Von der Großstadt nach Burgstädt

Ein Ehepaar und ihr Sohn haben Leipzig den Rücken gekehrt und einen Neustart auf dem Land gewagt. Dabei half auch ein Zufall.

Burgstädt.

Sie ist in Merseburg in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und zog zum Studium nach Leipzig, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. Gemeinsam siedelten sie an den Stadtrand von Leipzig um und mieteten ein Haus. "Uns war immer die Nähe zur Natur wichtig", sagt Denise Müller-Weigelt, die als Fachberaterin bei einem Versicherungsmakler in Leipzig arbeitet. Ein Hausbau sei nicht in Frage gekommen. Denn als Familie wolle man ortsununabhängig sein. "Wir wollen flexibel sein, weil wir nicht wissen, wohin uns die Arbeit verschlägt", sagt die 41-Jährige. Ihr Mann André Müller arbeitet als Bauleiter auf verschiedenen Baustellen in Deutschland. "Wir hatten unseren Ruhepunkt in unserem Heim", sagt der 45-Jährige. Sohn Leonhard wurde 2007 geboren.

Doch dann meldete der Haus-Vermieter Eigenbedarf an und die Familie musste ausziehen. "Erst waren wir ganz schön verzweifelt", sagt André Müller. Aber zufällig habe er von einem Geschäftspartner erfahren, dass er ein Haus um- und ausbaut, aber dort nicht einziehen wollte. Der Geschäftspartner wohnt in Burgstädt. "Wir haben gleich in der Nähe ein eigenes Wohnhaus und suchten nur ein Objekt für unser Büro", sagt Kerstin Arnold, die mit ihrem Mann ein mittelständisches Unternehmen betreibt. Das Haus an der Burkersdorfer Straße stand fast zehn Jahre leer. Die grundhafte Sanierung hatten die Arnolds gemeinsam mit ortsansässigen Handwerkern gestemmt. Eigentlich sollte erst ihr Sohn ins Haus ziehen, aber er habe sich dann anders entschieden, sagt Arnold. So sei die Mietanfrage von Familie Müller gerade zur rechten Zeit gekommen.


Vor einem Jahr zogen die Müllers nach Burgstädt. Denise Müller-Weigelt ist mit dem Zug in 45 Minuten in Leipzig. Leonhard hat bis zur Diesterwegschule einen Fußweg von fünf Minuten. Der Vater ist sowieso unter der Woche auf Baustellen unterwegs. Und das Wichtigste: Schäferhund Addi sowie die beiden Katzen Jack und Jones haben im Grundstück genug Auslauf. Auch die beiden Wellensittiche fühlen sich im Käfig sichtlich wohl. "Für uns sind die Müllers ein Glücksfall", sagt Vermieterin Arnold. Die Familie habe den grünen Daumen mitgebracht, denn der Garten habe im Sommer gegrünt und geblüht.

Denise Müller-Weigelt gibt das Kompliment zurück: "Da passt einfach alles, wir verstehen uns auch privat gut." Außerdem habe sie beim Anlegen des Gartens Schützenhilfe in der Naturschutzstation Herrenhaide erhalten. Dort war die Familie im Frühjahr durch einen Vortrag auf naturnahes Gärtnern aufmerksam geworden. Vieles habe sie dann selbst im Garten ausprobiert: Blumenrabatten, ein Hochbeet mit Gemüse sowie ein Gartenhaus. Eigentlich wollten Vater und Sohn noch ein Vogelhaus bauen. Aber das erhielten sie als Geschenk vom Naturschutzbund, denn alle drei waren im Sommer als Jubiläumsmitglieder im Nabu Sachsen aufgenommen worden. "Wir sind sehr stolz, diese für uns bedeutende Marke von 20.000 geknackt zu haben", sagt Nabu-Landesvorsitzender Bernd Heinitz. Die steigende Mitgliederzahl führe er auf vielfältige Projekte zurück, wie die Naturthemen in Herrenhaide. "Wir sind zu dritt bei Arbeitseinsätzen dabei, besuchen interessante Vorträge", sagt André Müller.

"Wir sind jetzt richtig in Burgstädt angekommen", fügt Denise Müller-Weigelt hinzu. Die dörfliche Atmosphäre, die Natur mit Wanderwegen und Ausflugszielen, wie Rochsburg, und die Stadtnähe mit Ärzten, Supermärkten, kleinen Läden und Sportzentrum mit Hallenbad seien ganz nach ihrem Geschmack. Außerdem sei es nur ein Katzensprung bis nach Chemnitz. Noch einen Vorteil des Landlebens nennt André Müller. "Wir ernähren uns regional", sagt der Hobbykoch. Auf umliegenden Bauernhöfen sehe er, wie die Tiere aufwachsen, was für Futter sie fressen. Von einem Teichbesitzer bekomme er den Karpfen, Lamm- und Rinderbraten erhalte er von einem Landwirt und selbst das Wildschwein werde von einem befreundeten Jäger geschossen.

Ungewöhnlich ist es nicht, dass Großstädter aufs Land ziehen. Trendforscherin Oona Horx-Strathern sagt aber auch, dass viele Familien wegen häufigen Jobwechsels flexibel bleiben wollen. Deshalb ist ein Miethaus eine mögliche Variante. Kommunen und der Landkreis Mittelsachsen werben indes um Rückkehrwillige, die aus der Region kommen und wegen der Arbeit nach München, Berlin oder Leipzig gezogen sind. Die Kampagne "Mittelsachsen ist mein Platz zum Wachsen" wird jetzt durch einen Kinospot verstärkt, der in 15 Städten in ganz Deutschland laufen soll. Wie der Erste Kreisbeigeordnete Lothar Beier (CDU) weiter informierte, soll der knapp einminütige Film Ende November unter anderem in Berlin, München und Stuttgart gezeigt werden: "Wir haben die Städte ausgewählt, in die die meisten jungen Leute aus unserer Region gezogen sind." Auch Burgstädt hatte vor einigen Jahren die Initiative "Frischer Wind" gestartet, die vor allem darauf abzielte, leerstehende Immobilien vor allem für junge Familien attraktiv zu machen. In der Statistik der vergangenen beiden Jahre sei keine eindeutige Tendenz zu erkennen, sagt Bauamtsleiter Hannes Langen. 2016 zogen 428 Menschen nach Burgstädt - 61 mehr, als die Stadt im Gegenzug verließen. Auch 2017 und in diesem Jahr überwogen bislang die Zuzüge.

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