Der mit dem Storch zieht

Mit zehn Brutpaaren in ganz Mittelsachsen zählt der Landkreis in diesem Jahr einen Rekord bei den Weißstörchen. Aber noch ist unklar, ob genügend Nachwuchs schlüpft, damit sich die Population selbst erhält.

Frankenberg.

Von Hause aus ist Kai Schaarschmidt Zimmermann. Doch zum Feierabend ist der Claußnitzer zwischen Altmittweida und Burgstädt unterwegs, fährt nach Penna und Frankenberg, sieht sich in Niederschöna und in Eppendorf um. Überall dort nisten in diesem Jahr Weißstörche. Der ehrenamtliche Storchenbeauftragte des Landkreises Mittelsachsen zieht ihnen nach und schaut nach dem Rechten. 2001 stieg Schaarschmidt als Helfer ein. Seit 2011 darf er selbst Jungtiere beringen.

"Wir haben ein Rekordjahr", sagt Kai Schaarschmidt und holt ein Beobachtungsfernrohr aus seinem Auto. Der Ehrenamtler parkt in Frankenberg und stattet dem Brutpaar auf dem Schornstein nahe der Mühlenstraße einen Besuch ab. "Eines der Tiere ist ein Ringstorch", erklärt der Beauftragte. "Wenn ich Glück habe, erkenne ich die Nummer auf dem Ring und kann die Beobachtung in unsere Datenbank eintragen." Mithilfe dieser Notizen kann so die bis zu 30 Jahre dauernde Lebensgeschichte eines Vogels aufgeschrieben werden. Die Metall-Reifen mit den eingestanzten Daten werden von den drei deutschen Beringungszentralen in Hiddensee, Helgoland und Radolfzell ausgegeben. "Bei den Beobachtungen hilft mir ein kleines Netzwerk von weiteren Tierfreunden", sagt Schaarschmidt und steckt sein Handy wieder ein. Eben hat einer seiner Informanten angerufen und etwas durchgegeben.


Beringt werden die Jungtiere im Alter von circa vier Wochen direkt im Nest. "Das Elterntier fliegt dann kurz weg, die Kleinen können aber noch nicht fliegen", erklärt der Fachmann. Zwar können die jungen Störche dann schon ihre Körpertemperatur selbst regulieren. Aber erst im Alter von acht bis neun Wochen fangen sie an zu fliegen. Dann begeben sie sich auch langsam zusammen mit den Eltern auf die Suche nach Futter. Bis dahin ist immer ein erwachsener Storch auf Nahrungssuche - für sich selbst und für den Nachwuchs. Der wird mit Futter versorgt, das die Alten im Kropf für die Jungen sammeln und im Nest herauswürgen.

In Frankenberg sind vor zwei Wochen drei kleine Störche geschlüpft. Zum Beringen muss Schaarschmidt also erneut anreisen. Auch die Ringnummer sieht er beim jüngsten Besuch nicht: Der damit markierte Storch fliegt gerade weg, als die Beobachtung starten soll. "Die Nahrungssuche kann durchaus zwei Stunden dauern", erklärt der Experte und packt sein Fernrohr wieder ein.

In Burgstädt hat er vier Junge gezählt, in Penna drei und in Altmittweida ebenfalls drei. Eines davon ist allerdings verendet. Wie viele Jungtiere es in diesem Jahr am Ende sein werden, steht noch nicht fest. Zum Vergleich: 2008 wurden im damals neuen Landkreis Mittelsachsen nur zwei bis drei Brutpaare gezählt. "Brutpaar bedeutet nicht zwingend Nachwuchs", so Schaarschmidt. Pro Paar sollten zwei Jungtiere schlüpfen. Dann könne sich die Population selbst erhalten und sei nicht auf Zuzug angewiesen.

Die jetzige gute Entwicklung der Bestände hat nichts mit optimalen Verhältnissen hierzulande zu tun, sondern hat ihre Ursachen in Portugal und Spanien. Wegen guter Brutbedingungen und Nahrungsgrundlagen wachsen die dortigen Populationen. "Ein Großteil ,unserer' Störche überwintert dort und fliegt gar nicht mehr nach Nordafrika", erzählt Kai Schaarschmidt. Durch den kürzeren Vogelzug verringere sich die Gefahr für die Tiere. Zudem tauchten sie im neuen Jahr zeitiger wieder hier auf.

Kritik übt der Beauftragte an einem Foto, das ein Nutzer im sozialen Netzwerk Facebook gepostet hat. Es zeigt das Innere des Frankenberger Storchennestes, ein Elterntier und die drei Kleinen. Aufgenommen wurde es mit einer Drohne. "Es ist noch nicht absehbar, wie die Vögel auf Drohnen reagieren", erklärt Schaarschmidt. Bekannt sei, dass es bei der Begegnung mit Heißluftballons zu panikartigen Reaktionen komme. "Gut gemeint mit den Bildern", kommentiert ein anderer Facebook-Nutzer. "Aber aus naturschutzrechtlichen Gründen und vor allem wegen der lieben Kleinen völlig falsch. Bitte solche Störungen ab sofort und für immer unterlassen!" Das sagt auch Kai Schaarschmidt - und fährt zum nächsten Nest.

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