70 Kilometer zur Geburt

Nach 20 Jahren hat die Frauenklinik in Bischofswerda Ende 2017 geschlossen. Unterschriftenaktionen konnten das nicht verhindern. Wie ist es jetzt in Sachsen um die kleinen Geburtshäuser bestellt?

Bischofswerda.

Es war kurz vor Mittag, als am 21. Dezember 2017 Timo geboren wurde. Warum das erwähnenswert ist? - Timo ist das letzte Kind, das in der Geburtsstation in Bischofswerda zur Welt gekommen ist. Eigentlich hätte die schon am Tag zuvor geschlossen werden sollen - doch Timo wollte unbedingt an dem Tag und in Bischofswerda auf die Welt. Als seine Mutter am Abend in die Klinik kam, waren ihre Wehen zu stark, um sie wegzuschicken - und so blieb die Station eben ein bisschen länger geöffnet.

Die Bischofswerdaer wollten verhindern, dass die zu den Oberlausitz-Kliniken in Bautzen gehörende Frauenklinik geschlossen wird. Sie sammelten 7000 Unterschriften. Doch es half nichts - der Personalmangel war zu groß. Auch die Station in Hartmannsdorf hat dichtgemacht, die in Rochlitz, Oschatz, Sebnitz, Radebeul, Dippoldiswalde und Großenhain ebenso. Und auch diese Schließungen liefen nicht ohne Protest ab. 53 Geburtsstationen gab es noch im Jahr 2002 in Sachsen, 2010 waren es schon drei weniger. In den darauffolgenden Jahren schlossen viele weitere. 2019 standen werdenden Müttern in Sachsen nur noch 40 zur Auswahl. Im selben Zeitraum sind jedoch die Geburten deutlich angestiegen. Im Jahr 2002 kamen in Sachsen 31.518 Kinder zur Welt, 2018 waren es 35.890.

"Der Trend, dass kleinere Stationen geschlossen werden, zieht sich durch ganz Sachsen - ja, eigentlich durch ganz Deutschland", sagt Ulf Winkler, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Bautzener Krankenhaus. Er sitzt mit Petra Bießlich in einem Büro im Bautzener Krankenhaus. Bießlich und Winkler würden die Geburtsstation in Bautzen gerne zeigen - wegen der Coronapandemie können sie das aber nicht. Dabei sind die Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Chefarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin stolz darauf. Hier gibt es gute Geburtsbedingungen für die Mütter und ebensolche Arbeitsbedingungen für das Personal. "Ich gehe aber davon aus, dass auch andere kleine Geburtsstationen früher oder später schließen müssen", sagt Bießlich.

Noch können sich die Frauen bei der Wahl einer Geburtsklinik entscheiden: Lieber mehr Intimität - oder lieber Sicherheit? Das sei die Frage, die sich viele stellen, wenn sie sich entscheiden, ob sie eine kleine Geburtsklinik auswählen oder die Geburt in einem Krankenhaus, das auch eine Kinderklinik hat, erläutert Ulf Winkler. Für ihn ist zugleich klar: "Auch bei uns ist eine Geburt keine Massenabfertigung." Die Fahrtstrecken in die Klinik seien zumutbar. Vor allem aber zählt für Winkler die Sicherheit. "Wir erleben es täglich: Ein Kinderarzt ist bei einer Geburt oft ganz überraschend nötig." Die Geburt - sie sei der gefährlichste Lebenszeitpunkt eines jeden Menschen.

Dem größeren Krankenhaus in Bautzen sei es möglich, zu so gut wie jeder Zeit zwei Frauenärzte, einen Kinderarzt und zwei Hebammen bereitzuhalten. In Bischofswerda ging das so nicht - und "auch wir können das erst, seitdem wir das Personal aus Bischofswerda übernommen haben", sagt Petra Bießlich. Auch andere Kliniken nennen diesen Vorteil. Der Konzentrationsprozess - ist er also zu Unrecht verschrien?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. "Die Schließung von Geburtsstationen im ländlichen Raum ist problematisch", sagt Sabine Waschulewski, leitende Hebamme am Lausitzer Seenland-Klinikum in Hoyerswerda. Auch im Einzugsgebiet dieses Hauses haben zwei Geburtshäuser geschlossen. Das Recht der Mütter auf die freie Wahl des Geburtsortes werde damit eingeschränkt. "Wenn eine Frau 70 Kilometer zur Geburt fahren muss, kann man nicht mehr von einer Wahl sprechen." Und auch Winkler sagt: "Neben der Frage, welche Fahrtstrecke zumutbar ist, kommt auch die Frage des Gefühls - was finden die Leute angemessen?"

Auf der anderen Seite hat die Station in Bischofswerda auch eines deutlich gezeigt: Der Mangel an Personal ist ein großes Problem. Sogar das Bautzener Krankenhaus, das sagen Bießlich und Winkler, hat damit zu kämpfen. "Im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtshilfe haben wir gerade drei offene Stellen", sagt Bießlich. "Viele zieht es eben eher in die großen Städte."

Das sächsische Sozialministerium beruhigt: "Die Schließung der wenigen Geburtshilfen in den ländlichen Gebieten in den vergangenen Jahren hat zu einem moderaten Aufwuchs an Geburten in anderen umliegenden Krankenhäusern geführt." Diese seien aber bezogen auf die einzelnen Krankenhäuser nicht so hoch gewesen, dass es dadurch zu Engpässen gekommen wäre. Durch die höheren Geburtenzahlen in den verbleibenden Stationen werde letztlich Personal gebündelt. Es wachse die Routine - und Komplikationen könnten vermieden werden. sz

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