Kleinvieh macht auch Arbeit - vor allem auf einem Teppich

Ein Kirchenauftrag hat die Frankenberger Teppichmanufaktur vor ganz besondere Herausforderungen gestellt. Schwierige Muster mit allerlei Getier bereiteten dabei auch einiges Kopfzerbrechen.

Frankenberg.

Es war der komplizierteste Teppich, den er bisher hergestellt hat, sagt Eberhard Witzschel, Inhaber der Sächsischen Teppichmanufaktur in Frankenberg. Die Rede ist von einem 7 Meter langen und 4,50 Meter breiten Teppich für eine Kirche in Lenzen in der Nähe von Wittenberge (Brandenburg). Nach wochenlanger Tüftelei ist er nun fast fertiggestellt. Es war vor allem das Muster, das dem 75-Jährigen Kopfzerbrechen bereitet hat.

Dabei ist das Weben von Kirchenteppichen eine Spezialität der kleinen Manufaktur, die damit eine absolute Nische bedient. 20 bis 25 Stück werden jedes Jahr hergestellt, so unter anderem schon für die Basilika in Wechselburg, die Kirche in Erdmannsdorf, aber auch für Gotteshäuser in Bayern. "Einige davon stellen wir im Baukastensystem her", sagt Witzschel. Doch viele sind nicht von der Stange, sondern individuelle Einzelanfertigungen nach historischem Vorbild oder speziellen Wünschen. Mitunter sind vorher aufwändige Recherchen notwendig. Für die originalgetreue Nachgestaltung des Altarteppichs für die Erdmannsdorfer Trinitatiskirche führten die Nachforschungen sogar bis in die Chemnitzer Kunst- und Textilsammlung.

Beim Teppich für die Lenzener Kirche lag der Fall etwas anders. Dort gibt es ein Original, doch das hatte es in sich. "Die Kirche brauchte einen neuen Teppich", erzählt Witzschel zunächst die Vorgeschichte. Und dieser sollte aussehen, wie der alte. "Also haben wir ihn uns angeschaut", sagt der Experte. Die erste Überraschung war, dass er aus Bahnen zusammengesetzt ist. Für die Frankenberger Manufaktur war das ein Vorteil, für die etwa 75 Zentimeter breiten Bahnen reichte der kleine Webstuhl, hergestellt 1968. "Der funktioniert besser als alle neuen", erzählt Witzschel mit einem Schmunzeln.

Die zweite Überraschung: Durch die Quadrate auf den Bahnen ergibt sich beim Zusammensetzen ein neues, zusätzliches Muster. "Das ist eher selten", so der Chef. "Bei normalen Kirchenteppichen, wie wir sie bisher hergestellt haben, werden die Bahnen zusammengesetzt und es entsteht immer das gleiche Muster."

Doch die größte Herausforderung waren die eingewebten Löwen, Vögel und anderes Getier. Dazu hat Witzschel zunächst das Original abfotografiert und in den Computer eingegeben. Mittels Grafikstift wurde dann jedes Detail nachgezeichnet. "Im Grund musste ich das ganze Muster neu zeichnen", berichtet er. Allein dafür habe er etwa 14 Tage gesessen. Das Problem: Der Originalteppich ist sehr fein gewebt. Diese Feinheit kann er mit seinem Webstuhl nicht realisieren, dennoch sollten die Tiere als solche auch erkennbar bleiben. "Fragen Sie nicht, wie lange ich an den Löwen gesessen habe", so Witzschel. Diese Computerzeichnung ist dann nämlich die Grundlage für das Muster, das eine spezielle Software in eine Lochkarte stanzt. Eine sogenannte Jacquard-Maschine auf dem Webstuhl entschlüsselt das Muster auf der Lochkarte und sorgt dafür, dass die richtigen Fäden gezogen werden.

Zusätzlich erhielt der Teppich als Umrandung gewebte Bordüren. Das Original hatte zudem "Halleluja-Ecken", sprich: in den Ecken war das wort Halleluja eingewebt. "Diese hatte ich weggelassen", gesteht Witzschel. Doch da hatte er die Rechnung ohne die Auftraggeber gemacht, die darauf trotz einiger Mehrkosten bestanden. Was genau der Riesenteppich kostet, wollte Witzschel nicht verraten, aber: "eine fünfstellige Summe wird es schon".

Denn der Aufwand hat seinen Preis, aber er ist auch der Grund, warum der 1909 gegründete Betrieb bis heute überlebt hat: "Weil wir Sachen machen, die die großen Hersteller nicht machen", so Witzschel. Und so werden in einer der letzten Manufakturen der klassischen Maschinenweberei nicht nur Kirchenteppiche, sondern auch Teppiche für private und staatliche Schlösser, Villen und Firmen hergestellt. 15 Webstühle stehen zur Verfügung. Der älteste stammt aus dem Jahr 1936. "Er soll später einmal im geplanten Museum ,Zeit-Werk-Stadt' stehen", verrät Witzschel. Denn die 80 Jahre alte Maschine funktioniert immer noch.


Ungewöhnliche Bodenbeläge

Die Frankenberger Teppichmanufaktur gibt sich nicht mit normalen Teppichen zufrieden. Dort wurden bereits ungewöhnliche Stücke hergestellt, zum Beispiel:

Ein beheizbarer Teppich: Darin befindet sich Kupferdraht. Der Fußbodenbelag wird an eine extra Stromquelle angeschlossen, das Kupfer und damit der gesamte Teppich erwärmt.

Ein beleuchteter Teppich: Er ist mit Leuchtdioden ausgestattet. Eigentlich dient er Dekorationszwecken, kann aber trotzdem betreten werden.

Ein roter Teppich: Die sächsische Staatskanzlei lässt ihn ausrollen, wenn sehr wichtiger Staatsbesuch kommt, zum Beispiel die Queen. Danach wird der 25 Meter lange Teppich wieder zusammengerollt und in Frankenberg eingelagert. (ug)

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