Der Blick auf die Anklagebank (Beschuldigte sind unkenntlich gemacht): Der Schuldfrage kam man in 150 Prozesstagen näher, doch reichte das NSU-Netzwerk viel weiter.
Der Blick auf die Anklagebank (Beschuldigte sind unkenntlich gemacht): Der Schuldfrage kam man in 150 Prozesstagen näher, doch reichte das NSU-Netzwerk viel weiter. Bild: Peter Kneffel/dpa
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150 Verhandlungstage währt bisher das Ringen um die Wahrheit im NSU-Prozess in München. Wenn es die Richter mit Nazi-Zeugen zu tun haben, wäre es meist leichter, Steine zu schneiden.

München.

Es war eine Art Rekord, die der Chemnitzer Zeuge Jan. W. gestern zum 150. Verhandlungstag im Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) aufstellte. Er dürfte der Zeuge sein, der die kürzeste Zeitspanne im Gerichtssaal verbrachte. Um 9.58 Uhr rief Richter Manfred Götzl den großgewachsenen Mann mit Kurzhaarschnitt und dunklem Vollbart in den Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts. Knapp belehrte er ihn über sein Zeugnisverweigerungsrecht, da er selbst Beschuldigter im NSU-Fall sei. Auf die Frage, ob er dennoch aussage, verneinte der frühere Kopf der sächsischen Division der Neonazi-Vereinigung "Blood & Honour" (Blut und Ehre) einsilbig. Auf die juristische Verabschiedungsfloskel des Vorsitzenden: "Dann darf ich mich bedanken" war der 39-Jährige kaum gesprächiger: "Gerne, schönen Tag noch."

So kurz sein Auftritt, so unscheinbar seine Erscheinung gestern, so wenig Hehl hatte Jan. W. in den 1990er-Jahren aus seiner Gesinnung gemacht - und aus seiner Bewunderung für Adolf Hitler. Die Chemnitzer Neonazigruppe, der er angehörte und die später in der sich von England nach Deutschland ausbreitenden Vereinigung "Blood & Honour" aufging, nannte sich "88er". Ihre Mitglieder trugen Shirts mit dieser Aufschrift. Mit der Zahlenkombination, die in der Neonazi-Szene als Ersatz für den achten Buchstaben des Alphabets gedeutet wird, trug man das "HH" gewissermaßen vor sich her, die Kurzform des Grußes "Heil Hitler".

Jan W. war nicht nur Mitglied der Gruppe, zusammen mit dem Hersteller der Shirts, einem Chemnitzer Szeneshop-Betreiber, und seinem Kameraden Thomas S. bildete er ihr Führungstrio. Gemeinsam mit Thomas S. organisierte er Konzerte und produzierte CDs, die Neonazi-Herzen höher schlagen ließen. Auch zu seinem Glauben an die "Vorherrschaft der weißen Rasse" bekannte sich Jan W. Seit 1998 gab er das Neonazi-Heftchen "White Supremacy" (Weiße Überlegenheit ) heraus.

Zwar hatte Jan W., wie der "Freien Presse" vorliegende Akten des sächsischen Verfassungsschutzes belegen, die Geheimdienstler Mitte der 90er-Jahre bei dem Versuch abblitzen lassen, ihn als Spitzel anzuwerben. Doch wurde er zumindest für das Staatschutz-Dezernat der Chemnitzer Polizei, wenn nicht zum V-Mann, so doch zum Gesprächspartner. Wie der Vize-Chef des Dezernats bei seiner Vernehmung im Sächsischen Untersuchungsausschuss erörterte, hatte man mit Jan W. damals zu einer Kooperation gefunden. Zu den geplanten Konzert-Veranstaltungen gab er regelmäßig Auskunft.

Worüber Jan W. keine Auskunft gab, waren seine Kontakte zu jenem Bombenbauer-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die im Januar 1998 aus Jena verschwunden und mit Hilfe seines Kameraden Thomas S. in Chemnitz untergetaucht waren. Wie man inzwischen aus anderen Zeugenaussagen weiß, bewegten sich die drei Flüchtigen offen in der Chemnitzer Szene. Die Autorenschaft eines Artikels, der 1998 in Jan W.s Fanzine unter dem Titel "Gedanken zur Szene" erschien, schreibt man Uwe Mundlos zu. Der Grund sind verräterische orthografische Fehler, die sich in gleicher Form in Briefen von Uwe Mundlos wiederfinden. In dem Artikel las der Autor saufenden, den politischen Kampf aber vernachlässigenden Szene-Mitgliedern die Leviten. In einer im Jahr 2000 erschienenen Ausgabe von "White Supremacy" meldete sich der offenbar gleiche Autor erneut zu Wort, diesmal unter einem Pseudonym: Uwe Unwohl. Zugleich verzierte Mundlos das Heftchen, so schien es, auch optisch. In der Debüt-Ausgabe von 1998 fand sich ein Bild, das die TV-Serien-Figur "Bart Simpson" als kapuzenvermummten Schläger mit Baseballkeule und Springerstiefeln zeigte. Ein nahezu identisches Motiv hatte Mundlos, wie der Chemnitzer Szeneshop-Betreiber Hendrik L. der "Freien Presse" gegenüber einräumte, bei diesem auch auf T-Shirts drucken und verkaufen lassen.

