Bienennutzer und Bienenretter

Die Imkerei ist als Hobby beliebter als je zuvor. Auch die Zahl der Völker nimmt wieder zu. Warum reden dann alle vom Bienensterben?

Lößnitz.

Philemon Tunger nimmt vorsichtig eine Wabe aus der Beute. Er erkennt die Königin und kann anhand ihrer Farbe ihr Alter bestimmen. Dazu Drohnen, Arbeiterinnen, Brut in verschiedenen Entwicklungsstadien: ein gesundes Volk. Und ein ruhiges. So ruhig, dass man die flache Hand ohne Bedenken auf den Teppich aus hunderten Bienenleibern legen kann. "Warm und pelzig", so beschreibt es Lucia Müley. Die beiden 15-Jährigen waren Teilnehmer des 6. nationalen Jungimkertreffens, das am Wochenende in der Naturherberge Affalter im Erzgebirgskreis stattfand.

Der Landesverband Sächsischer Imker hatte sich um die Ausrichtung beworben. Insgesamt elf Teams mit jeweils drei Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren stellten ihr Wissen rund um die Honigbiene unter Beweis. Von den 19 Landesverbänden des Deutschen Imkerbundes schickten Baden, Bayern, Brandenburg, Hessen, Rheinland, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Thüringen, Westfalen-Lippe und Württemberg Jungimker ins Rennen. Sieger wurde das Team Sachsen mit Philemon Tunger, Till Trotte und Felix Pöche. Es wird Deutschland beim Internationalen Jungimkertreffen Anfang Juli in Banska Bystrica in der Slowakei vertreten.

"Mit ihrem Wissen verblüffen die Jugendlichen manchen erfahrenen Imker", schätzt Petra Friedrich, Pressesprecherin des Deutschen Imkerverbandes, ein. An den zehn Stationen ging es nicht nur um den richtigen Umgang mit den Honigsammlern, sondern auch um deren Anatomie, Krankheiten, die sie befallen können, Honigkunde, Trachtpflanzen, den Bau von Beuten als auch um die Theorie. "Wir wollen Kinder und Jugendliche dafür sensibilisieren, ein Auge auf die Natur in ihrem Umfeld zu haben. Denn egal ob Honigbiene oder Wildbiene - fehlende Pflanzenvielfalt bedeutet für sie Nahrungsmangel", sagt Friedrich.

Um die 600 Kinder und Jugendliche beschäftigen sich in Sachsen mit der Imkerei, meist in Schularbeitsgemeinschaften. Es könnten bald mehr werden, nachdem in der vergangenen Woche vom Landesimkerverband und vom Freistaat eine Absichtserklärung unterzeichnet wurde, die eine Kooperation zwischen Schulen und Imkern zum Ziel hat. Schulen sollen unter anderem dabei unterstützt werden, Bienenstände anzusiedeln und zu unterhalten. Laut Kultusministerium halten im Freistaat derzeit 14 Schulen in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Sächsischer Imker Bienen. "Was Bienen angeht, da laufen wir im Moment offene Türen ein", sagt Michael Hardt, Vorsitzender des Landesverbandes. "Die Bienen haben eine Lobby - die Imker." Brauchen sie auch, denn: "Ohne Imker würde es den Honigbienen noch schlechter gehen als den Wildbienen", heißt es auf der Internetseite des Deutschen Imkerbundes. Grund sei "unsere aufgeräumte Kulturlandschaft", wo die Honigbienen nicht einmal Nistmöglichkeiten finden würden. Weil aber der Mensch sich um sie kümmert, hat die Zahl der Bienenvölker sowohl in ganz Deutschland als auch in Sachsen zugenommen. Laut Imkerbund liegt sie in Deutschland bei knapp einer Million. 2008 waren es etwa 700.000. Im gleichen Jahr erreichte die Zahl auch in Sachsen einen Tiefpunkt, da waren es 24.245 Völker. Mittlerweile gibt es im Freistaat laut Landesverband wieder 35.726 Völker. Es gibt hier auch wieder mehr Imker. 2908 waren es im Jahr 2008, zehn Jahre später sind es 4389.

Die Honigbiene ist nach dem Schwein und dem Rind das drittwichtigste Nutztier in Deutschland, vor allem wegen ihrer Bestäubungsleistung. Die weltweite Wirtschaftsleistung der Honigbienen und anderer bestäubender Insekten für die industrialisierte Agrarwirtschaft wird auf etwa 153 Milliarden Euro beziffert. In Deutschland erreicht der Nutzwert der Tiere etwa vier Milliarden Euro. Rund 80 Prozent aller Pflanzenarten sind auf eine Fremdbestäubung angewiesen und davon können wiederum etwa 80 Prozent potenziell durch Honigbienen bestäubt werden. Honigbienen sind Generalisten, das heißt, sie bestäuben so ziemlich alles.

