Gedenktafel erinnert an dunkles Kapitel Hainichener Geschichte

Im heutigen Vereinshaus hatte das NS-Regime 1933 ein Schutzhaftlager eingerichtet. Damit dies nicht in Vergessenheit gerät, hat sich Manfred Kiese mit der Historie befasst.

Hainichen.

Gut 50 Bürger aller Altersgruppen haben gestern in Hainichen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Anlass war der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Zwar lebten damals in Hainichen nur wenige Juden - ein Stolperstein erinnert mittlerweile in der Gartenstadt an die 1944 verstorbene Sophie Albrecht - aber die Brutalität des NS-Regimes bekam die Stadt schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis zu spüren. Eines der ersten Konzentrationslager (KZ) in Deutschland bestand Anfang 1933 für einige Wochen im damaligen Sportlerheim an der Oederaner Straße.

Heute ist es das HKK-Vereinshaus, und gestern wurde an dem Gebäude eine Erinnerungstafel enthüllt. Den Anstoß dazu gab Manfred Kiese, ein geschichtsinteressierter Bürger, der schon zu mehreren Themen der Hainichener Historie geforscht und auch veröffentlicht hat. Seine Idee einer Gedenktafel hat Bürgermeister Dieter Greysinger (SPD) gern aufgenommen. Das Stadtoberhaupt setzt sich seit vielen Jahren für die Erinnerungskultur ein, begleitet zum Beispiel die Neuntklässler der Oberschule jährlich beim Besuch der Gedenkstätte des KZ Buchenwald.

"Das Gedenken darf nicht in Ritualen erstarren, vielmehr gilt es immer wieder aufs Neue, nach Formen des Erinnerns zu suchen, die uns ein Begreifen des schier Unbegreiflichen ermöglichen", sagte er gestern. So verzichte er in der Stadt bewusst auf alljährlich wiederkehrende Ehrungen. "Die Diskussion über das gemeinsame Erinnern an das Geschehene halte ich für notwendiger denn je", sagte Greysinger. Man müsse gerade heute warnen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Was sich vor 80 Jahren in Deutschland ereignet hat, beschäftigt auch die Zehntklässler der Hainichener Friedrich-Gottlob-Keller-Oberschule. Lea Respondek und Laura Golle trugen Erinnerungen jüdischer Bürger nach den Pogromen vor.

Mindestens zwei Juden, und zwar aus Roßwein und Döbeln, waren auch 1933 im Lager in Hainichen inhaftiert. Das hat Manfred Kiese, Jahrgang 1948, in den Archiven recherchiert. Am 4. April 1933 war das Schutzhaftlager der Amtshauptmannschaft Döbeln eingerichtet worden, ausgerechnet in dem wenige Jahre zuvor von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten errichteten Arbeiterheim mit einem Saal für Sportmöglichkeiten. Die ersten Gefangenen waren etwa 50 Bürger der Stadt. Darüber schrieb auch der frühere "Hainichener Anzeiger". Laut Kiese hat die Presse damals schon das Wort Konzentrationslager benutzt, auch das "Roßweiner Tageblatt", dass am 7. April vor 85 Jahren den Begriff nutzte, als dort über Verhaftungen geschrieben wurde.

Es waren 68 Tage, an denen das Lager bestand. Nach der Auflösung am 11. Juni 1933 kamen vielen Insassen dann in das KZ Sachsenburg und nach Colditz. Aus Hainichen sind viele unglaubliche und schier unmenschliche Szenen von Zeitzeugen überliefert. Die Häftlinge trugen damals noch Zivilkleidung, Prügel sei aber an der Tagesordnung gewesen, ein Arnsdorfer Maler habe einen Schädelbruch erlitten. Unter der Bühne waren Arrestzellen eingerichtet worden, Blutspuren seien nach 1945 noch nachweisbar gewesen. Kiese stützt sich bei seinen Recherchen auf den Prozess, der zwölf Aufsehern des Hainichener Lagers 1948 in Döbeln gemacht wurde. Die ehemaligen Wärter spiegelten laut Kiese die gesamte Gesellschaft wider, vom Ungelernten bis zum Ingenieur. 26 Zeugen sagten damals aus, elf Angeklagte wurden zu Zuchthaus und Gefängnis verurteilt.

Das Leid von damals griff auch Pfarrerin Diemut Scherzer in ihrem Gebet auf. "Couragiertes Auftreten gegen offenes und verstecktes nazistisches Gedankengut und gegen jede Form von Gewalt ist heute unbedingt erforderlich", betonte Greysinger. "Dazu rufe ich alle Bürgerinnen und Bürger auf."

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