Neue Bleibe für alte Fenster

Das Trauzimmer des Flöhaer Rathauses hat nun vier Fenster, die keinen Blick nach draußen gewähren. Aber dafür haben sie eine besondere Vergangenheit und Geschichte. Denn einst befanden sie sich im Plauer Rathaus.

Flöha.

Manchmal geht Martina Hartwig die wenigen Schritte aus ihrem Büro im Rathaus hinüber in den kleinen Trausaal. Sie öffnet die Tür einen Spalt, nur soweit, dass sie einen Blick auf die vier Bleiglasfenster werfen kann, die an der Wand hängen. Dann geht sie zurück an ihren Schreibtisch - mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Die vier Bleiglasfenster nehmen beinahe die gesamte Wand im Trauzimmer ein. Was nicht verwundert, denn der enge, kleine Raum dürfte grob gerechnet nicht viel mehr als 15 Quadratmeter messen. Die Fenster verleihen ihm besonderes Flair, und für Martina Hartwig haben diese Fenster eine Geschichte. Es sind die originalen Fenster aus dem Plauer Rathaus, wo bis Ende 2017 geheiratet wurde. Mit dem Umbau des Rathauses und dem Einzug der Kinderarztpraxis wurde das Trauzimmer ins Flöhaer Rathaus verlegt.

Martina Hartwig, die seit 1985 in Flöha Paare verheiratet und seit 2002 Standesbeamtin ist, hadert ein wenig mit dem Umzug. Das Trauzimmer im Flöhaer Rathaus ist klein und eng. Die Standesbeamtin, das Brautpaar und zwölf Hochzeitsgäste - dann ist die Bude voll. Eine Amtsstube eben. Und auch wenn sich ein Großteil der Brautpaare inzwischen in der Villa Gückelsberg das Ja-Wort gibt und das Rathaus nur eine Nebenrolle spielt, würde sich Hartwig, deren Ruf als Standesbeamtin weit über die Stadtgrenzen hinaus geht, einen würdigen Trausaal wünschen.

Aber wenigstens hat sie nun ihre Fenster. Die sind nicht nur eine Erinnerung, sondern die Bleiglasmotive zeigen auch ein Stück Flöhaer Stadtgeschichte. Sämann und die Bäuerin mit den Garben stehen für die Landwirtschaft, die vor der Industrialisierung prägend war. Die beiden Frauen an Spinnrad und Spindel symbolisieren die Textilindustrie, die aus den Dörfern eine Stadt gemacht hat. Die anderen beiden zweiflügligen Fenster sind mit kunstvollen Ornamenten verziert.

Die Bleiglasfenster wurden im Plauer Rathaus nicht mehr benötigt. Also hat Martina Hartwig veranlasst, dass sie ausgebaut und im Flöhaer Rathaus eingelagert werden. Tischlermeister Thomas Hollstein hat sich der Fenster angenommen, hat die Bleiglasscheiben in passende schlichte Eichenholzrahmen gelegt und die gerahmten Fenster aufgehangen.

Knapp 2000 Euro hat das insgesamt gekostet. "Eine gute Investition", sagt Martina Hartwig. Wie alt die Bleiglasfenster sind, ist ungewiss.

Es gibt eine Schwarzweiß-Aufnahme des Trauzimmers im Plauer Rathaus aus dem Jahr 1957, auf der die beiden Fenster mit den Figuren zu sehen sind. Das Foto hängt neben der Tür des Trauzimmers. Von Martina Hartwigs Schreibtisch aus, vor dem das Brautpaar Platz nimmt, ist es nicht zu erkennen. Aber die Original-Fenster hat sie im Blick.

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