Galerist wird zum Detektiv - Spurensuche im Museum

Ein Sammler hat ein Bild gekauft. Laut Signatur ist es von Otto Dix, aber sicher ist das nicht. Er wandte sich an den Chemnitzer Bernd Weise, der nun recherchiert. Eine erste Spur hat er gefunden.

Chemnitz.

Die Arbeit von Galerist Bernd Weise hat mitunter etwas Detektivisches. Kürzlich kontaktierte ihn ein Sammler, den er seit langem kennt und der in Polen lebt. Er habe für wenig Geld eine Zeichnung gekauft, die von Otto Dix (1891 bis 1969) stammen soll. Der Sammler stehe nicht in Verdacht, sich leicht einen Bären aufbinden zu lassen, sagt Weise. Aber sicher sei gar nichts, so eine Signatur könne jeder machen. Der Sammler möchte wissen, ob es sich um ein Original handelt. Darum wandte er sich an Weise, wohlwissend, dass sich im Chemnitzer Museum Gunzenhauser eine Dix-Sammlung befindet, die weltweit zu den größten musealen Beständen zählt. Sie ist das Herzstück der Sammlung Alfred Gunzenhausers, dem Stifter des Museums. Doch nicht nur das: "Wir haben auch seine Bibliothek, das ist ein Glücksfall", sagt Anja Richter, Kuratorin des Museums. Darin stehen Bücher zu fast allen Kunstwerken des Museums, Werksverzeichnisse von Künstlern und Sammlungskataloge.

Weise, der auch als Gutachter tätig ist, hat sich vorgenommen, das achtbändige Werksverzeichnis der Zeichnungen von Otto Dix aus der Gunzenhauser-Bibliothek zu durchforsten. Er mache das als Freundschaftsdienst, sagt er, ohne Auftrag, ohne Honorar. Es sei eine erste Spurensuche. Von der Zeichnung, um die es geht, hat Weise nur ein Foto. Darauf zu sehen ist eine ältere Frau mit kurzem Lockenkopf. Sie ist im Profil zu sehen, vom Kopf bis zum Bauch. Bekleidet ist sie mit einem Hemdchen. Weise hofft im Werksverzeichnis auf einen Anhaltspunkt. "Dass sich genau diese Zeichnung finden lässt, denke ich nicht", sagt er. Aber vielleicht gibt es andere Arbeiten mit demselben Modell, hofft Weise. Mitgebracht hat der Galerist seinen Praktikanten Felix Ebersbach und die Künstlerin Lydia Thomas, die bei Weise unter Vertrag ist. "Für mich ist das total inspirierend", sagt sie, als ihr Blick an Kinderzeichnungen hängen bleibt.

"Könnte es die Erna von 1930 sein?", fragt Weise und zeigt ein Por-trät. "Nein", meint Thomas, "die Haare passen nicht." Gefunden wird auch das Porträt einer Frau Rakewitz von 1960. Die Gesichtszüge könnten durchaus passen, sind aber in einem ganz anderen Stil gezeichnet. Die drei betrachten die Signatur der Zeichnung des Sammlers genauer. Außer Dix steht dort 100/21. Was das wohl bedeutet? Nachdem sie einige Vermutungen äußern, kann Anja Richter aufklären: Dix begann 1950 seine Werke zu datieren und zu nummerieren, auch rückwirkend. Damit ist klar, dass sich die Suche auf das Jahr 1921 beschränken sollte. Schließlich findet Praktikant Ebersbach eine Seite, auf der Zeichnungen beschrieben sind, deren Abbildungen aber fehlen. "Pauline L., Große Brüdergasse 5" steht dort, von 1921, Bleistift auf braungrauem Papier, 375 x 246 Millimeter, bezeichnet mit "Pauline", 1970 in Hamburg versteigert. "Das könnte schon sein", sagt Weise, denn das Bild lag, als das Verzeichnis angelegt wurde, an einem unbekannten Ort. Er werde nun die Maße überprüfen und sich das Bild einmal im Original ansehen. Dabei sei auch wichtig, es aus dem Rahmen zu nehmen. Vielleicht finde sich dann der Schriftzug "Pauline". Sich das Original anzusehen, sei dringend notwendig, sagt auch Thomas. Sie und Richter geben, mit einem scharfen Blick auf das Foto, zu bedenken, dass es sich auch um eine Lithografie handeln könnte. Diese Frage könne man nur am Original klären.

Sollte der Sammler weitere Schritte unternehmen wollen, könne er sich auch an die Dix-Stiftung wenden, schlägt Richter vor. Dort gebe es Experten, "die auf jeden Fall ehrlich sind", sagt die Kuratorin. Aber selbst Experten würden nicht zu 100 Prozent bestätigen, dass es echt ist, sagt Weise. Um ganz sicher zu sein, blieben meist nur äußerst kostspielige Farb- und Papieranalysen. Dass der Sammler die Zeichnung verkaufen möchte, glaubt er nicht. Sie wäre aber 20.000 bis 30.000 Euro wert.

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