Selbst die Besten sind Verlierer

MITTEN IN SACHSEN: Dorf oder Stadt, flaches Land oder Erzgebirge - Mittelsachsens Orte zählen deutlich weniger Einwohner als bei Kreisgründung. Die Hierbleiber halten dagegen - dazu gehören auch die Peniger.

Rochlitz/Penig.

Als ihre Kinder noch das Gymnasium in Brand-Erbisdorf besuchten, waren sie inklusive Busfahrt täglich mehr als zehn Stunden außer Haus. "Länger als ein Arbeitstag", sagt Anke Griesbach. "Und dieser extreme Freizeitverlust musste von uns noch bezahlt werden." Jetzt studieren und arbeiten ihre Kinder außerhalb. "Und vermutlich", sagt Anke Griesbach, "werden sie nicht mehr zurückkommen."

Das Beispiel aus dem Saydaer Ortsteil Friedebach ist eines von vielen in Mittelsachsen. Zehn Jahre nach Gründung zeigt die Statistik, wie die Orte des Kreises Einwohner verloren. Nur Freiberg hielt den Verlust laut neuester Statistik mit knapp einem Prozent in Grenzen. Bis zu Platz zwei (Hartmannsdorf, 4,6 Prozent) ist es ein großer Sprung. Relativ gut stehen auch Bobritzsch-Hilbersdorf am Rand Freibergs und Niederwiesa vor den Toren von Chemnitz da. Die Nähe ist ein entscheidender Faktor, glaubt Niederwiesas Kämmerer Mirko Ott: "Einerseits haben wir noch eine relativ ruhige Wohnlage, andererseits gerade für die in Chemnitz Arbeitenden einen recht kurzen Arbeitsweg."

Der Durchschnitt im Kreis liegt aber bei über acht Prozent Einwohnerschwund in zehn Jahren. Orte wie Striegistal, Kriebstein, Königsfeld, Neuhausen mussten gar 13, 14, 17 Prozent verkraften. "In Striegistal selbst wurden nach der Wende viele Betriebe geschlossen und auch in den umliegenden Städten wie Roßwein, Nossen und Hainichen", erzählt Daniel Zimmermann aus dem Ortsteil Marbach. "Gerade hier haben viele Menschen im Schmiedewerk und Armaturenwerk in Roßwein gearbeitet, die nach der Wende extrem stark Arbeitsplätze streichen mussten." In der Landwirtschaft habe moderne Technik Arbeitsplätze ersetzt. Zwar gebe es wieder freie und gut bezahlte Stellen. "Aber eine Vielzahl von Menschen hat die Region verlassen."

Ein Grund, nicht nur in Friedebach: die miese Anbindung. "Die einzig regelmäßig und auch am Wochenende verkehrende Buslinie 750 (Döbeln-Freiberg) streift Striegistal nur", sagt Zimmermann. So sei es für junge Leute ohne Auto oder Führerschein extrem schwer, zur Ausbildungsstelle oder in der Freizeit zu interessanten Orten zu kommen. "Das macht, gerade für die heranwachsende Generation, das Striegistal erst einmal unattraktiv. Unsere Tochter ist jetzt nach Döbeln gezogen. Den Führerschein hat sie schon, aber noch kein eigenes Auto."

Neben schwer erreichbaren Dörfern sind Mittelzentren stark betroffen. Manche sehen Licht am Ende des Tunnels. "Die Stadt Penig schrumpft jetzt deutlich langsamer", sagt Sprecherin Manuela Tschök-Engelhart - und verweist auf den "fast" ausgeglichenen Saldo zwischen Zu- und Wegzügen und weniger Sterbefällen bei gleichbleibenden Geburtenzahlen. Penig setze auf Bürgernähe - "ein unschlagbarer Vorteil der kleineren Kommunen im ländlichen Raum". Über Kontakte zu Schulen und Unternehmen informiert die Stadt über Entwicklungsmöglichkeiten vor Ort. Im regelmäßigen Treff mit frisch gebackenen Eltern entstand etwa die Idee eines Spielplatzes am Rathaus.

Oft fragen auch engagierte Menschen vor Ort, wie die Region attraktiv bleibt. So Daniel Zimmermann, der mit seiner Frau eine Seifenmanufaktur betreibt. Das Striegistal habe nicht nur für Naturliebhaber viel zu bieten, ansässige Unternehmen besäßen auch innovative Ideen. "Aber es muss vermittelt werden, dass es eben keine ausgestorbene Region ist." Deshalb gibt es die Initiative "Striegistal jetzt", die diese Ideen in einer Broschüre vorstellt.

50 Kilometer südlich stößt Anke Griesbach mit den Brotbackkursen der von ihr gegründeten "Mehlerei" in eine Lücke, die sich auch durch den Rückzug des Bäckerhandwerks auftut. Teilnehmer ihrer Kurse, die sie meist im Küchenstudio Wenzel in Dorfchemnitz anbietet, kommen aus der Umgebung und aus ganz Sachsen, Thüringen und Bayern. "Mein Traum ist ein kleines Seminarhaus in Friedebach am Saydaer Maler-Weg, mit Brotback-, Brennnessel-, Koch und Malkursen sowie Vorträgen", erzählt sie. "Vielleicht könnte dies ein Treffpunkt für Einwohner werden, um die Gemeinschaft zu fördern."

Der Dresdner Ifo-Wissenschaftler Dirk Ragnitz schlägt vor, manche Dörfer im Osten zu schließen und die Menschen zum Umzug in die Zentren zu bewegen. Ein Gedanke, der Hiergebliebenen abenteuerlich erscheint. "Sie haben nur Zahlen", so Augustusburgs Bürgermeister Dirk Neubauer (SPD) die Idee dann auch im Netz. "Wir haben ein Zuhause."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...