Ein Schloss wird wachgeküsst

"Freie Presse" hatte eingeladen, 700 Besucher haben das Rittergut in Ringethal erkundet. Dabei gab es einen exklusiven Blick in die Orangerie und das Kellergeschoss. Das weckt Interesse nach mehr.

Ringethal.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an -, das dachten sich am Sonnabend auch Gabriele und Helmar Reichel (beide 66) aus Neukirchen bei Stollberg. Sie setzten sich am Vormittag auf ihre Fahrräder und fuhren durch das Chemnitz- und Zschopautal nach Ringethal, um einen für sie noch unentdeckten Ort zu erkunden. Das Rittergut an der Zschopau öffnete als zweite von vier Stationen seine Pforten für neugierige Besucher innerhalb der "Freie Presse"-Sommeraktion "Unentdeckte Orte". Das Angebot des Fördervereins "Schloss Ringethal" wurde rege genutzt. Am Samstag fanden rund 700 Gäste den Weg in den Mittweidaer Ortsteil.

Dabei konnten diese erstmals das alte Kellergeschoss sowie die Orangerie besichtigen. Der Blick ins Dachgeschoss lohnte sich ebenfalls: Hier sah man die ersten Ergebnisse der geplanten Erhaltung des Herrenhauses. Neue Holzbalken wurden an bereits bestehende montiert. Für das Ehepaar Reichel hat sich die zweistündige Radtour nach Ringethal auf jeden Fall gelohnt. "Ich finde es sehr positiv, dass es Leute gibt, die solche Orte bewahren und künftig zeitgemäß nutzen wollen", sagte Gabriele Reichel, die sich seit jeher für historische Dinge interessiert. "Und ich denke, dass die Rekonstruktion des Dachstuhls mit den Holzbalken hier ein guter Anfang ist." Bereits in der Vorwoche war sie mit ihrem Gatten zur ersten Station der diesjährigen Sommertour, dem Rittergut Kleingera, gefahren. "Aber da war ich etwas enttäuscht. Hier wird mehr für die Erhaltung getan."

Einige Besucher schwärmten regelrecht vom Herrenhaus, das derzeit eine Auffrischungskur erhält. "Wenn ich etwas mehr Geld hätte, würde ich es glatt kaufen", sagte Brigitte Wiedmer aus Hohenstein-Ernstthal, die mit ihrem Mann Klaus nach Ringethal gereist war. "Der Kaufpreis geht eventuell noch, aber die Kosten für die Unterhaltung sind sicherlich enorm", sagte die 64-Jährige.

Umso schöner sei es, dass im Ringethaler Fall die Stadt Mittweida der Eigentümer ist, so das Paar. "Mit dem Dach ist ja hier schon ein Anfang gemacht worden." Die meisten der Besucher schlossen sich einigen Vorträgen an. Neben den historischen Schulstunden gab es auch Geschichten über das stille Örtchen. Hier war der Mittweidaer Gästeführer Michael Kreskowsky einmal mehr voll in seinem Element: In seiner humorvollen Art brachte er dem Publikum in seinem Vortrag "Von Donnerbalken und Nachttopf" die Geschichte der Toilettengänge von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit näher - und sorgte dabei natürlich für viele Lacher. "Scheinbar haben sich heute einige wiedererkannt", mutmaßte er und beendete seinen Vortrag standesgemäß: "Die Sitzung ist beendet."

Nach Ringethal kamen am Sonnabend viele auswärtige Gäste, unter anderem viele aus dem Vogtland- und dem Erzgebirgskreis, aber auch die Einheimischen warfen einen Blick in die alten Gemäuer - so auch Ilse Schneidenbach mit ihrem Mann Claus. Die 84-Jährige war von 1975 bis 1981 in Ringethal Bürgermeisterin und kennt noch die Zeiten, als im Herrenhaus die Kinder in Klassenzimmern Bücher wälzen mussten. Zudem hatte sie den Klöppelzirkel in Ringethal vor gut 30 Jahren gegründet, inzwischen aber abgegeben. "Heute sind wir als Besucher hier und erstaunt, was der Förderverein alles auf die Beine gestellt hat", sagt Ilse Schneidenbach. Für ihren Mann Claus sei es bezüglich der Dachsanierung "Fünf vor Zwölf" gewesen, sagt er. "Es ist gut, dass das Alte bewahrt wird. Aber es ist eine Konzeption nötig, um das Herrenhaus rentabel und im Gespräch zu halten", sagt er.

Der Anfang dafür wurde am Sonnabend gemacht. "Wir mussten im Vorfeld mächtig ranklotzen, haben nun aber einen schönen Grundstock für kommende Veranstaltungen", sagt Sabine Herzberg, die als Koordinatorin im Schloss-Förderverein fungiert. "Unser Vorsitzender Detlev Müller hat heute von zwei Besuchern ein historisches Bild und einen alten Brief überreicht bekommen." Ob künftig regelmäßig Veranstaltungen im Rittergut stattfinden, vermochte Herzberg noch nicht zu sagen. "Dafür brauchen wir viele ehrenamtliche Helfer." Neben den Mitgliedern im Förderverein gibt es einen Freundeskreis, der das Rittergut auch unterstützt. Beim Inselteichfest öffnet das Rittergut die Tore am zweiten August-Wochenende. Die "Freie Presse"-Serie der "Unentdeckten Orte" zieht aber weiter und gastiert am kommenden Sonntag im Kunsteisstadion in Crimmitschau.

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