Flüchtlingskrise, und dann?

Fünf Jahre danach sind die Zuweisungszahlen für Mittelsachsen stark gesunken - 2000 Plätze stehen für Unterkunft zur Verfügung

Mittweida.

Die Flüchtlingswelle hat Ende 2015 auch Mittelsachsen überrollt. Wohin mit den vielen Asylsuchenden? Das wusste damals auf Anhieb niemand. Auch Landrat und Bürgermeister mussten erst einmal lernen, mit der Situation umzugehen. Gebäude wurden leer geräumt und möbliert, um Platz zu schaffen. Mitunter unter Protest der Anwohner. Nun, fünf Jahre danach, scheint sich die Lage beruhigt zu haben.

Wie viele Flüchtlinge kamen 2015 nach Mittelsachsen?

Im Jahr 2015 waren nach Angaben des Unterbringungs- und Integrationsberichtes Mittelsachsen knapp 2500 Asylsuchende und Geduldete in Einrichtungen des Kreises untergebracht. Die Zahl der Zuweisungen an den Kreis betrug damals insgesamt 2372, Ende 2019 waren es knapp 2000 Zuweisungen weniger.

Wie viele Asylbewerber leben heute in Mittelsachsen?

Nach Zahlen von Ende Juli beträgt die Zahl der Asylbewerber und Geduldeten im Landkreis rund 1440. Die meisten kommen aus dem Irak, Afghanistan, Indien, Pakistan, Russland, dem Libanon, Syrien, Venezuela, dem Iran sowie Georgien. Bis August wurden dem Kreis in diesem Jahr 199 Personen zugewiesen. Bei Alleinreisenden hat es sich dabei ausschließlich um Volljährige gehandelt, informiert Cornelia Kluge, Pressereferentin im Landratsamt. Pro Monat wurden 2020 im Schnitt 20 bis 30 Personen dem Kreis zugewiesen. Im März und April war die Zuweisung aufgrund der Coronapandemie allerdings von der Landesdirektion ausgesetzt worden.

Wie hat sich die Zahl der Abschiebungen entwickelt?

Zuständig für die Abschiebung von Asylbewerbern ist nicht der Landkreis, sondern ebenfalls die Landesdirektion. 2016 wurden 176 Personen aus Mittelsachsen abgeschoben. In den Folgejahren nahm die Zahl deutlich ab. Dieses Jahr wurden bisher zwölf Personen abgeschoben: drei nach Afghanistan, fünf nach Georgien, vier nach Tunesien.

Wo sind die Asylbewerber untergebracht?

Rund 560 Plätze stehen derzeit in Gemeinschaftsunterkünften sowie Wohneinheiten zur Verfügung. Die größte Einrichtung für Asylbewerber steht in Freiberg an der Chemnitzer Straße 44. In dem Objekt, das nur zum Teil vom Landkreis angemietet ist, haben 182 Asylbewerber Platz. Weitere Gemeinschaftsunterkünfte befinden sich in Freiberg an der Chemnitzer Straße 50, in Mobendorf im Striegistal sowie in Lunzenau und Döbeln. Hinzu kommen Wohnungen an verschiedenen Stellen im Landkreis. Die Gesamtkapazität an Plätzen beträgt knapp 2000, davon waren Ende Februar rund 70 Prozent belegt. Im April 2016 gab es noch rund 1000 Plätze mehr. Seitdem sind kontinuierlich vom Landkreis Unterkünfte abgebaut worden.

Welche Flüchtlingsunterkünfte sind zurückgebaut worden?

