Christen im Erzgebirge und Vogtland stellen sich hinter Bischof Rentzing

Die evangelische Landeskirche wird am Montag beraten: Soll sie das Rücktrittsgesuch ihres Oberhaupts annehmen? Aus dem Süden Sachsens bekommt der konservative Theologe inzwischen viel Zuspruch.

Pockau/Markneukirchen.

Als Gabriele Rausch vergangenen Sonntag den Gottesdienst in der St.-Martins-Kirche in Zschopau besuchte, hörte sie eine Mitteilung aus Dresden. Die letzten 24 Stunden, so hieß es in dem kurzen Text, der in evangelischen Kirchen in ganz Sachsen verlesen wurde, seien für die Landeskirche sehr aufwühlend gewesen. Die Rede war von der "Entscheidung unseres Landesbischofs", aufgefordert wurde zur "Fürbitte für unsere Landeskirche und ihre Leitung".

Zwei Tage zuvor hatte Carsten Rentzing seinen Rücktritt als Oberhaupt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens angekündigt. Umstritten war seine Mitgliedschaft in einer schlagenden Studentenverbindung und ein Auftritt im Jahr 2013 in der Bibliothek des Konservatismus, die der Neuen Rechten zugeschrieben wird. Christen in Leipzig hatten eine Online-Petition gestartet, in der Rentzing aufgefordert wird, sich von rechtem Denken zu distanzieren. Einen Tag nach seiner Rücktrittsankündigung wurde bekannt, dass Rentzing als Student zwischen 1989 und 1992 Texte verfasst hatte, die seine eigene Landeskirche als "elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich" einstufte. Der Präsident des Landeskirchenamtes, Hans-Peter Vollbach, schrieb: "Sie sind aus damaliger und aus heutiger Sicht unvertretbar."

Und dennoch: Gabriele Rausch war bestürzt über Rentzings Schritt - und dass sich die Landeskirche nicht hinter ihren Bischof stellte, der schließlich erklärt hatte, er teile Positionen, die er vor 30 Jahre hatte, heute nicht mehr. "Es hat mich sehr befremdet, weil die Kirche doch immer von Vergebung redet", sagt sie. Die aktive Christin lebt in Pockau im Erzgebirge. Dort ist ihr Eindruck: "Carsten Rentzing genießt große Popularität bei den Menschen." Ja, er sei gegen die Ehe von Schwulen und Lesben. "Aber er sagt auch: Diese Leute haben das Recht zu leben, wie sie wollen." Rentzing sei auf Ausgleich bedacht. Doch er versuche eben, nach der Bibel zu leben.

Auf ihrer Facebookseite verlinkte die Kommunikationsberaterin auf eine Petition, die den Verbleib Rentzings im Amt verlangt. Diese hatten am Freitag bereits über 13.000 Menschen unterschrieben. Dem Aufruf der Rentzing-Kritiker aus Leipzig folgten bis dahin nur gut 1000.

Der aus Westberlin stammende 52-jährige Theologe hatte im Jahr 2000 seine erste Pfarrstelle in Annaberg-Buchholz angetreten. Der Verwaltungsleiter der dortigen Kirchgemeinde, Martin Lange, nennt Rentzing einen "ausgesprochenen Menschenfreund, der jeden sehr ernst genommen hat in seinen Anliegen und Bedürfnissen". Lange sagt: "Den Landesbischof in die rechte Ecke zu stellen, ist absurd." Auch aus Markneukirchen, wo Rentzing von 2010 bis 2015 Pfarrer war, bekommt er viel Zuspruch. "Als Kirchenvorstand stehen wir voll hinter ihm", sagt die stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Sabine Popp.

Marcus Jacob ist Steuerberater in Markneukirchen. In der Kirchgemeinde engagiert sich der Familienvater von sechs Kindern ehrenamtlich in der Jugendarbeit. Schon wenige Stunden nach Rentzings Rücktrittsankündigung setzte er einen offenen Brief an die Landeskirche auf, in dem er von einer Rufmordkampagne gegen den Landesbischof spricht und die Landessynode bittet, dem Bischof das Vertrauen auszusprechen. Ihm selbst, so berichtet der 43-Jährige, lägen dazu auf Listen bereits 750 Unterschriften vor.

