Bundeswehr geht an Sachsens Schulen in die Offensive

Der Kultusminister hat eine neue Vereinbarung für den Einsatz von Jugendoffizieren unterzeichnet. Das stößt auf Widerspruch.

Die Bundeswehr soll nach dem Willen der Landesregierung an staatlichen Schulen in Sachsen noch stärker als bisher an der politischen Bildung mitwirken. "Ich würde mich freuen, wenn diese Angebote mehr Schulen in Anspruch nehmen", sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) am Freitag in Pirna bei der Unterzeichnung eines neuen Kooperationsvertrages mit dem Landeskommando Sachsen.

Bereits seit 2010 existiert ein Abkommen über den Einsatz von Jugendoffizieren als Referenten für Sicherheitspolitik an sächsischen Schulen. Vergangenes Jahr gab es mehr als 600 solcher Besuche, vor allem als Teil des Gemeinschaftskundeunterrichts. Sechs Jugendoffiziere sind in Sachsen im Einsatz, bundesweit etwa 90. Am Herder-Gymnasium in Pirna wurde nun am Rande des Besuchs eines Jugendoffiziers in einer zehnten Klasse die neue Vereinbarung unterzeichnet. Vorab hatte das Kultusministerium erklärt: "Was andernorts auf Kritik stößt, soll in Sachsen zur Regel werden."

Über die Einladung von Jugendoffizieren entscheiden die Schulen selbst. Nachwuchswerbung für die Bundeswehr ist den Referenten untersagt. Sie sollen stattdessen zu Friedenssicherung, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik sowie zur internationalen Konfliktvermeidung sprechen. Minister Piwarz sprach von einem freiwilligen, zusätzlichen "Angebot für einen anschaulichen und lebendigen Unterricht". Der Kommandeur des Landeskommandos Sachsen, Oberst Klaus Finck, sagte: "So leisten unsere Jugendoffiziere einen Beitrag zur Themenvielfalt und Meinungsbildung."

Jugendoffiziere sind an den Beutelsbacher Konsens gebunden, der für den Politikunterricht das Gebot der Kontroversität vorschreibt: Ein Thema, das in der Öffentlichkeit kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers abgebildet werden. Wo hier Schwierigkeiten entstehen, verdeutlichte in Pirna das Beispiel Ukraine-Krise. Schulleiterin Marion Paßmann sagte, vergangenes Jahr hätten Schüler hier die Positionen des Jugendoffiziers als zu russlandkritisch empfunden. Von ähnlichen Erfahrungen berichtete ein Zwölftklässler für das Jahr 2017. Das Landeskommando erklärte dazu, der Jugendoffizier erläutere die Grundsätze der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, sei aber auch befugt, eine eigene Meinung zu äußern, wenn er diese kenntlich mache.

Bei Linken und Grünen im Sächsischen Landtag stieß der neue Vertrag auf Widerspruch. "Die Bundeswehr hat an Sachsens Schulen nichts verloren", kritisierte Linke-Fraktionschef Rico Gebhardt. Es könne hier nur eine Regel geben: "dass die Kinder und Jugendlichen zu friedliebenden Menschen erzogen werden". Für die Grünen erklärte Bildungsexpertin Petra Zais: "Die Kooperationsvereinbarung privilegiert die Bundeswehr gegenüber anderen Institutionen und Organisationen." Die Bundeswehr sei kein Träger der politischen Bildung, sondern verfolge eigene Interessen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen verlangte, gleichzeitig mit Jugendoffizieren auch Vertreter von Friedensinitiativen einzuladen. Eine solche Regelung wurde in Thüringen im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag angestrebt. Letztendlich aber entscheidet dort heute - ähnlich wie in Sachsen- die jeweilige Schulkonferenz.

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11Kommentare
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  • 4
    0
    Freigeist14
    16.06.2019

    9943@ schon Wolzow im Roman "Werner Holt " hat den Krieg als "Handwerk" bezeichnet . Ob eine Offizierslaufbahn notwendig erscheint , erübrigt sich wenn man nachfragt ,ob eines der sieben Kinder der Verteidigungsministerin eine militärische Laufbahn eingeschlagen hat.

  • 7
    1
    tbaukhage
    16.06.2019

    @994374: Ich habe bisher nicht erlebt, dass Bäcker, Fleischer, Köche, Pflegende,.... in der Schule um Nachwuchs werben! Im übrigen hätte dies wohl kaum das Geschmäckle, politisch motiviert zu sein.

