Corona: Patientin aus Hainichen bedroht

Bürgermeister warnt vor Panikmache - Für die betroffene Familie kommt das schon zu spät

Hainichen.

Der erste Fall einer Corona-Erkrankung in Hainichen ist bestätigt. Darüber hat Bürgermeister Dieter Greysinger (SPD) am Dienstag informiert, nachdem er am Montagabend über Facebook an die Öffentlichkeit gegangen war. Er bat darum, keine Anschuldigungen, Vorwürfe oder Beschimpfungen gegenüber der jungen Frau zu machen. Inzwischen habe sie ihn angerufen, sie sei auf dem Weg der Besserung, mittlerweile sogar symptomfrei.

Die "Freie Presse" konnte nun mit dem Vater der Erkrankten sprechen, der die Angaben zu dem guten Heilungsverlauf bestätigte. "Es ist nicht anders als bei einer normalen Grippe", sagte er am Telefon. "Sie ist jetzt soweit, dass sie eigentlich schon wieder auf Arbeit gehen würde." Dies sei aber durch die Quarantäne natürlich ausgeschlossen, darauf achte das Gesundheitsamt. Seine Tochter sei in Österreich im Urlaub gewesen, habe den Ski-Ort Sölden besucht, der als ein Zentrum der Pandemie gilt. In ihrer Reisegruppe seien allerdings keine weiteren Personen aus Hainichen gewesen. Bei ihrer Rückkehr vor einer Woche habe die Tochter dann über Husten und Fieber geklagt. "Wir haben sie wohlweislich isoliert, ohne zu wissen, was eigentlich zu tun ist", sagte der Vater. "Sie hat in unserem Haus eine eigene Wohnung."

Die ärztliche Diagnose und der Test des Gesundheitsamtes hätten dann die Gewissheit über die Erkrankung an Covid-19 gebracht. Weil es in der Familie schulpflich- tige Kinder gebe, habe neben dem Arzt und Verwandten auch die Schule Bescheid gewusst. "Die Information ist aber nach draußen gedrungen und hatte wüste Beschimpfungen und das Verbreiten von Gerüchten zur Folge", sagt der Hainichener. Dennoch habe seine Tochter ihre Erkrankung übers Internet vorübergehend selbst öffentlich gemacht.

Am Sonntag habe es dann massive Beleidigungen und sogar Drohungen gegeben, nicht nur im Internet. Davon hatte auch Hainichens Bürgermeister Greysinger erfahren, der daraufhin nochmals an die Vernunft der Bürger appellierte: "Niemand ist schuld, wenn er an dem Virus erkrankt ist. Es war abzusehen, dass Corona auch in unserer Stadt auftreten wird." Die Frage sei nicht "ob", sondern "wann" dies geschehen würde. "Es ist zu erwarten, dass die aufgetretene Erkrankung nicht die einzige in unserer Stadt bleiben wird", so Greysinger.

Die junge Hainichenerin erholt sich nach eigenen Angaben zuhause. Anzeichen einer Erkrankung an Covid-19 seien in ihrer Familie nicht aufgetreten. Nach Angaben des Vaters habe das mittelsächsische Gesundheitsamt aber auch keine weiteren Tests veranlasst. Er stelle seiner Tochter weiterhin das Essen vor die Tür, einen direkten Kontakt habe es seit ihrer Rückkehr nicht gegeben. "Die 14 Tage Isolation halte ich für völlig richtig, aber auch ausreichend", erklärte der Mann. fa

Weitere Hinweise zur Corona-Krise in der Rubrik "Rat und Hilfe", Seite 10 und den folgenden Seiten. www.freiepresse.de/corona


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5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 13
    0
    Einspruch
    18.03.2020

    Hoffentlich finden sich ein paar, die mal fragen , ob die Frau Hilfe braucht. In Hainichen gibt es doch hoffentlich genug, die das Mittelalter überwunden haben.

  • 4
    2
    harzruessler1911
    18.03.2020

    In Deggendorf gab es einen vergleichbaren Fall und offensichtlich ist es einigen Personen so oder so völlig egal, was der Hintergrund ist, wie man zu Corona kam.

    https://www.pnp.de/lokales/landkreis-deggendorf/deggendorf/Corona-Bernreiter-appelliert-an-Zusammenhalt-nach-Angriffen-auf-positive-Wirtin-3636283.html

    Hätte man für die bekannten Gebiete bereits von Anfang an Reiseverbote erteilt, wäre diese Reisegruppe gar nicht erst aufgebrochen. Man wurde doch explizit darauf hingewiesen, dass man Reisen in Gebiete für welche es keine offizielle Reisewarnung gibt, nicht absagen könne, ohne auf den Kosten sitzen zu bleiben.

    Aus diesem Grund sitzen jetzt auch viele Urlauber irgendwo auf der Welt fest, da die Maßnahmen erst sehr spät kamen.
    Wenn man an irgendeiner anderen Krankheit leidet, welches Husten oder Hustenanfälle auslöst, muss man sich eh schon überlegen irgendwohin zu gehen, da man sich immer wieder in einem Erklärungszwang befindet.
    Ich habe letztens auch gesagt: "Man hat ja schon Angst, wenn hustet plötzlich einen Sack über den Kopf zu bekommen und ins nächste Krankenhaus verschleppt zu werden."

  • 10
    6
    ralf66
    18.03.2020

    Das Problem liegt doch wo anders, wenn dieser Bürgermeister sagt niemand ist Schuld wenn er an dem Corona-Virus erkrankt, dann stimmt das wenn es jemanden erwischt der nicht so richtig nachvollziehen kann wie er überhaupt dazu kommt oder im Land, Ort egal schon eine hohe Zahl infizierter leben was man vielleicht noch gar nicht erkannt hat, aber in dem hier geschilderten Fall weniger. Die junge Frau ist bewusst in den Urlaub nach Österreich gefahren, sie war auch leider nicht die einzige in der Bundesrepublik, wo die Sache schon heiß war die immer noch nach Österreich oder Südtirol gefahren ist um Ski-Urlaub zu machen, sie hat wie viele andere Österreich- und Südtirolurlauber damit bewusst eine Ansteckung in Kauf genommen, und konnte so auch andere Menschen gefährden.
    Zu Gewalt, bösartiger Beschimpfung, gar Panik, dass ist völlig richtig sollte es deswegen nicht kommen, aber das bei vielen Bürgern das Verständnis fehlt, wie sorglos sich junge Menschen in so einer Krise verhalten, dass sollte man schon verstehen.

  • 12
    1
    Lesemuffel
    18.03.2020

    Vielleicht ist die deutsche Gesellschaft gar nicht mehr so aufgeklärt, wie sie mal war? Rückkehr zur Selbstjustiz ist anscheinend nicht ausgeschlossen? Ein Aufmarsch vor dem Haus der jungen Frau und hinaus aus der Stadt jagen, wie zu Zeiten von Pest und Cholera?

  • 29
    0
    quatschkopf
    18.03.2020

    Sorry aber wie dumm können Menschen sein?
    Vielleicht wäre es besser wenn nicht über jeden Fall einzeln mit Ort und manchmal sogar mit Beruf berichtet wird?
    Reicht doch wenn man schreibt "im Kreis YYY gibt es jetzt XX Fälle" und gut.