Bei Sturm mit Motorrad zur Ausbildung

Alfred Müller hat in seinem Beruf als Fleischer einiges mitgemacht. Als symbolische Anerkennung gab es kürzlich den Goldenen Meisterbrief.

Geringswalde.

Die feierliche Übergabe des Goldenen Meisterbriefes musste pandemiebedingt ausfallen. Doch der Geringswalder Alfred Müller ist dadurch nicht weniger stolz auf die Ehrung durch die Handwerkskammer Chemnitz. Bescheinigt ihm doch die großformatige Urkunde 50 Jahre Meisterschaft in seinem Beruf als Fleischer.

Der 83-Jährige schmunzelt. "Es war nicht unbedingt mein Traumberuf", bekennt er. Doch sei er in diesen frühen 1950er-Jahren des DDR-Staates weder bei den Pionieren noch in der Freien Deutschen Jugend mitmarschiert. "Das hatte natürlich Folgen."

Drei Jahre hat der gebürtige Peniger bei einem Fleischermeister an der Dresdener Straße in Geringswalde das Handwerk erlernt. Wahrlich keine Herrenjahre, erinnert er sich. "Rinderviertel, halbe Schweine, alles musste auf den Schultern geschleppt werden. Und anders als heute gab's damals noch fette Schweine." Ein Mal wöchentlich war für die sieben Fleischereien in Geringswalde Schlachttag. "Dann wurde das Schlachtvieh von der Sammelstelle in Dittmannsdorf bis auf den Hof meines Meisters getrieben. Und das erste, was ich lernen musste, war das fachgerechte Töten von Kälbern, Rindern und Schweinen."

Insgesamt sieben Jahre hat es Alfred Müller bei seinem Lehrmeister ausgehalten. Doch 1958 hatte er endgültig genug. "Dort herrschten abstruse Arbeitszeiten, die sich von früh um sechs bis abends um acht erstreckten. Und das Ladengeschäft war auch samstags geöffnet. Bis ich dann endlich nach Hause gehen konnte, war es fast Mitternacht." Seine Eltern hätten dann beim Meister ein Machtwort gesprochen. Die Stimmung im Betrieb habe sich noch mehr verschlechtert. Und der junge Alfred mit seinen 20 Jahren kehrte dem Handwerk zunächst den Rücken.

Neujahr 1959 brach für den Geringswalder eine neue berufliche Ära an. Und die hieß VEB Elektroschaltgeräte Rochlitz. Sieben Jahre stand er statt an der Schlachtbank in drei Schichten an der Kunstharzpresse. In der Presse seien damals Lichtschalter in verschiedenen Größen hergestellt worden, schildert Müller. Keine wirklich inspirierende Arbeit, meint er.

1965 erfuhr er von einer freien Stelle in der Fleischerei der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) in Rochlitz. "Die Anstellung klappte, ich war wieder in meinem erlernten Beruf." Der brachte bald darauf die nächste Herausforderung. Die Genossenschaft bot Müller den Meisterabschluss an. Er zögerte. Mit 30 noch mal auf die Schulbank? "Meine Frau Hannelore arbeitete für die Handwerkskammer, und eigentlich habe ich es ihrem Drängen zu verdanken, dass ich heute den Goldenen Meisterbrief in den Händen halte", erzählt Müller und lacht.

Geschenkt wurde ihm nichts während der Ausbildung. Der praktische Teil sei in einem Zwickauer Schlachthof absolviert worden. Dann schwang er sich bei Wind und Wetter mit seinem Stöbniger Kollegen Günter Kranz auf ein Motorrad MZ 250. "An einem Tag kämpften wir uns durch einen Schneesturm, der es in sich hatte", berichtet Müller. Indes waren im Mai 1968 die Mühen vergessen, als ihm die begehrte Urkunde überreicht wurde.

Alfred Müller arbeitete noch bis 1998 als Fleischer. "Nach dem Mauerfall kamen dann sukzessive deutlich weniger Aufträge rein, Angestellte mussten entlassen werden, und da war dann auch ich dabei."

Handsäge und Rippenzieher hat Alfred Müller längst aus der Hand gelegt. Stattdessen übernahmen die Müllers eine Parzelle in der Gartengruppe an der Schillerhöhe - ihr Kleinod, das sie pflegen und in dem sie sich wohlfühlen.

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