Marcus Jacob beklagt ein falsches Bild, das von Carsten Rentzing gezeichnet werde. "Ich habe ihn stets als einenden Charakter erlebt, der in der Lage ist, unterschiedliche Anschauungen zu akzeptieren." Rentzing sei ein engagierter Pfarrer gewesen. "Er ist barmherzig mit den Leuten umgegangen." Der Markneukirchener Christ sagt, er wolle das falsche Bild über Rentzing geraderücken. "Das ist Rufmord", wiederholt er. "Das ist Christen unwürdig."

Die Solidaritätsbekundungen stoßen vor allem bei der AfD auf Beifall. "Die Hetzkampagne gegen den konservativen Landesbischof ist widerlich und verlogen. Rentzing ist bei den sächsischen Christen sehr beliebt, gerade weil er die Traditionen des Christentums bewahren will und sich dem linksgrünen Kurs der Evangelischen Kirche in Deutschland seit Jahren verweigert", sagt Landeschef Jörg Urban.

Aber auch einzelne Politiker der CDU melden sich zu Wort. "Den Rücktritt Rentzings fände ich bedauerlich. Das linksorientierte Kesseltreiben gegen ihn ist unerträglich", schreibt der nordsächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Marian Wendt auf seiner Facebookseite. Auch sein Fraktionskollege Alexander Krauß aus dem Erzgebirge wirbt im Internet für die Pro-Rentzing-Petition: "Ihr könnt damit ein Zeichen setzen, dass Ihr den unbarmherzigen Umgang einiger weniger mit unserem Bischof ablehnt."

Am Montag will die Leitung der evangelischen Landeskirche über die Causa Rentzing beraten. Es gilt als offen, ob sie das Rücktrittsangebot des Bischofs annimmt. Kirchenamtspräsident Vollbach räumt ein, der Vorgang habe tiefe Gräben innerhalb der Kirche aufgerissen. "In der Tat gibt es ein Zerwürfnis."

Bewertung des Artikels: Ø 3.6 Sterne bei 10 Bewertungen
15Kommentare
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  • 11
    0
    Hankman
    19.10.2019

    @Blacksheep: Ich denke ja nach. Was ich nicht tue, ist Christen, Taliban und Rechtsextreme in einen Topf zu werfen, wie Sie unterstellen. Der Vergleich mit den Taliban bezog sich auf erzkonservative, orthodoxe Christen, die alles verdammen, was aus ihrer Sicht nicht "auf Linie" ist. Ja, so sehe ich das. Religiöse Fanatiker gibt es leider in allen Religionen. Sie stehen nicht für die Mehrheit der Gläubigen. Sie sind vermutlich sogar Gott viel ferner als die Mehrheit der Gläubigen. Rechtsextreme habe ich indes gar nicht erwähnt. Ich sprach nur von Rechtskonservativen. Deren Ansichten teile ich nicht, ich respektiere sie jedoch. Die Ansichten von Rechtsextremisten respektiere ich dagegen nicht - aber darum ging es auch gar nicht.

  • 8
    9
    franzudo2013
    19.10.2019

    Der linke Mainstream dreht durch, wenn nicht alles nach seiner Pfeife tanzt. Wer meldet sich denn mit Klarnamen, wenn dann Adressen auf indimediia veröffentlicht werden und Autos brennen und Gewalt droht. Der Bischof hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er lässt sich aber auch nicht links vereinnahmen. Allein das reicht aus, um ihn für vogelfrei zu erklären.

  • 12
    9
    gelöschter Nutzer
    19.10.2019

    Ich finde es gut wenn die Menschen endlich auch mal zeigen welcher Meinung sie sind und sich nicht alles gefallen lassen. Dies sollte viel öfter geschehen.

