Leere Dörfer, volle Städte

Die Landflucht junger Leute hält an. In Mittelsachsen profitieren vor allem die Studentenstädte Freiberg und Mittweida davon. Kommunen, die nicht ausbluten wollen, müssen reagieren. Ex-Landrat Uhlig: Der Einzelne kann nichts ändern.

Lunzenau/Oederan.

Für Jessica Brandl kommt eines nicht mehr infrage: zurück ins Muldental. Dabei hatte die aus Lunzenau stammende Frau einst ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Rochlitz absolviert. Sie arbeitete in einem bayrischen Krankenhaus, bevor sie vor vier Jahren zurückkehrte. Nun ist sie angekommen. "Leipzig hat mir schon immer gut gefallen - total hip, weltoffen, kinderfreundlich, viel Kultur. Und ich kann mit dem Rad zur Arbeit fahren", sagt die 24-Jährige.

Kein Einzelfall. "Es sind vor allem junge Leute, die sich wie Vogelschwärme überall in der Provinz aufmachen, um sich in angesagten Orten niederzulassen", so Experte Harald Simons vom Forschungsinstitut Empirica. In Mittelsachsen hätten diese Anziehungskraft Freiberg, Mittweida und auch Döbeln. Doch den Preis für deren Plus an 20- bis 30-jährigen Zuzüglern zahlt das Umland. Das kann auch Carina Müller bestätigen. Der Mitarbeiterin des Einwohnermeldeamts in Neuhausen graut's vor den Monaten September und Oktober. "Dann melden sich die 16- bis 18-Jährigen, die Lehre oder Studium beginnen, ab", sagt Müller. Der Großteil würde nie zurückkehren. Zudem ärgere sie sich über die Uni-Städte, die eine Zweitwohnsitzsteuer kassieren. Die würde zumeist 10 Prozent der Kaltmiete betragen. "Um die zu sparen, melden sich junge Leute im Heimatort komplett ab, der Studienort wird Hauptwohnsitz." Ähnlich ergeht es Oederan. "Wir können mit Städten wie Chemnitz nicht konkurrieren", verdeutlicht Bürgermeister Steffen Schneider (Freie Wähler), dem noch andere Probleme zu schaffen machen - allen voran die Mobilität. "Wir sind kein Speckgürtel, liegen zwischen Chemnitz und Freiberg. Da brauchen junge Leute gute Verkehrsanbindungen. Wie soll ich Bürger halten, wenn der Regionalexpress in Oederan durchrauscht, keine Bus nach Freiberg fährt", erklärt Schneider.

In dem Zusammenhang hat sich auch Mittelsachsens Ex-Landrat Volker Uhlig (CDU) zu Wort gemeldet: "Die Stadt braucht das Land, und das Land braucht die Stadt." Diese Wechselwirkung sei für beide überlebenswichtig. Uhlig hatte schon zu Amtszeiten mehrfach betont, dass der demografische Wandel das in den nächsten Jahrzehnten bestimmende Thema für den Landkreis werde. "Wir sind alle Individuen, die dorthin gehen, wo es ihnen gefühlt besser geht", fügte er an. Vor dem Hintergrund der damit verbundenen Herausforderungen für die Gesellschaft mahnt er zum Schulterschluss von Politik und Wirtschaft in Mittelsachsen an. Noch sei es nicht zu spät. Denn eines sei Fakt: "Der Einzelne kann nichts ändern."

Das ist auch Annette Schwandtke von der IHK Chemnitz, Regionalkammer Mittelsachsen, klar: "Wenn einmal Jugendliche die Region verlassen haben, ist es schwer, sie als Arbeitskräfte wieder zurückzuholen." Schwandtke setzt daher auf die Zusammenarbeit mit den Firmen, auf Ausbildungsmessen und Aktionen wie die Woche der offenen Unternehmen. Doch Pflegedienstleistern wie die Stiftung Münch, die Heime nahe der Grenze zu Tschechien betreibt, trifft die Landflucht junger Leute besonders hart. "Natürlich helfen Messen, aber letztlich müssen wir aus eigener Kraft Azubis finden, die bereit sind, in einer ländlichen Region mit schlechten Busverbindungen zu arbeiten", sagt Juniorchef Alexander Münch. Daher müsse sich die Stiftung weiter als Marke etablieren, Social Media bei der Fachkräftesuche noch gezielter eingesetzt werden. Er betont in dem Zusammenhang: "Wertschätzung motiviert mehr als Geld." Und das ist auch Stefanie Lauckner aus Voigtsdorf wichtig. Die 22-Jährige arbeitet im Waldgasthof Bad Einsiedel nahe Seiffen. "Ich bin heimatverbunden. Nur wenn es im Erzgebirge überhaupt keine Jobs mehr gibt, würde ich auch in die Kreisstadt gehen."

Ihre Meinung ist uns wichtig: Wie soll der Landflucht begegnet werden? - Lokalredaktion Freiberg, Kirchgäßchen 1 in 09599 Freiberg. E-Mail: jochen.walther@freiepresse.de.


"Ideen fürs Zusammenleben"

Sarah Beierle vom Jugendinstitut hat untersucht, was 18- bis 22-Jährige in den Dörfern veranlasst, wegzugehen. Jochen Walther hat mit ihr gesprochen.

Warum fühlen sich vor allem junge Leute von den Städten angezogen?

Neben besseren Ausbildungs- und Jobperspektiven finden sie in Großstädten vielfältigere jugendkulturelle Möglichkeiten vor.

Wie können Kommunen junge Leute im ländlichen Raum halten?

Die Problembereiche sind bekannt: Es geht um den öffentlichen Nahverkehr, Treffpunkte, Turbo-Internet und darum, wie die Bildungspotenziale der Region besser zur Geltung gebracht werden können. Nur wenn junge Leute ihre Region als lebenswert und gestaltbar wahrnehmen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie bleiben oder zurückkehren wollen.

Der demografische Wandel ist nicht zu stoppen. Wird sich damit die Landflucht verstärken?

Viele Landjugendliche schätzen den familiären Umgang in vertrauter Umgebung und lieben die Natur- jedoch nur, wenn das Gefühl von Benachteiligung nicht überwiegt. Zugleich wird das Leben in Großstädten teurer. Gefragt sind Ideen für das Zusammenleben und die Lebensqualität verschiedener Generationen.

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