In neuem, mattem Glanz

Das Gerüst um den Altar der Mittweidaer Stadtkirche ist abgebaut, das Holzkunstwerk von 1661 wiederhergerichtet. Doch in den Originalzustand wollten es die Restauratoren nicht versetzen.

Mittweida.

Jesus hat seinen Palmwedel zurück. Jahrelang sah das, was die zentrale Figur im Altar der Mittweidaer Stadtkirche in der Hand hält, wie Unkraut aus. Doch mit der Restaurierung des Kirchenkunstwerks sind viele Details zurückgekehrt. "Von dem Palmwedel gab es nur noch ein Stück Stiel. Der war viermal gebrochen", erklärt Anne-Kathrin Läßig aus Chemnitz, die mit der Instandsetzung beauftragt war. "Und es gab den Rest eines Blatts, dessen Spitze irgendwo im Altar lag." Weil beides in schlechtem Zustand war, sei der Palmwedel von ihrem Kollegen Dirk Zacharias nach historischem Vorbild rekonstruiert worden. Viele der Altarfiguren haben zudem Finger zurückerhalten, fehlende Rosetten wurden aus Lindenholz nachgeschnitzt, ebenso abgebrochene Ornamente. "Das sind Sachen, die man im Nachgang nicht mehr wahrnimmt", sagt Läßig.

Unverkennbar ist dagegen die veränderte Farbigkeit. Der 1661 von Bildschnitzer Valentin Otte und Maler Johann Richter aus Meißen gestaltete Altar war zuletzt 1881 generalüberholt worden. Seither hatte sich Staub abgelagert, Farbe war abgeplatzt. "Das Schwarz war durch den Schmutz grau und das Weiß ebenfalls", so die Restauratorin. Der Kontrast sei kaum zur Wirkung gekommen. Auch andere Farben sind nun wieder erkennbar: Zuvor hätten Rot-, Braun- und Ockertöne annähernd gleich ausgesehen, sagt Läßig.


Ursprünglich waren sie und ein Kollege vor rund zwei Jahren nach Mittweida geholt worden, um den Altar nach Bauarbeiten an der Chorfassade von Staub zu befreien. Erst da zeigte sich, was sonst noch im Argen lag. "Viele Teile waren locker, man konnte Spuren von Holzwurmbefall sehen und Farbe, die sich gelöst hatte." Um den 13 Meter hohen und sieben Meter breiten Altar in Stand setzen zu können, musste zunächst ein Gerüst aufgebaut werden, von dem aus die Arbeiten ausgeführt wurden. "Nur die vier Evangelisten konnten wir herausholen", berichtet Läßig. Alle anderen Skulpturen seien noch mit Originalverbindungen aus dem 17. Jahrhundert fixiert gewesen. Rund 99.000 Euro hat die Restaurierung nach Angaben des Landesamts für Denkmalpflege gekostet, das das Projekt gemeinsam mit der Mittweidaer Kirchgemeinde und der Evangelischen Landeskirche finanziert hat.

In seinen Urzustand zurückversetzt haben die Restauratoren den Altar allerdings nicht. Das Original von 1661 müsse man sich ein ganzes Stück anders vorstellen, vor allem was die Farben der Figuren angeht. Insbesondere die Rot- und Grüntöne seien nie matt wie jetzt gewesen, sondern immer metallisch glänzend, weil farbiger Lack über Versilberungen aufgetragen wurde. "Das ist ein extremer Unterschied zu dem Zustand, den wir jetzt haben", sagt Anne-Kathrin Läßig. Doch im 19. Jahrhundert sei der Altar fast vollständig übermalt worden.

Die Entscheidung, welche der beiden Varianten gezeigt werden soll, sei in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalschutz getroffen worden. Dass dabei zugunsten der Variante von 1881 entschieden wurde, sei vor allem auf die Beschaffenheit der Materialien zurückzuführen: "Diese farbigen Lacke über Metall haben kein langes Leben", sagt Läßig. "So eine komplette Überarbeitung passiert ja nie grundlos", fügt sie hinzu. "Zum einen war der Altar damals wohl mindestens so dreckig, wie wir ihn jetzt vorgefunden haben. Zum anderen hat es sicherlich hier und da auch früher schon abgeplatzte Farbe gegeben." Der damalige Farbgeschmack dagegen sei vermutlich eher nachrangig gewesen.

Seit Donnerstag ist der Altar nun wieder in voller Pracht in der Kirche zu sehen. Das Gerüst ist abgebaut, der letzte Staub gewischt, das Ergebnis von Anne-Kathrin Läßig fotografisch dokumentiert. Zweimal drei Monate war sie mit vier Kollegen in verschiedenen Konstellationen am Werk. Indes gehen die Arbeiten an der Kirche laut Maria Görlitz vom Kirchenvorstand weiter. Unter anderem das Chor- und das Posaunenchorzimmer werden derzeit renoviert. Ob danach weitere Maßnahmen anstehen, ist bisher nicht klar. "Aber es ist ein altes Gebäude, da fällt immer etwas an", meint Görlitz.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...