Tüll-Story: Loch an Loch - und hält doch

Die Baumwollspinnerei ist der Leuchtturm Flöhas. Ein anderer Textilbetrieb war ebenso bedeutend, ist aber beinahe vergessen. Das soll sich ändern.

Flöha.

Die Anzahl der Einträge in der Internet-Suchmaschine Google ist heutzutage eine übliche Maßeinheit für die Bedeutsamkeit einer Sache. Messen wir also mal und geben "Bauwollspinnerei Flöha" ein - 13.500 Suchergebnisse. Und dann "Tüllfabrik Flöha" - 456 Suchergebnisse. Das Resultat spiegelt die Realität wider. Über die Baumwollspinnerei ist viel gesagt, sind Bücher geschrieben worden, beinahe jeder Winkel der Unternehmensgeschichte ist ausgeleuchtet. Die Tüllfabrik fristet dagegen ein Schattendasein. Bekannt ist, dass Carl Siems 1898 den Betrieb gegründet hat, dass das Unternehmen rasch wuchs und zur Blütezeit 1913/14 knapp 700 Mitarbeiter und Beamte sowie 1000 Heimarbeiter beschäftigte. Weniger wahrgenommen wird, dass die Tüllfabrik im Gegensatz zur Baumwollspinnerei bis heute überlebt hat: In der Spiga - Spitzen und Gardinenfabrikation in Falkenau rattert das moderne Erbe der Tüllfabrik.

Der Freundeskreis Flöhaer Stadtgeschichte rund um den Ortschronisten Lothar Schreiter will die Tüllfabrik ins öffentliche Bewusstsein zurückholen. Ob die umfangreichen Recherchen in eine Chronik münden, einen Vortrag oder ein Buch, das steht noch nicht fest. Fest steht aber, dass die Tüllfabrik eine bessere Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat als die Baumwollspinnerei.

Beide Textilbetriebe waren familiär eng verwoben. Firmengründer Carl Siems (1868-1937), der aus einer Strumpffabrikantenfamilie in Limbach stammt, war ein Schwager von Stephan Clauss, dem Inhaber der Baumwollspinnerei. Siems hatte Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach einem Geschäftsmodell den Tüll-Markt ins Auge gefasst. Tüll war seinerzeit hoch in Mode. Als Stickgrundlage für die Spitzenproduktion musste Tüll überwiegend teuer aus England importiert werden, genauso wie die ersten Maschinen. Da kam die deutsche Erfindung des Tüllwebstuhls durch den Chemnitzer Albert Vogt gerade Recht, um in Deutschland den Industriezweig zu aktivieren. Der Einstieg gelang, bereits 1904/05 war die Tüllfabrik die erste Adresse für klassischen glatten Baumwolltüll in verschiedenen Ausführungen und Feinheiten.

Der Betrieb wuchs schnell. 1907 wurde aus der Kommanditgesellschaft eine Aktiengesellschaft. Mit neuem Geld konnte der Betrieb erweitert und die Kapazität annähernd verdoppelt werden. Die Tüllfabrik bekam sogar einen Gleisanschluss für die Kohlebelieferung. 1910 war die Erweiterung abgeschlossen. Auf 220 Webstühlen wurden täglich 44.000 Quadratmeter Tüll produziert. Die acht Meter breiten und zwischen 50 und 80 Meter langen Bahnen wurden per Hand auf Fehler kontrolliert und ausgebessert. Wiebeln nannte man das damals, und im hinteren Teil der Tüllfabrik gab es dafür eine Wiebelstube. Vor allem aber übernahmen Heimarbeiter diese Handarbeit.

Der Erste Weltkrieg war ein Einschnitt, aber Anfang der 1930er-Jahre waren in der Tüllfabrik wieder 400 Mitarbeiter beschäftigt. Die Tagesproduktion lag bei 15.000 Quadratmetern. Der Tüll hatte inzwischen Muster, an Stelle der Baumwolle wurde mit Kunstseide und Seide experimentiert.

1943 begann ein dunkles Kapitel in der Unternehmensgeschichte, wenngleich die Tüllfabrik dabei keine aktive Rolle spielte. Wie in vielen Unternehmen zog auch in die Tüllfabrik Rüstungsproduktion ein. Der westliche Teil der Fabrikgebäude wurde an die Leipziger Erla-Werke vermietet. Der Betriebsteil bekam den Tarnnamen Fortuna GmbH, und im Januar 1944 begann dort die Produktion von Rumpfstücken für Jagdflugzeuge. Ab März 1944 wurde im Betriebsteil eine Außenstelle des KZ Flossenbürg eingerichtet, Häftlinge leisteten Zwangsarbeit. Ein Denkmal an der Stirnseite des Fabrikgebäudes erinnert seit 1946 an die Leiden dieser Häftlinge. Das Denkmal ist freilich schon viel älter und hatte ursprünglich eine ganz andere Geschichte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Tüllfabrik zu den 20 Betrieben im Altkreis Flöha, die auf Basis eines Volksentscheides enteignet wurden. Von 1951 an widmete man sich verstärkt den Chemiefasern. Die waren stabiler, das Wiebeln entfiel. Mit der Verzwirnung von Polyamidfasern entstand ein Unternehmensteil, der schließlich zu einem eigenen Betrieb wurde. Das war die Geburtsstunde der Perlonzwirnerei, heute Otex Textilveredelung. Aber das ist eine andere Geschichte.

In der Tüllfabrik zog bis 1960 eine neue Technologie ein, die Rascheltechnik, ein hochproduktives Web-Strick-Verfahren. 1973 wurde der letzte Webstuhl verschrottet. Danach beginnt der große weiße Fleck in der Geschichte der Tüllfabrik, für den der Freundeskreis Stadtgeschichte Zeitzeugen und Informationen sucht. 1990 hatte die Tüllfabrik, die seit 1970 zum VEB Plauener Spitze gehörte, 139 Mitarbeiter. Aus Plauen kam damals Roland Mach nach Flöha, der 1993 aus der Tüllfabrik heraus die Spiga - Spitzen und Gardinenfabrikation gründete. 1998 zog Mach in einen Neubau ins Gewerbegebiet nach Falkenau um. Heute beschäftigt die Spiga, die nun von Nico Mach geführt wird, knapp 50 Mitarbeiter. 60 Prozent der Produktion sind filigrane Spitze für Dessous und Miederwaren, 40 Prozent technische Textilien.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...