Dazu gehören beispielsweise Objekte in Roßwein, Freiberg, Rochlitz, Döbeln und Flöha. In die ursprünglich als Unterkunft geplante Einrichtung in Brand-Erbisdorf sind die Mitarbeiter der mittelsächsischen Ausländerbehörde eingezogen. Auch die Chorener Schule in Mochau war trotz Protest der Bevölkerung 2015 als Notunterkunft für 220 Flüchtlinge geplant. Der Landkreis hatte das Gebäude kurzzeitig beschlagnahmt und eingerichtet. Eingezogen ist letztlich aber niemand. Die Unterkunft wurde nicht mehr gebraucht, das Gebäude im April 2016 wieder ausgeräumt. Auch die zuvor aufwendig für drei Millionen Euro hergerichtete Erstaufnahmeeinrichtung in einer Betriebshalle in Rossau ist am 30. September 2017 endgültig geschlossen worden. Die Halle soll bis zum Ende der Mietlaufzeit am 28. Februar 2021 noch als Reserveobjekt dienen. Das Mobiliar aus den Einrichtungen wurde in andere Objekte umgesetzt oder eingelagert, so Cornelia Kluge.

Wie haben sich die Familiennachzüge entwickelt?

Personen, die in Deutschland Asyl- oder Flüchtlingsstatus haben, können ihre Familienangehörigen, Ehepartner und Kinder, zu sich holen. Die meisten Angehörigen kamen 2017 nach Mittelsachsen (75) Schon ein Jahr später sank die Zahl wieder (39), für 2016 sind 38 Nachzüge registriert. Im vergangenen Jahr gab es noch weniger Nachzüge (5). In diesem Jahr steigt die Zahl wieder. Bis Ende Juli gab es elf Fälle.

Wie werden die Kinder und Jugendlichen integriert?

An einigen Schulen sind Vorbereitungsklassen eingerichtet worden. Sie sollen dabei helfen, dass die Kinder die deutsche Sprache lernen. Zudem erfolgt eine schrittweise Integration in den Regelunterricht. Volljährige können in Freiberg das Kolleg besuchen und dort ein Abitur für Migranten ablegen. Damit ist auch für sie ein Studium in Deutschland möglich. Wer ohne Schulabschluss in Mittelsachsen gelandet ist, der kann sich über eine vom Bund initiierte Bildungsmaßnahme auf den Hauptschulabschluss vorbereiten.

Wie viele unbegleitete minderjährige Asylbewerber gibt es in Mittelsachsen?

Aktuell werden laut Landratsamt 15 unbegleitete, minderjährige Asylbewerber (Uma) vom Jugendamt betreut. 2020 sind bisher keine neuen dazugekommen. Genau 103 wurden 2015 registriert. "Unbegleitete minderjährige Ausländer werden nach ihrer Einreise und der anschließenden Inobhutnahme durch das Jugendamt grundsätzlich in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe beziehungsweise in Pflegefamilien untergebracht", so Cornelia Kluge. Aktuell würden im Kreis keine Plätze nur für Uma vorgehalten. Über die Unterbringung werde entsprechender der Zuweisung und der Person entschieden.

Wie sind die Asylbewerber auf dem Arbeitsmarkt integriert?

Nach Angaben des Jobcenters befanden sich Ende 2019 71 Personen aus Afghanistan, Syrien, dem Iran, dem Irak, Nigeria, Pakistan, Eritrea und Somalia in einer Ausbildung. Im März 2020 gab es aus der Gruppe der arbeitslosen Personen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern 100 Männer und Frauen, die in eine Erwerbstätigkeit gewechselt sind.

In welchen Branchen haben sie einen Job gefunden?

"In der Regel erfolgen Beschäftigungsaufnahmen in Anlern- oder Helfertätigkeiten, bevorzugt im verarbeitenden Gewerbe, der Gastronomie, dem Verkehr und der Lagerei sowie dem Handel", sagt Frank Seidel vom Jobcenter. Wenn formale Abschlüsse vorliegen und Anerkennungsverfahren teils durchlaufen wurden, erfolge mitunter auch die Anstellung als Fachkraft oder Spezialist. Um Menschen mit Migrationshintergrund zur Ausbildung oder auf den Arbeitsmarkt zu verhelfen, gibt es Arbeitsmarktmentoren. Sie sind Ansprechpartner für Firmen und übernehmen bürokratische Aufgaben für Migranten. döa/mit vt

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