Doch reichte das mit den T-Shirts verdiente Geld nicht für ein Leben im Chemnitzer Untergrund. Die Flüchtigen entschlossen sich, Jan W.s weitreichende Kontakte zu nutzen, um an Schusswaffen zu gelangen. Letzteres wurde in Geheimdienstkreisen zwar schon 1998, bei Ermittlern aber erst 2011 bekannt. Jan W. hatte sich mit dem Anliegen des Trios an die falsche Person gewandt. Er fragte den aus Brandenburg stammenden, oft in Chemnitz verkehrenden Neonazi Carsten Szczepanski nach Waffen, ohne zu wissen, dass dieser als V-Mann "Piatto" für den brandenburgischen Verfassungsschutz arbeitete.

"Piatto" meldete die Waffensuche des Trios seinem V-Mann-Führer (Sachsens heutigem Verfassungsschutzpräsidenten Gordian Meyer-Plath). Dass die heiße Spur, die V-Mann Carsten Szczepanski im September 1998 lieferte, nicht an die ermittelnde Polizei weitergeleitet wurde, weil man die Quelle schützen wollte, gilt als eine der größten Pannen im NSU-Komplex.

Mehrfach nahm der Chemnitzer Jan W. im Herbst 1998 zu Szczepanski Kontakt auf. Das weiß man, weil man aus anderen Gründen Jan W.s Telefon abhören ließ. "Hallo was ist mit den Bums?" fragte W. unter anderem in einer SMS an "Piattos" Diensthandy. Ob es tatsächlich Jan W. war, der dem Trio in den folgenden Wochen die offenbar erste scharfe Schusswaffe besorgte, ist bis heute unklar. Klar indes ist, dass sich im Dezember jener Raubüberfall auf einen Chemnitzer Edeka-Markt ereignete, der jetzt als Überfall-Debüt von Mundlos und Böhnhardt gilt.

Schon in seinen Beschuldigtenvernehmungen bei der Polizei schwieg sich Jan W. aus. Sogar gegenüber seinem früheren Kameraden Thomas S. beteuerte er seine Unwissenheit, was späteres Treiben des NSU betraf. Allerdings passt das ins Bild. Die beiden hatten einander 2012 wiedergetroffen, nachdem beide durch eine vom BKA veranlasste Durchsuchung betroffen waren. Jahre zuvor hatten sie sich entzweit, als es in Dresden zu einem Prozess um eine von Jan W. produzierte CD der damals bereits verbotenen Neonazi-Band "Landser" kam. Im Zuge des Landser-Verfahrens sagte Thomas S. als Zeuge aus, was ihm die Szene als Verrat anlastete. Ob sich im Landser-Verfahren auch Jan W. offenbarte, allerdings nicht der Polizei, sondern dem von Chemnitz nach Zwickau weitergezogenen NSU-Trio, diese Frage spielt nun fürs aktuelle Verfahren eine große Rolle.

Im Brandschutt der Zwickauer Wohnung des Trios fand man eine aus dem Jahr 2002 stammende Beschuldigtenvernehmung Jan W.s aus dem Landser-Fall. Die Ermittler leiten ab, dass W. den Dreien die Vernehmung übergab und so nicht nur 1998 zur Unterstützerszene des Trios gehörte, sondern bis mindestens 2002 Kontakte zum NSU hielt. Zu dem Zeitpunkt hatte die Mordserie an neun ausländischen Kleinunternehmern längst begonnen.

Somit verwunderte es gestern nicht, dass Jan W. im Gerichtssaal schwieg. Dennoch konnte Opferanwalt Alexander Hoffmann sich angesichts des nun fast anderthalb Jahre währenden Steineschneidens beim Befragen von Zeugen aus der Neonazi-Szene eine Bemerkung nicht verkneifen. Auch wenn der Zeuge nichts gesagt habe, sage das viel. Angesichts aller Erkenntnisse sei es höchstwahrscheinlich, dass es zwischen NSU und Neonazi-Szene, besonders der Vereinigung Blood-&-Honour, "eine feste organisatorische Zusammenarbeit gab".

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