Im großen Ganzen geht es der Honigbiene also gut. Warum aber redet dann alle Welt vom Bienensterben? Wieso bringen Naturschützer in Bayern Petitionen auf den Weg, die ohne große Umwege Gesetz werden? Weil es dabei um die Wildbienen geht, die wie viele andere Insektenarten vom Aussterben bedroht sind. Laut Umweltministerium sind in Sachsen 407 Wildbienenarten bekannt. Davon sind 62 Arten (15,2 Prozent) ausgestorben beziehungsweise gelten als verschollen, weitere 225 Arten (55,3 Prozent) sind gefährdet.

Anders als die Honigbienen sind Wildbienen Spezialisten. Sie bestäuben nur bestimmte Pflanzen. Gibt es diese Pflanzen nicht, sterben die Wildbienen aus. Andersherum, wenn es bestimmte Arten von Wildbienen nicht mehr gibt, verschwinden die von ihnen bevorzugten Pflanzen. Unterm Strich geht es um die natürliche Vielfalt. Und egal ob Wild- oder Honigbiene, landwirtschaftliche Monokulturen sind tödlich für alle Insekten. Ebenso "ordentliche" Gärten mit gepflasterten Flächen, kurz geschnittene Rasen und endlose Felder.

Landwirtschaftliche Flächen werden immer nährstoffreicher aber artenärmer, sagt Matthias Scheffler, Vorsitzender des Kreisverbandes Aue/Schwarzenberg des Naturschutzbundes. Er will Landwirte aber nicht an den Pranger stellen, sondern plädiert dafür, jene, die sich für den Naturschutz engagieren, finanziell zu belohnen. Engagement für Artenvielfalt fängt im Kleinen an, meint Luise Eichhorn, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes Westerzgebirge. Zum Beispiel bei den kommunalen Bauhöfen. Eichhorn sucht das Gespräch und bittet einfach darum, wo es möglich ist, das Gras auf Splitterflächen stehen zu lassen anstatt es mehrmals im Jahr zu mähen. Naturschützer, Landwirte und Imker in ein Boot zu holen, dafür plädiert Matthias Scheffler. Dabei ist es in der Realität nicht ausgeschlossen, dass sich zwischen Naturschützern und Imkern die Fronten verhärten. Zum Beispiel, wenn es nicht für alle Insekten am selben Ort und zu jeder Zeit ausreichend Nahrung gibt. Von Naturschützern nicht gern gesehen ist es, wenn Imker in Naturschutzgebieten ihre Bienenstöcke aufstellen.

Scheffler schaut neidisch auf das Nachbarland Bayern, wo es Naturschützern gelungen ist, mit einer Petition ein Volksbegehren zur Artenvielfalt unter dem Slogan "Rettet die Bienen" und Änderungen im bayrischen Naturschutzgesetz auf den Weg zu bringen. "Das muss weitergetragen werden und in der Politik ankommen, auch in Sachsen", sagt Scheffler. "Es ist beachtlich, was da im konservativsten Bundesland passiert ist." Bayern setze ein Hoffnungszeichen. "Wir müssen schnell handeln, dann ist die Wildbiene noch zu retten." Das Volksbegehren in Bayern wird von 1,75 Millionen Wahlberechtigten unterstützt.

Bemühungen zum Erhalt der Artenvielfalt gibt es auch in Sachsen. Das Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft nennt die Förderung von Blühstreifen (aktuell 2700 Flächen mit 11.100 Hektar) oder Brachflächen (über 1000 mit etwa 4300 Hektar) in der Agrarlandschaft oder die Integration von Altgrasstreifen bei der Grünlandpflege. Das Landesamt für Umweltschutz, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) forscht zum Thema "Zielorientierter Einsatz von Blühmischungen für die sächsische Agrarwirtschaft" für die Förderung von Wildbienen und anderen Insekten.

Uta Strenger aus Eilenburg zollt dem Anerkennung, möchte aber weitergehen. Sie ist Initiatorin der Online-Petition "Rettet die Bienen in Sachsen", die über 15.000 Unterschriften zählt. Anstoß für die 52-Jährige war die geplante Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes in Leipzig, die Naturschützer mit dem Verlust an Lebensraum von Vögeln und Insekten gleichsetzen. Die Petition in Bayern als Vorbild nehmend, startete Uta Strenger im Februar ihre Petition und ist "vom Ansturm überwältigt". Erste Gespräche fanden im Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft in Dresden statt. Enttäuscht ist sie von der Aussage des Ministerpräsidenten, wonach keine Gesetzesänderung vorgesehen sei. Sie will sich damit nicht abfinden, sondern mit ihrer Petition einen Gesetzentwurf fordern beziehungsweise einen eigenen Gesetzentwurf einbringen, für den es einen Volksantrag braucht.

