Auf den Spuren eines Freiberger Studenten

Alexander von Humboldt gilt als berühmtester Student, der je an der Bergakademie lernte. Doch der Lebenslauf weiterer Absolventen ist nicht minder spannend, wie ein Blick auf das Leben von Carl Baur beweist.

Freiberg.

Flache graue Kisten stehen in dem Raum des wissenschaftlichen Altbestandes der Bibliothek. Auf einer liegen etwa 20kleine Speere mit zackigen, gefährlich anmutenden Spitzen. Auf einem Tisch sortiert Altbestandsleiterin Angela Kugler-Kießling kleine Gefäße, grünlich angelaufene Metallstücke, die wohl einmal als Werkzeuge dienten, außerdem ein Paar alter Bastschuhe. Dann hält sie eine offene Kiste hoch, in der sich für einen Laien zunächst einmal nur einige hölzerne Knüppel verbergen.

"Das ist ein altes Gezäh, wohl wenigstens aus dem 19. Jahrhundert", erklärt sie und erläutert die Nutzung dieser Arbeitsgegenstände. Wer annimmt, es handelt sich bei all dem um Fundstücke aus hiesigen Bergwerken der Vergangenheit, der übersieht das Exotische, was den meisten Exponaten anhaftet. Da ist etwa die harte Schale einer Hikarufrucht, verziert mit Schnitzereien, oder ein hübsch verzierter Flaschenkürbis. Hinzu kommen Perlen, Pfeilspitzen und ein Schälchen bunt bepanzerter Käfer, die allesamt schon vor weit mehr als hundert Jahren gestorben sind. Wichtigster Bestandteil der Sammlung sind aber die rund 600 alten Fotografien, die Ende des 19. Jahrhunderts in Chile entstanden sind. Sie vermitteln ein eindrückliches Bild des dortigen Bergbaus jener Zeit. All das ist Teil eines Nachlasses, der der Universitätsbibliothek 2018 überlassen wurde. Zusammengetragen hat ihn einst ein ehemaliger Student der Bergakademie mit Namen Carl Baur.

Als vor einem Jahr die Anfrage der Baur'schen Erben an die Universitätsbibliothek erfolgte, ob man daran interessiert sei, den Nachlass als Dauerleihgabe zu übernehmen, sagte man sofort zu, doch hatte man ehrlicherweise keine Ahnung, wer Carl Baur war. Angela Kugler-Kießling und ihre Mitarbeiter machten sich auf eine Spurensuche und trugen akribisch Detail um Detail aus den verschiedensten Archiven in Deutschland zusammen.

Geboren wurde Baur am 21. Dezember 1844 im badischen Salem als Sohn eines dortigen Apothekers, in dessen Fußstapfen er nicht tritt, sondern sich dem Bergbau zuwendet, auch indem er ein Praktikum bei dem renommierten Geologen und Mineralogen Fridolin Ritter von Sandberg absolviert. Schon ausgestattet mit einigem Wissen, tritt er wenige Tage nach seinem 19. Geburtstag sein Studium an der Bergakademie in Freiberg an. Seine Immatrikulationsnummer ist die 2343.

"Wie es ihn um 1870 nach Caracoles-Antofagasta in Chile verschlug, ist nicht nachzuvollziehen", bedauert Angelika Kugler-Kießling. "Wahrscheinlich über freundschaftliche Beziehungen." Bekannt ist aber, dass er dort von 1878 bis 1898 Technischer Direktor einer Hütte des englischen Unternehmens Brownell, Lewis y Cia in der Nähe von Antofagasta war. In dieser Eigenschaft erinnerte er sich wohl der Qualität der Freiberger Studenten und holte immer wieder jemanden über den Großen Teich, der an der Bergakademie gelernt hatte, unter anderem Probierer Emil Schmidt.

Spuren von Carl Baur zu entdecken, war nicht einfach. Doch fand sich im Altbestand der Bibliothek ein Buch aus dem Jahr 1891: "Chile und die deutschen Kolonien" von Hugo Kunz. Darin taucht auf mehreren Seiten Carl Baur auf. Unproblematisch kann es für Carl Baur trotz der guten Stellung nicht gewesen sein, denn in seiner Zeit in Antofagasta fand in der Region nahe der Atacama-Wüste der sogenannte Salpeter-Krieg statt, der von 1877 bis 1884 erbittert zwischen Chile auf der einen und Peru sowie Bolivien auf der anderen Seite ausgefochten wurde. In seinem Ergebnis annektierte Chile damals Tarapacá und Antofagasta. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Carl Baur von den Geschehnissen unmittelbar betroffen war. "Nur in welcher Weise, das ist bislang nicht herauszufinden gewesen", so die Leiterin des wissenschaftlichen Altbestandes. Auch aus den Briefen Baurs an seine Familie in Deutschland, die ebenfalls im Bibliotheksbesitz sind, war nur wenig zu erfahren. Noch ist Angelika Kugler-Kießling damit beschäftigt, die Handschriften zu transkribieren.

Für Susanne Kandler, Direktorin der Universitätsbibliothek, stellt der Nachlass einen Schatz dar, dessen Erforschung hochinteressant ist, wobei vor allem die zahlreichen Fotografien, allesamt von Carl Baur selbst angefertigt, Aufschlüsse über den Bergbau im Südamerika jener Zeit liefern. "Das Besondere daran ist die Qualität jener Aufnahmen von den chilenischen Gruben", so Susanne Kandler. "Vor dem Hintergrund, dass wir derzeit eine große Datenbank mit dem gesamten Bildmaterial, das im Besitz der TU Bergakademie ist, erstellen, kommt diesen Fotos weitere Bedeutung zu."

Ausstellung Am 21. Februar, 17 Uhr eröffnet in der Universitätsbibliothek der TU Freiberg eine Ausstellung mit ausgewählten Exponaten des Nachlasses, womit man Leben und Arbeit Carl Baurs, der am 4. September 1916 in Berlin verstorben ist, würdigen möchte.

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