Jeder so viel wie er will? Bloß nicht!

Derzeit sind unzählige Mittelsachsen in Wäldern auf Pilzsuche. Fachleute und Gesetze mahnen: Nicht jede Menge darf mit nach Hause genommen werden.

Flöha/Falkenau/Eppendorf.

Pilze, Pilze, Pilze - mancher, der derzeit in Mittelsachsens Wäldern unterwegs ist, nimmt kaum noch Bäume, Tiere, Wanderer wahr, sondern nur das Eine. Klaus Lorenz kennt Beispiele von Leuten, die bis zu einem halben Zentner aus dem Wald geholt haben. "Da frage ich mich, was jemand mit 25 Kilogramm will. Pilzverkauf ist in Deutschland verboten. Außerdem sind schon viele hinüber, wenn man daheim den Kofferraum öffnet. Das ist unvernünftig", sagt der Pilzberater aus dem Vogtland und mahnt zu Vernunft. "Das hat teilweise Züge eines Wettkampfes. Aber es geht nicht darum, sich gegenseitig zu überbieten", ergänzt der Reichenbacher.

Vielmehr sollten Sammler Rücksicht nehmen auf den Wald, der die Pilze hervorbringt. Der wegen der Trockenheit ohnehin gestressten Oase werde durch exzessives Sammeln weiterer Schaden zugefügt. "Bäume und Pilze sind in einer einzigartigen Symbiose aufeinander angewiesen. Die Pilze liefern Salze und Nährstoffe, die Bäume sorgen mit der Gabe von Zucker für einen Kreislauf, ohne den es den Wald so nicht gäbe. Dieses Gleichgewicht stören wir", erklärt der Fachmann. Wer aber 25 Kilogramm sammelt, hat 500 bis 1000 Pilze geerntet.

"Das ist weit mehr als für den Eigenbedarf. Und das geht nicht. Besonders, wenn es sich um geschützte Arten wie den Steinpilz handelt", sagt der Berater und beruft sich dabei auf das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung. "Wildwachsende Blumen, Gräser und Farne können für den persönlichen Bedarf (Handstrauß) entnommen werden", heißt es zudem in Paragraf 14 des Waldgesetzes für den Freistaat Sachsen. Diese Handstrauß-Größe gilt auch für Leseholz oder Pilze. "Die Entnahme", heißt es im Gesetz weiter, "hat pfleglich zu erfolgen."

Fachleute sprechen von 500 Gramm bis zu zwei Kilogramm je Privatperson, die in Sachsen Richtwert seien und von Gerichten in entsprechenden Urteilen bestätigt. Darüber informierte das Landratsamt Mittelsachsen auf Anfrage. Von dort heißt es zudem: "Besondere Regeln können darüber hinaus in ausgewiesenen Schutzgebieten gelten. Sofern Verstöße bekanntwerden, wird dem behördlicherseits nachgegangen", informiert Peggy Zill aus der Pressestelle. Wer deutlich mehr aus dem Wald schleppt, hat mit Strafen von mehr als 1000 Euro zu rechnen, sagt zudem Klaus Lorenz. "In Bayern musste jetzt jemand 1700 Euro zahlen", ergänzt er und räumt zudem im Namen weiterer Pilzberater mit dem verbreiteten Irrglauben auf, man könne giftige Pilze identifizieren, indem man in rohem Zustand davon koste - schmecke die Probe bitter, handele es sich um giftige. "Der Knollenblätterpilz etwa soll sehr gut schmecken. Aber schon geringste Mengen verursachen Schäden", warnt der Fachmann. Bei einer Pilzausstellung in einem geschlossenen Raum habe diese Art allein mit ihren in die Luft abgegebenen Sporen bei Gästen Vergiftungssymptome hervorgerufen. Oder der Spitzgebuckelte Raukopf: Wer nur kleinste Mengen zu sich nimmt, riskiere irreparable Nierenschäden. Pilze sollten grundsätzlich nur nach dreißigminütiger, starker Erhitzung genossen werden. Im Zweifelsfall sei die Expertise eines Beraters einzuholen.

Vom oft zu wenig beachteten Ernst des Themas will sich Rita Lachnitt aus Flöha die Freude daran nicht verderben lassen. Jüngst war sie mit ihrem Enkel auf Pilzsuche - beide wurden fündig. "Ich wohne direkt am Wald", schreibt Lachnitt zum Foto mit ihrem Enkel, "und gehe seit mehr als 40 Jahren in die Pilze." Steinpilzvorkommen wie in diesem Jahr habe sie noch nie erlebt. "Steinpilze sind wohl die Könige der Pilze, zumal sie viele Vitamine und Mineralien enthalten und sogar gegen Tumore wirken sollen", schreibt Lachnitt und verweist auf den Namen "Herrenpilz", unter dem sie auch bekannt sind. Dies liege daran, dass die Leute früher nur "einfache" Pilze hätten essen dürfen. Steinpilze seien beim Herrn, etwa dem Gutsbesitzer, abzugeben gewesen. Dabei sei es "immer schön und labend, im Wald zu sein, ob mit Pilz oder ohne", so Lachnitt.

"Freie Presse" lädt ein zur Online-Fotoaktion: Wir freuen uns über Ihre Trophäen und möchten gern wissen, wer nach dem Waldbesuch in der Küche Pilze putzen muss, was in den Korb kommt und wie auf den Tisch? Ihre Fotos - Namen nicht vergessen - können Sie per Mail an folgende Adresse schicken:

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