  • 1
    5
    994374
    15.06.2019

    Solange auch jeder arme Staat sich eine Armee leistet, ist es sinnlos, sich gegen die Notwenigkeit einer eigenen zu wenden.
    Wichtiger wäre, die Diskussion über die aktuellen und künftigen Einsatzfälle zu führen. Und auch über die Zulässigkeit ausländischer Militärpräsenz, z.B. der Airbase Ramstein, auf deutschem Boden!
    So, und wenn in einem gesellschaftlich notwendigen und legitimierten „Handwerk“ Fachkräfte fehlen, dann muss auch akzeptiert werden dass dafür geworben wird.
    Wie auch für Bäcker, Fleischer, Köche, Pflegende ;-) usw….

  • 3
    7
    GGR
    15.06.2019

    Einen Bundeswehroffizier in der Schule zu haben, kann man auch als Chance betrachten. Gerade in der Oberstufe darf man den Schülern durchaus zutrauen, eine eigene Meinung zu haben und sich nicht von einem einstündigen Vortrag eines Uniformträgers im Unterricht einlullen zu lassen.

    Ich habe bei solchen Gelegenheiten immer wieder Schüler erlebt, die dem Jugendoffizier gut vorbereitet sehr kritische Fragen gestellt haben. Zu gutem Unterricht gehört es, eine solche Expertenbefragung auch auf der Metaebene zu betrachten (warum schickt die Bundeswehr Jugendoffiziere an Schulen, wie wird argumentiert und auf Fragen eingegangen, etc.). Wenn das Gesamtpaket stimmt, ist daran aus meiner Sicht nichts verwerflich.

  • 6
    4
    Distelblüte
    15.06.2019

    ' Vorab hatte das Kultusministerium erklärt: "Was andernorts auf Kritik stößt, soll in Sachsen zur Regel werden." '
    Genauer kann man Sachsens Zukunft nicht beschreiben.
    Ansonsten hat Hankman alles dazu gesagt.

  • 15
    2
    tbaukhage
    15.06.2019

    Solange ich vor meiner Klasse stehe, wird kein Bundeswehrsoldat, egal welchen Ranges, Werbung in diesem Klassenzimmer machen!

    Wenn irgendwann einer meiner Schüler mit einem Zettel an den Zehen von einem Auslandseinsatz nach Hause gebracht wird, will ich mir nicht vorwerfen lassen, etwas dafür getan zu haben, dass dieser Schüler zur Bundeswehr geworben wurde!

    Wenn er sich später selbst dafür entscheidet, ist es seine Sache - aber niemals mit meiner Unterstützung!

  • 14
    2
    Hankman
    15.06.2019

    Ich kann es nicht ändern, aber mich erinnert das an den Wehrkundeunterricht aus DDR-Zeiten. Dass da ein Uniformierter im Klassenzimmer stand und unterrichtete, fand ich etwas einschüchternd. Die "Grundsätze der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik" sollten in der Schule Zivilisten erläutern, denn das ist zuallererst eine zivile Angelegenheit. Die Bundeswehr bestimmt diese Grundsätze nicht, sie ist eines von mehreren Instrumenten für deren Umsetzung. Gut, so lange die Schulen selbst entscheiden können, ob sie das Angebot nutzen, und die Teilnahme für die Schüler absolut freiwillig ist, mag es noch angehen. Die Schulen, die das Angebot wahrnehmen, sollten dann aber auch anderen Gruppen und Institutionen die Gelegenheit geben, gleichrangig ihre Sicht der Dinge darzustellen. Neben Friedensaktivisten, Völker- und Menschenrechtlern sollten gern auch Veteranen, die in Afghanistan oder Mali im Einsatz waren, über ihre Erfahrungen sprechen können. Gern auch kritisch. Insgesamt ergibt sich dann hoffentlich ein ganz differenziertes Bild und eine echte Themenvielfalt.

  • 3
    4
    Malleo
    14.06.2019

    Dazu braucht man ja auch keine funktionierenden Waffensysteme.
    Also geht.Gut für Uschi!!

  • 14
    3
    Goschi
    14.06.2019

    Kommt auch mir bekannt vor, kann mich den Aufruf "Bundeswehr raus aus Sachsens Schulen" nur anschließen. Die Schüler sollen keine Kriegsspiele in der Schule lernen und nicht schon in diesen Alter für den Kriegsdienst geworben werden. Zu solchen Werbegesprächen einfach über die Köpfe der Eltern drüberwegsetzen. Die Schule hat einen Lehrauftrag, den soll sie erfüllen.

  • 10
    3
    WolfgangPetry
    14.06.2019

    Unglaublich. Weg damit. Die Bundeswehr hat natürlich seit dem Aussetzen der Wehrpflicht ein Riesenproblem. Und seitdem überall auf dem Arbeitsmarkt Leute dringend gesucht werden, finden sie fast gar keinen mehr. Pech.

  • 23
    6
    Freigeist14
    14.06.2019

    Offiziers - Werbegespräche . Woher kommt mir das bloß bekannt vor ? Damals wie heute besser >Nein< sagen .



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