Geweih und Knochen: Für einen Schnitzer das liebste Material

Toni Kästner aus Rochlitz fertigt in einem seltenen Handwerk Messergriffe, Knöpfe, Schmuck. Auch die Historie der West- slawen interessiert ihn.

Rochlitz.

Hasen und ein Wildschwein finden sich auf dem Taschenbügel seiner Ledertasche. Das Messer, das er in der Hand hält, ist mit einem Kreisaugenmuster verziert. Und auch einen besonderen Ohrschmuck trägt Toni Kästner. Alle Gegenstände sind aus Geweih beziehungsweise Knochen gefertigt. Denn diese Materialien haben es dem Rochlitzer angetan. Und alles ist unter seinen Händen entstanden.

Der 33-Jährige ist Geweih- und Knochenschnitzer. Er nennt sich Baina Graftu. Mit dem germanischen Wörterbuch lässt sich das als Bein-Schnitzer übersetzen. Das Handwerk, dem sich der Rochlitzer widmet, ist selten. "Ich kenne in Deutschland noch vier Knochen- und Geweihschnitzer, die traditionell arbeiten", sagt er. Eng verknüpft mit dem Handwerk ist Kästners Interesse für Geschichte.

Aufgewachsen in Rochlitz, fand er als "Steppke" einen Zugang zur Geschichte, lief 1995 zur 1000-Jahr-Feier als Schusterjunge mit und fand es spannend, als Infotafeln an Gebäuden wie der Alten Baderei angebracht wurden. Auch versuchte er damals schon, Knochen zu bearbeiten. Und an alten Knochen, die er sich im Museum anschaute, hätten ihn Struktur, Form und Farbe interessiert.

Nach der Schule ging Kästner nach Dresden, begann dort seine Ausbildung zum Grafiker. Zwölf Jahre arbeitete er als freier Journalist, schrieb über kulturwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Themen. Auch in München, Kopenhagen, Berlin, Essen hat er Zeit verbracht. 2014 zog Kästner nach Leipzig, seit gut einem Jahr wohnt er wieder in Rochlitz, arbeitet heute in der Gastronomie.

Aber da ist eben noch das zweite Stand-"Bein". "2012, 2013 ging es los, dass ich sagte: Du musst mal wieder was mit den Händen zu tun haben." Also widmete er sich intensiver dem Beinschnitzen. Dies sei im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung ausgestorben, erzählt er. Davor fertigten die Beinschnitzer als Resteverwerter Instrumente, Kinderspielzeug, Würfel, Schlittknochen, Spielsteine, Schmuck, Rufhörner.

Kästner hat sich die Fertigkeit selbst beigebracht, auch Literatur zum Thema gelesen. "Die Hawaiianer haben eine ununterbrochene Knochenbearbeitungstradition bis heute, da kann man viel lernen."

Sein Material erhält er vom Jäger oder nach Haushaltsauflösungen, aber auch von Wollschweinen, die ein Bekannter züchtet. Zum "Bein" zählen Knochen, Horn, Geweih, Elfenbein, Fischknochen, Zahn. Bearbeitet werde das Bein wie Holz, unter anderem wird gefeilt, geraspelt, geschnitten. Neben Mustern entstehen auch Figuren. Ein besonderer Knopf ziert einen Lederbeutel. "Er besteht aus 10.000 bis 30.000 Jahre altem Mammutelfenbein aus Sibirien. Weil die Permafrostböden auftauen, findet man dies heutzutage."

Toni Kästner fertigt Messergriffe, Anhänger, Windlichter, Armreifen und vieles mehr. Mit seiner Lebenspartnerin, mit der er auch Lederwaren herstellt und die Wolle färbt und verarbeitet, verkauft er die Waren zum Beispiel auf Mittelaltermärkten oder dem Rochlitzer Regionalmarkt. Eigene Kreationen sind ebenso darunter wie Auftragswerke. Zu den Kunden zählen Anhänger der Reenactment-Bewegung, die historische Ereignisse und Zeiten möglichst authentisch darstellen, die Mittelalterszene und Jäger.

Besonders interessiert sind Kästner und seine Partnerin am 8. und 9.Jahrhundert. Auf Märkten sind sie als westslawisches Pärchen gewandet. "Auch unsere Region wurde von den Westslawen geprägt. Slawen haben aus dem Porphyr Mühlensteine gefertigt. Und der Name Rochlitz geht eventuell auf das slawische Wort für Rad zurück", sagt Toni Kästner.

Am Freitag ab 19 Uhr zur Rochlitzer Runde spricht Toni Kästner im "Vielfalter" unter dem Titel "Das kommt mir slawisch vor" zum Thema: "Von Besatzung, Rebellion und Kreuzzug - die bewegte Zeit der Westslawen".

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