieberwirth gesprochen, der Schlosser bei ARWA war und ihm Einblicke in die Bereiche Feuerwehr und Fuhrpark gewährte. Lieberwirth verstarb 2016. Mit seinen Notizen und der Veröffentlichung im zweiten ARWA-Buch hat Falk Drechsel sozusagen Auerbacher Geschichte und Geschichten für die Nachwelt erhalten. Dank seiner beiden Mitautoren Heike Krause und Klaus Michael Oßwald, die die Zeit ab 1948 beleuchten, werden aber auch ganz andere Episoden in die Zukunft gerettet. Wie beispielsweise die aus dem Jahr 1952 als ARWA "Deutschlands schönste Beine" suchte. Was geschickt als Schönheitswettbewerb getarnt war, war eigentlich eine großangelegte Marktanalyse. Denn alle Bewerberinnen mussten fünf Maße ihres Beines einsenden - was letztendlich der Ermittlung des Normalbeinmaßes diente. Denn da die Strümpfe seinerzeit nicht elastisch waren, mussten sei passgenau gewirkt und genäht werden. Und natürlich erhöhte der Wettbewerb auch die Bekanntheit des Unternehmens enorm. Ein Gespräch mit Gonda Sureen, die letztendlich Deutschlands Beinkönigin geworden war, ist ebenfalls in dem Buch zu finden.

Ist nun alles verarbeitet, was er recherchiert und an Fotos zu ARWA gesammelt hat? "Nein." Falk Drechsel schüttelt den Kopf. Ein drittes Buch sei derzeit aber trotzdem nicht ins Auge gefasst. Dafür fehle ihm auch einfach die Zeit. Er arbeitet in Chemnitz an der TU und hat mittlerweile drei Kinder. "Aber ganz ausgeschlossen ist es auch nicht", ergänzt er lächelnd.

Das Buch " ARWA - Geschichten aus dem Strumpfimperium" ist mit einer Auflage von 800 Stück unter der ISBN-Nummer 978-3-96049-044-9 beim Verlag Philipp Schmidt erschienen. Es ist im Buchhandel bestellbar, aber auch im Auerbacher Fotostudio Flohrer für 18 Euro erhältlich.

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