  • 11
    8
    BlackSheep
    19.10.2019

    @Hankman, um mal Gerhard Polt so sinngemäss zu zitieren, "man kann doch nicht alles tolerieren man muss doch auch mal ne Meinung haben, einen Standpunkt". Deshalb versuchen Sie doch mal über das nachzudenken was geäußert wird, anstatt Christen, Taliban und Rechtsextreme in einen Topf zu schmeissen.

  • 12
    9
    Hankman
    19.10.2019

    Ich nehme die im Text zitierten Meinungen der Christen aus dem Erzgebirge etc. zur Kenntnis. Sie zeigen, dass es in der Landeskirche sehr unterschiedliche Aufassungen gibt. Und die Christen im Erzgebirge und im Vogtland ticken zum Teil eben anders als jene in Leipzig oder Dresden. Es gibt verschiedene Strömungen. Es gibt progressive und konservative Christen, Evangelikale, charismatische Gemeinden und vieles mehr.

    Allerdings: Die Zahlen der Petitionen kontra und pro Rentzing gegenüberzustellen, halte ich für gewagt. Die Petition für Rentzing wurde auf dem Portal Citizen Go gestartet. Im Unterschied etwa zu Change.org gibt es dort ein sehr eingeengtes Spektrum an Petitionen. Es finden sich fast nur solche, deren Zielrichtung und Tonlage ich als christlich-konservativ, evangelikal oder rechtskonservativ einstufen würde. Es geht vehement gegen Abtreibungen, gegen Homoehe, gegen kirchliche Reformbewegungen usw. Man polemisiert gegen TV-Serien oder Plakate, die konservative Christen als "blasphemisch" ansehen. Einiges erinnert mich, sorry, an die Taliban.

    Die Petitionen werden ausdrücklich weltweit betrieben - man weiß also nie, ob die Unterzeichner überhaupt wissen, wo Sachsen liegt oder ob sie nicht einfach durch die organisierte Community der angeblichen "Bürgerplattform" zum Unterzeichnen motiviert wurden. Ich würde die Petition ernster nehmen, wenn sie auf einem anderen, weniger strikt ideologisch festgelegten Portal gestartet würde. Kann man ja immer noch tun, oder? Auch wenn man natürlich auch auf anderen Portalen die Petitionen nicht als repräsentativ missverstehen darf.

  • 9
    12
    Lesemuffel
    19.10.2019

    Bin gespannt, wann die ersten Meldungen auftauchen, welche diese Christen in die rechtspopulistische Ecke verorten. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.

  • 21
    7
    Maresch
    19.10.2019

    @HCCL. Polemik? Sie haben leider eine enorme Bildungslücke! Und Christ dürften Sie auch nicht sein, sonst müssten Sie das eigentlich wissen.

    Der Staat zahlt die Gehälter von Bischöfen.

    Insgesamt bezahlt der Staat -also alle Steuerzahler- pro Jahr rund 450 Millionen Euro an die Kirchen für die Gehälter von deren "Würdenträgern".

    Gekürzt wurde in den letzen Jahren überall, im sozialen Bereich, bei der Polizei usw.

    Der Umstand, dass die Allgemeinheit aber die Spitzengehälter eines privaten Glaubensvereins bzw. eines kapitalistisch und privatwirtschaftlich agierenden Unternehmens wie der Kirche finanziert, blieb völlig unangetastet. Ein unhaltbarer und ungerechter Zustand!

  • 17
    9
    Blackadder
    19.10.2019

    @HHCL: Maresch hat völlig Recht. Die Bischoffsgehälter werden aus den allgemeinen Steuereinnahmen der Länder beglichen, nicht aus der Kirchensteuer:

    https://www.n-tv.de/politik/Staat-zahlt-Kirchen-so-viel-wie-nie-zuvor-article20464328.html

  • 14
    6
    829410
    19.10.2019

    Vielleicht sollten sich die Kommentatoren erstmal davon überzeugen, ob es der Wahrheit entspricht, worüber sie sich aufregen.
    Ich habe selbst an der Petition teilgenommen und ich musste mich über eine Bestätigungsmail verifizieren.
    Was bitte soll dann die Aufregung?

