Nach 45 Jahren als Mediziner: Der turnende Arzt geht in Rente

Gerhard Stollberg hat sich gestern aus seiner Praxis verabschiedet. Um die Patienten kümmert sich nun vor allem sein Sohn Lutz. Das Ziel des Vaters: Olympia in Tokio 2020.

Hainichen.

Am letzten Arbeitstag war der Andrang in der Praxis besonders groß. Freunde, Patienten, und auch ehemalige Mitarbeiter haben gestern Gerhard Stollberg alles Gute für den Ruhestand gewünscht. Zwischendurch war die Unterschrift des Allgemeinmediziners noch auf etlichen Formularen gefragt. Nun ist er in Rente, nach 45 Arbeitsjahren im Dienst der Medizin. Das hat der Doktor sogar schriftlich, und zwar in Glas gemeißelt als Abschiedsgeschenk und Erinnerung. Doch der 68-Jährige will nun loslassen, nicht von Hainichen, seinen Ehrenämtern und Hobbys - aber vom Beruf. Was er nicht aufgibt, ist sein seit nun gut zehn Jahren andauernder Einsatz für den Striegistal-Radweg.

Gerhard Stollberg, Jahrgang 1950, stammt aus Oberdorla in Thüringen. Während des Medizinstudiums in Jena traf er auf seine spätere Frau Annedore, die als kleines Kind mit ihrer Familie nach Hainichen kam. Das Paar verlobte sich, Nachwuchs war unterwegs. Sohn Lutz machte 1974 das Examen sogar schon im Bauch mit. Ziel für die junge Familie sollte eine Kleinstadt sein. Augustusburg und Oederan seien im Gespräch gewesen. Es wurde die Gellertstadt, und Gerhard zog vom Hainich nach Hainichen.

Hier fand er schnell Anschluss, ging zum Allgemeinen Turnverein (ATV), dem er bis heute angehört. Auftritte mit der Männerriege gehören immer noch zu den Höhepunkten jedes Schauturnens. In seiner Jugend versuchte er sich auch mal als Skispringer. In der Kulturszene wurden Karl Fischer und Günther Hofmann (beide sind inzwischen verstorben) seine Freunde. Die Erinnerung an die einstige "Galerie 926" am Markt wird bis heute in der Praxis wachgehalten. Das Logo der Galerie findet man immer noch auf den dort ausgestellten Werken.

Gerhard Stollberg promovierte bereits mit 26 Jahren, Lutz war später dann noch ein halbes Jahr schneller als der Vater. Für Gerhard begann die Arbeit als Arzt 1977 in der Praxis an der Heinrich-Heine-Straße. Damals schon an seiner Seite: Schwester Ruth. Sie begleitete ihn bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2012. Und Ruth Zelder war natürlich auch gestern dabei, um dem Doktor am letzten Arbeitstag zu danken.

Sie hat auch alle Stationen des Arztes in Hainichen erlebt, von 1980 an zehn Jahre im Haus Ernst-Thälmann-Straße 1, dann die Jahre in der Frankenberger Straße, wo die Familie auch wohnte. Annedore praktizierte dort bereits ab 1978 als Kinderzahnärztin. 2004 eröffneten Gerhard und Lutz Stollberg die gemeinsame Praxis im Haus am Gellertplatz, dem heutigen Wohnhaus des Sohnes. Seit 2008 sind es die Räume eines ehemaligen Fitness-Studios mit Zugang zum Markt. Die Adresse ist aber der Obere Stadtgraben.

Im Wendeherbst 1989 erhob Gerhard Stollberg seine Stimme bei einer Bürgerversammlung in der Kirche. Diesen Auftritt haben viele ältere Hainichener noch in Erinnerung. Johanna Ulbricht aus Moosheim hatte 2015 als Gymnasiasten dazu geforscht und Stollbergs Rede in einer Broschüre erwähnt. Missstände aufzuzeigen, war für den Arzt aber schon immer wichtig. So sammelte er zu DDR-Zeiten Unterschriften gegen die Luftverschmutzung, die vom einstigen Trockenwerk in Hainichen ausging. "Viele Kinder litten deshalb vor allem nachts an Atemnot", blickt der Arzt zurück.

Auch nach der Wende setzte er sich ein, protestierte 2005 gegen Kürzungen im Gesundheitswesen. "Unterschiede zwischen Privat- und Kassenpatienten habe ich sowieso nie gemacht", sagt er. "In der Kiste sehen doch alle gleich aus." Auch die Versuchung, zu DDR-Zeiten in den Westen zu gehen, habe es nicht gegeben. "Um das Geld ging es uns nie." Vergleich zwischen damals und heute erlaubt er sich aber zu ziehen: "Die Prophylaxe, die beim Impfen beginnt, war früher einfach besser organisiert. Heute will doch jeder sein eigener Chef sein."

Die medizinische Zukunft weiß er in guten Händen. Sohn Lutz wird sich nach Möglichkeit auch um die Patienten des Vaters kümmern. Die jüngste Tochter Ulrike praktiziert als Zahnärztin in Hainichen. Tochter Heike ist als Hebamme in Norddeutschland tätig. "Wir haben unsere Kinder aber nie in Richtung Medizin beeinflusst", sagen die Eltern, die längst Großeltern sind, unisono. Beide wollen nun viel von der Welt sehen. Und ein Ziel reizt ganz besonders. Es soll zu den Olympischen Spielen 2020 nach Tokio gehen.

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