Biene ist nicht gleich Biene 

Wie unterscheiden sich Honigbiene und Wildbiene?

Weltweit gibt es neun Arten von Honigbienen, von denen acht in Asien heimisch sind. Unterarten der Westlichen Honigbiene werden inzwischen weltweit in der Imkerei eingesetzt, heißt es auf der Internetseite der Initiative "Bee Careful" der Schwartau-Werke. Im Gegensatz zu den Arten der Honigbiene finden sich in Europa mehr als 2500 Wildbienenarten, zu denen auch die Hummeln gehören. Etwa 560 davon sind in Deutschland heimisch, 300 Arten stehen auf der Roten Liste.

Äußerlich unterscheiden sich Wildbienen von Honigbienen. Und auch zwischen den verschiedenen Wildbienenarten gibt es große Unterschiede in Größe, Färbung oder Musterung. Wildbienen werden zwischen 1,3 Millimetern und drei Zentimetern groß. Bei den Honigbienen wird die Königin 15 bis 18 Millimeter groß, Drohnen erreichen eine Länge von 13 bis 16 Millimeter, Arbeiterinnen von 11 bis 13 Millimeter.

Wo leben Honigbienen und Wildbienen?

Honigbienen leben ausschließlich in Bienenstöcken. Ein Volk umfasst bis zu 50.000 "Bürger".

Wildbienen hingegen leben überwiegend als Einsiedler. Fast 50 Prozent der Wildbienenarten nisten unter der Erde. Weitere Nistplätze bieten morsches Holz, Pflanzenstängel oder leere Schneckenhäuser, die zu Brutkammern umfunktioniert werden. Durch die Art und Weise, wie die Wildbiene das Nest verschließt, um es vor Regen und Fressfeinden zu schützen, lässt sich bestimmen, um welche Bienenart es sich handelt.

Was fressen Honigbienen und Wildbienen?

Etwa 30 Prozent der Wildbienenarten sind auf wenige Pflanzenarten spezialisiert und stehen mit diesen in einer Symbiose. Das bedeutet, dass die Pflanze der Wildbiene Nahrung liefert und die Pflanze wiederum von der Bestäubung durch diese Bienenart abhängig ist. Solitär lebende Wildbienen entfernen sich bei ihrer Futtersuche nur 70 bis 500 Meter von ihrem Nest und nisten daher an Orten, die sowohl Nistmaterial als auch die richtige Nahrungsquelle bieten.

Im Vergleich hierzu hat die Honigbiene einen deutlich größeren Aktionsradius von bis zu sieben Kilometern.

Blütenstaub und Nektar dienen ihr als Nahrung. Dabei wird der Nektar zu Honig verarbeitet und dient als Vorrat für den Winter. Die allein lebende Wildbiene stellt keinen Honig her.

Geschichte: Schon seit mehreren Tausend Jahren nutzt der Mensch die Honigbiene in Europa. Obwohl spätestens seit dem 7. Jahrtausend v. Chr. Bauern des Neolithikums Bienen gezielt gehalten haben, wurde die Art bis heute nicht wirklich domestiziert. Das liegt daran, dass gewünschte Eigenschaften wie hoher Honigertrag Leistungen des gesamten Volkes sind, das nicht genetisch identisch ist.

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1Kommentare
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  • 2
    1
    cn3boj00
    14.05.2019

    Warum reden alle übers Bienensterben? Der Biene geht es gut?
    Wer Antworten will, gehe mal in den nächsten Tagen am gerade blühenden Rapsfeld entlang, bleibe einemal zwei Minuten stehen und zähle die Insekten, die er sieht.
    Und wer das früher nie gemacht hat, dem sei gesagt: vor 10 Jahren wimmelte es im Raps von Bienen, Hummeln, Fliegen. In jeder Blüte saß was anders.
    Die Biene wird uns am Ende nicht retten, wenn das Insektensterben so weitergeht. denn die Folgen sieht man auch schon: weniger Vögel... In den Städten geht es Insekten inzwischen besser als auf dem einst so gelobten guten Land.

    Und liebe Jung-Imker: ich empfehle euch, auch mal über die artgerechte Haltung der Honigbienen nachzudenken. Diese Kisten - wie auf den Bildern - sind eine Form der Massentierhaltung, welche Krankheiten und das Sterben ganzer Völker fördern. Bienenstöcke sehen anders aus, die mittelalterlichen Bienenkörbe könnten wieder als Vorbild dienen, inzwischen gibt es auch Forschungen dazu.



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