Thema psychisch erkrankter Eltern wird immer präsenter

Sozialpädagogin Ulrike Mittelbach über ihre Pläne für die erste Gruppe für Kinder psychisch kranker Eltern im Altkreis Mittweida

Mittweida.

Kinder aufklären über psychische Erkrankungen, ihnen Mut machen, offen darüber zu reden - das will Ulrike Mittelbach vom Familientreff des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) in Mittweida mit einem neuen Angebot erreichen. Lea Becker hat mit ihr über das Projekt gesprochen.

Freie Presse: Frau Mittelbach, was hat Sie bewogen, eine Gruppe für Kinder psychisch kranker Eltern ins Leben zu rufen?

Ulrike Mittelbach: Bei unserer Arbeit im Familientreff fiel uns auf, dass das Thema psychisch erkrankter Eltern immer präsenter wird. In Mittweida und Umgebung gibt es aber bisher keine Angebote für die Kinder solcher Eltern. Selbsthilfegruppen für Angehörige sind eher auf Erwachsene ausgerichtet. Deswegen war es mein Wunsch, in Mittweida eine Kindergruppe zu installieren. Mit dem 23. September gibt es dafür jetzt einen Starttermin.

Wer kann mitmachen?

Es ist eine geschlossene Gruppe für maximal sechs Kinder aus dem gesamten Altkreis Mittweida. Das Konzept bietet Raum für vier- bis sechsjährige sowie für sieben- bis zehnjährige Kinder. Wenn wir bei den Anmeldungen feststellen, dass zum Beispiel ein zwölfjähriges Kind mit dabei ist, würden wir aber auch individuell schauen, ob das für die Gruppe passt. Weil der Altkreis extrem groß ist, bieten wir auch einen Fahrservice an, der die Kinder zu uns und wieder nach Hause bringt.

Was ist das Ziel der Gruppe?

Ziel ist es, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren. Wir wollen Eltern und Kindern Mut machen, offen über die Erkrankung zu reden. Deswegen wird es zu Beginn ein Familiengespräch geben. Dabei ist uns ganz wichtig, dass die Eltern dem Kind explizit die Erlaubnis erteilen, darüber zu sprechen. Im Anschluss daran finden neun Termine mit der Kindergruppe statt. Dazu gibt es aber auch noch eine begleitende Elternarbeit. Dabei wollen wir die Eltern dafür sensibilisieren, dass das Elternsein eben manchmal anstrengend sein kann und dass es anderen genauso geht - auch Eltern, die keine psychische Erkrankung haben.

Vor welchen Herausforderungen stehen Familien, in denen ein Elternteil psychisch krank ist?

Es gibt eine große Unsicherheit in Überforderungssituationen: Wenn es mir selber gerade nicht gut geht, ich aber noch dieses und jenes erledigen muss. Eigentlich müsste ich eine starke Mutter oder ein starker Vater sein, schaffe das aber gerade nicht. Dann läuft man Gefahr, sich selbst abzuwerten: Ich kann das nicht, ich bin einfach eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater.

Wie sieht es bei den Kindern aus?

Das ist ganz unterschiedlich. In manchen Fällen kann es zu einer Rollenübernahme kommen: Die Kinder stellen aus dem Bedürfnis heraus, dass es Mama und Papa gut gehen soll, ihre eigenen Bedürfnisse ein stückweit hinten an. Vielleicht übernehmen sie auch selbstständige Tätigkeiten, die noch gar nicht altersgerecht sind. Manche ziehen sich zurück und zeigen Defizite im sozialen Miteinander mit Gleichaltrigen. Vielleicht trauen sie sich nicht, andere Kinder mit nach Hause zu nehmen, weil sie nicht wollen, dass irgendjemand weiß, wie es Mama und Papa geht.

Wie wird die Gruppenarbeit mit den Kindern aussehen?

Wir wollen kindgerecht darüber aufklären, was den Eltern fehlt. Mit körperlichen Diagnosen können wir alle etwas anfangen: Wenn wir uns den Arm gebrochen haben, dann fällt uns dies und jenes schwer. Aber was bedeutet es, wenn ich unter einer depressiven Episode oder manischen Zuständen leide? Ein stückweit wollen wir den Kindern auch die Last nehmen und vermitteln: Wenn Mama oder Papa sich auf bestimmte Art und Weise verhalten, dann ist das nicht deine Schuld. Es hat nichts damit zu tun, dass du böse oder unartig warst, sondern ist Teil der Erkrankung. lkb

Anmeldungen sind bis 31. Juli möglich. Kontakt: Ulrike Mittelbach, CJD Familientreff, Am Pfarrberg 5, Mittweida. Telefon: 03727 9799412; E-Mail: ulrike.mittelbach@cjd.de.


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