"Als Ossi musste ich mich stets rechtfertigen"

Herbst 1989: Die SPD-Mitgründerin in Claußnitz über die Montagsdemos in Leipzig, die Arbeit im Bundestag und Existenzängste

Claußnitz.

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Helga Otto, langjährige Hausärztin und Mitbegründerin der SPD. Bettina Junge sprach mit der 80-Jährigen.

Freie Presse: Frau Dr. Otto, Sie haben im Herbst 1989 mit Ihrem Mann die Staatliche Arztpraxis betrieben und sich für den Umweltschutz engagiert. Was war die DDR damals für Sie?

Helga Otto: Die DDR war meine Heimat. Aber ich hatte immer die Sehnsucht, mal herauszukommen, zu reisen und von der Welt da draußen etwas zu erfahren. Vor allem die Alpen wollte ich sehen. Gleichzeitig hatte ich eine große Antipathie gegenüber der DDR-Führung. Das hängt mit meiner Familie zusammen. Meine Schwester war 1961 zu ihrem Freund in den Westen geflohen. Ihr Schwiegervater war in Jena im Zusammenhang mit den Demonstrationen 1953 zum Tode verurteilt worden. Weil er Fußballtrainer und mit Russen befreundet war, wurde er begnadigt und brauchte "nur" für viele Jahre ins Gefängnis. Sein Mitstreiter wurde erschossen.

Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, dass dieses Land DDR bald ein anderes sein könnte?

Das war im Sommer 1989, als viele jede Gelegenheit zur Flucht genutzt haben. Mein Sohn war mit Kumpels nach Ungarn in Urlaub gefahren. Er hatte sich unseren Wartburg ausgeborgt. Wir haben alle wichtigen Dokumente versteckt, weil wir befürchteten, dass er die Gelegenheit zur Flucht nutzt und dann die Stasi bei uns alles durchsucht. Aber er kam zurück. Er hat geweint, nannte sich ein Rindvieh, weil seine Freunde in den Westen geflüchtet waren, er aber zurück musste, um unser Auto wieder heimzubringen. Wir waren ja auf das Auto für die Hausbesuche angewiesen. Wie konnte er wissen, wie sich das alles entwickelt?

Wie haben Sie den Herbst 1989 erlebt?

Wir sind jeden Montag mit Freunden, Bekannten und Verwandten zur Demo nach Leipzig gefahren. Nach Karl-Marx-Stadt wollten wir nicht, die Stadt war uns damals zu rot. Als wir abends zurückkamen, sahen wir Egon Krenz im Fernsehen. Solange der nicht weg war, wollten wir weiter demonstrieren.

Durften Sie schon vor dem Mauerfall in den Westen reisen?

Das war im Herbst 1986. Ich habe meine Schwester in Kiel besucht. Da habe ich dann erstmals die Alpen gesehen. Ich hatte mich kurzerhand aus Kiel verabschiedet und war mit dem Zug nach München gereist. Mein Mann durfte aber nicht mit in den Westen. So viel Vertrauen hatte die Stasi nicht. Sie befürchtete, dass wir als Ehepaar drüben bleiben, obwohl wir ja drei Kinder hier hatten.

Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, die DDR zu verlassen?

Nein, eigentlich nicht. Durch den Beruf war ich gefordert. Außerdem hatte mein Mann ja das Haus seiner Eltern geerbt, wo wir uns eingerichtet hatten. Wenn ich allein gewesen wäre, wäre das vielleicht eine Option gewesen, weil ich ja nicht so mit Claußnitz verbunden war und schon in verschiedenen Ländern und Städten gelebt hatte. Ich war schon etwa 15-mal umgezogen.

Gehörten Sie einer Partei an?

Bei uns in der Familie waren Parteien nach 1945 tabu. Daran haben sich meine drei im Osten lebenden Geschwister alle gehalten, auch als mein Bruder durch seinen Betrieb in die SED gezwungen werden sollte. Da sagte meine Schwester: Wenn Du das tust, darfst Du nicht mehr in die Wohnung. Ich bin am 20. Februar 1990 aber in die SPD eingetreten, ebenso mein Bruder. Meine Schwester ging zu den Grünen.

Warum gerade die SPD?

Als Ärztin war ich interessiert und kannte viele Leute im Dorf. Als es hieß, die SPD-Ortsgruppe wird gegründet, wollte ich hin. Das hing mit den Idealen zusammen. Mein Opa war Zollbeamter in Klingenthal und in der SPD, meine Tante auch. Ich dachte, da ist der Gemeindesaal voll. Aber es war nur eine Handvoll Sympathisanten da. Ich war die einzige Frau. Ich habe gesagt, wenn die Ortsgruppe ohne eine Frau gegründet werden soll, das geht nicht. Also trat ich in die SPD ein.

Und haben Sie es je bereut, auch mit den heutigen Turbulenzen?

Nein. Ich stehe immer noch zu unseren Idealen. 1990 wurde ich in den Bundestag gewählt. Da habe ich auch gespürt, dass der Osten immer unterrepräsentiert war. Ich musste mich als Ossi immer rechtfertigen. Die Wessis im Bundestag brauchten nicht nachzuweisen, dass sie nicht in der Stasi waren. Dabei musste man annehmen, dass diese dort bereits vor der Wende waren.

Nach dem Mauerfall ging die Entwicklung recht schnell in Richtung Wiedervereinigung. Wie haben Sie das empfunden?

Das war sehr wohltuend, eine große Freude und ein Befreiungsschlag. Ich bin überzeugt, dass es mit der Wende keine bessere DDR gegeben hätte. Dafür waren die Betriebe viel zu marode. Aber ich war auch enttäuscht, dass der Westen die Wiedervereinigung absolut nicht eingeplant hatte. Wäre es andersherum gekommen - davon bin ich fest davon überzeugt - hätte es die DDR besser gemanagt.

Haben sich Ihre Hoffnungen von 1989 erfüllt?

Nur bedingt. Persönlich ist es bei uns gut gelaufen. Aber der Slogan "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr" hat seinen Preis. Vieles ist zerschlagen worden, viele sind unzufrieden. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn die AfD so einen Zulauf hat.


Helga Otto

Die heute 80-Jährige ist in Leipzig geboren und Bad Dürrenberg (Sachsen-Anhalt) aufgewachsen. Sie lebte als Kind in Auschwitz (Polen) und in Nerchau bei Grimma sowie in Russland. Ihr Vater war Konstrukteur und gehörte zu 2500 Ingenieuren und Wissenschaftlern, die Stalin zur lebenden Wiedergutmachung mit deren Familien ins Land geholt hatte. Sie studierte in Leipzig Medizin und übernahm mit ihrem Mann Karl die staatliche Arztpraxis in Claußnitz. Dort praktizierten die beiden Mediziner, seit der politischen Wende privat niedergelassen, bis zum Jahr 2003. Helga Otto hat drei erwachsene Kinder und fünf Enkel. Von 1990 bis 1994 saß sie für die SPD im Bundestag und bis 2014 im Gemeinderat Claußnitz. (bj)

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