  • 11
    18
    HHCL
    19.10.2019

    @Maresch: Wovon reden Sie? Alle Nicht-Christen zahlen keine Kirchensteuer. Er wird also nicht von irgend einer "Allgemeinheit" finanziert, sondern von Kirchenmitgliedern. Ich nehme an, Sie gehören ohnehin nicht in diesen Kreis. Es wäre daher schön, wenn Sie ihre polemischen Spielchen unterlassen würden.
    Sollten Sie doch dazu gehören, erklären Sie Ihren Austritt oder klären Sie das in entsprechendem Rahmen.

  • 22
    11
    Maresch
    19.10.2019

    Dann sollen diese Christen Ihren nicht demokratisch gewählten Bischof im Namen der Nächstenliebe bitte auch selbst finanzieren und nicht die Gesamtheit der Steuerzahler! Das wären mind. 92.600 € brutto pro Jahr. Vielen Dank.

  • 18
    14
    Distelblüte
    19.10.2019

    @Pixelghost: Eine Petition ist nicht dasselbe wie ein Online-Kommentar. Natürlich kann ich bei beidem meine Meinung ausdrücken, aber ein Kommentar ist nur eine Meinungsäußerung, der andere zustimmen oder eben nicht, und eine Petition will ein bestimmtes Ziel erreichen. Und da sollte schon erkennbar sein, wer dahintersteht. Bei Change.org haben Unterzeichner die Wahl, ihren Namen in einer Liste anzeigen zu lassen oder auch nicht. Bei der von mir kritisierten Petition ist das nicht möglich, zumal ich dort auch als "Schneewittchen" unterschreiben kann und als Email märchenwald@grimmswelt.com angeben kann.

  • 15
    19
    sunhiller
    19.10.2019

    @Distelblüte....
    nun sehen Sie einmal wie das läuft im Netz.
    Ähnlich ergeht es der AfD.

  • 12
    14
    Pixelghost
    19.10.2019

    @Distelblüte, hier kann man doch auch rote Daumen drücken ohne Gefahr zu laufen, dass der „gedisste“ Kommentator sieht, welcher Nickname dahinter steht oder dass dieser zumindest dazu aufgefordert wird, seine Meinung zu begründen.

  • 21
    16
    Distelblüte
    19.10.2019

    Es ist richtig, sich hinter den Mensch Carsten Rentzing zu stellen und ihm beizustehen.
    Dies mit einer anonymen Petition zu tun, von der bisher niemand weiß, wer sie initiiert hat, wem sie nützt und wer sie unterzeichnet, ist der falsche Weg.
    Der Journalist Arnd Henze machte gestern auf Twitter bekannt, dass sich die pro-Rentzing Petition auch mit Fantasienamen und Fatasie-E-Mail unterzeichnen lässt, ohne dass der Unterzeichner sich mit einer Bestätigungs-E-Mail verifizieren muss. Auch Mehrfach-Unterzeichnung sei möglich; das ist etwas, das auf seriösen Plattformen wie Change.org ausgeschlossen ist.
    Was zählen dann hohe Unterzeichnerzahlen, wenn sie nicht ehrlich erworben wurden?
    Gerade pietistische Gruppen wie die Landeskirchliche Gemeinschaft machen offensiv Werbung für diese Petition. Wie viele ihrer Mitglieder glauben unbesehen dem, was der Bruderrat, der Gemeindeleiter, der Jugendleiter vorlegt, ohne sich weiter zu informieren, und unterschreiben im guten Glauben?
    Richtig wäre es gewesen, eine eigene Petition unter Klarnamen zu erstellen, offen mit den Fakten umzugehen und zu erklären, wie eine verifizierte Unterschrift zustande kommt. So aber bedient man eine zwielichtige Plattform und nutzt den unbekannten Petenten. Da wurde nicht weit genug gedacht.



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