Die Marathonsammler

Manche Leute bringen sich aus dem Urlaub Muscheln mit, andere sammeln Steine. Ein Ehepaar aus Erdmannsdorf liebt ganz besondere Souvenirs. Die beiden kehren mindestens einmal im Jahr mit Medaillen heim. Vor wenigen Tagen gleich mit mehreren. Und mit einer ziemlich außergewöhnlichen dazu.

Erdmannsdorf.

In dem großen modernen Einfamilienhaus von Susann und Rico Höltzel in Erdmannsdorf deutet auf den ersten Blick nichts auf ihre Berufe hin - oder auf ihr verrücktes Hobby. Sie, 48, arbeitet als niedergelassene Gynäkologin in Chemnitz. Er, 49, hat ebenfalls in Chemnitz eine eigene Praxis - als Kinderarzt. Die aus Zerbst stammende Frau und der gebürtige Karl-Marx-Städter kennen sich seit dem Medizinstudium in Leipzig, zu dem auch zwei Auslandssemester im süditalienischen Bari gehörten.

1996 heirateten sie, 1998 schlossen sie die Facharztausbildung ab und vor 20 Jahren bauten beide für die vierköpfige Familie ihr Heim in Erdmannsdorf - mit Blick zur Augustusburg. Inzwischen sind die zwei studierenden Kinder aus dem Haus - und nur, wer über die geschwungene Treppe ins Obergeschoss des Eigenheims gelassen wird, bekommt eine Ahnung, was das Ärzteehepaar treibt, wenn die Praxen geschlossen sind.

"Hier hängt, was für uns das Wichtigste im Leben ist", sagt Susann Höltzel schmunzelnd. Es sind Bilder von den Kindern, als sie noch klein waren und wie sie größer wurden. Und es sind zwei Metallleisten, an denen - teils schon übereinander - unzählige Medaillen baumeln.

46 zählt die Ärztin - für jeden von beiden. Sechs haben sie sich gerade aus dem Urlaub in den USA mitgebracht. Es sind Medaillen, die sie sich als erfolgreiche Teilnehmer des diesjährigen Chicago-Marathons am 13. Oktober verdient haben. Als zwei unter mehr als 40.000 Startern. Als 15.703. und 15.705. Läufer kamen sie Hand ins Hand ins Ziel, angefeuert von tausenden Zuschauern entlang der Strecke. Und zum zweiten Mal in ihrem Leben nach weniger als vier Stunden - die magische Grenze für Volksläufer.

Eine Zeit von drei Stunden, 57 Minuten wird für die Sachsen beim Zieleinlauf erfasst. Dabei ging es ihnen gar nicht um Zeiten und Platzierungen. "Wir wollten einfach nur dabei sein. Die Zuschauer sind es, die einen über die gesamte Distanz von 42,195 Kilometern ins Ziel tragen und so einen Urlaub vor unglaublicher Kulisse unvergesslich machen - trotz der Strapazen", schwärmt die Ärztin. "Passiert man die Ziellinie, dann fällt die ganze Last schlagartig von einem ab." Als sie mit ihrem Mann 2013 zum ersten Mal zu einem Marathonlauf startete, war das Paar genau eine Stunde länger unterwegs - damals auf den Straßen durch New York.

Schwer vorzustellen, dass beide bis dahin kaum sportliche Ambitionen hatten. "Wir sind höchstens mal ein bisschen Rad gefahren, im Winter ab und an auf Skiern zu Tal gedüst und dreimal im Jahr mit den Kindern ins Aqua Marien nach Marienberg gefahren, natürlich mit dem Auto", umreißt Rico Höltzel das früher eher sporadische Sportprogramm der Familie.

Bis Susann Höltzel 2013 auf eine Aktion von Radio Chemnitz aufmerksam wurde. Eher zufällig hörte sie, wie Moderator André Hardt behauptete, dass jeder in der Lage sei, einen Marathon zu laufen, wenn man dafür nur richtig trainiere. Und im nächsten Atemzug verkündete er, dass er fünf Leute suche, die bereit seien, dafür zu trainieren und mit denen der Sender im Herbst zum New-York-Marathon fliegen würde. Am 2. April 2013 griff Susann Höltzel zum Telefon und meldete sich und ihren Mann dafür beim Radiosender an. Rico Höltzel blieb keine Zeit für ein Veto.

Susann Höltzel schaffte es in den Kreis von 50 Anwärtern, von denen am Ende fünf nach Übersee fliegen sollten. Ihr Mann gehörte nicht dazu. Trotzdem wollte er mit ihr zusammen trainieren. Nicht einmal vier Monate blieben dafür. Alles, jeder Lauf, jede Zeit, jede Strecke mussten dokumentiert werden. "Als wir uns das erste Mal unsere Turnschuhe anzogen und hier auf dem Sportplatz in Erdmannsdorf fünfmal die 400-Meter-Runde drehten, waren wir hinterher tot", erzählt der Kinderarzt freimütig. Doch aufgeben stand nicht zur Debatte.

Im Mai 2013 ging das Ehepaar beim Chemnitzer Stadtlauf auf die Fünf-Kilometer-Strecke. Einen Monat später schafften beide beim Dresdner Stadtlauf die zehn Kilometer unter einer Stunde. "Da hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, dass uns das Spaß macht, wenn man das Training langsam angeht und die Distanz ganz allmählich verlängert", blickt Rico Höltzel zurück. "Wie habe ich früher das Laufen gehasst: Nach einer halben Stunde hatte ich Seitenstechen, und immer tat mir etwas anderes weh."

Dreimal die Woche schlüpften beide fortan in ihre Sportsachen, fanden bald Gleichgesinnte in der Laufszene Sachsen und meldeten sich unabhängig von der Radio-Bewerbung für den New-York-Marathon an. Damit waren sie gut beraten, denn Susann Höltzel schaffte es am Ende nicht unter die auserwählten fünf Kandidaten des Senders. "Ich hatte einfach nicht genug Unterstützer. Andere Anwärter mobilisierten dafür ihre ganze Firma. Ich hatte eigentlich nur meine Familie. Aber wir konnten es uns leisten, die Reise selbst zu finanzieren. Und wir wollten nun auch unbedingt dabei sein", erzählt die 48-Jährige. "Zumal wir inzwischen total stolz darauf waren, wie aus fünf zunächst zehn, dann 15 und schließlich 20 Trainingskilometer wurden - und wir immer noch Spaß dabei hatten."

Unter den 50.139 Teilnehmern 2013 in New York gingen die Newcomer als Letzte an den Start. Beim Zieleinlauf lag Susann Höltzel neben ihrem Mann auf Platz 36.909. "Danach war ich eine Woche breit." Trotzdem habe sie schon im Ziel gesagt: "Es war so schön. Das machen wir noch mal", erinnert sich der Ehemann. Beide Kinder standen als Zuschauer an der Strecke, hielten eine Sachsenfahne hoch, reichten den Eltern stolz Obst und Fitnessriegel.

Das von Susann Höltzel 2013 anvisierte nächste Mal war der Berlin-Marathon im September 2015 - die populärste Langstrecke in Deutschland. Dort hörten die Höltzels auch das erste Mal von einer ganz besonderen Medaille: der World-Marathon-Majors - einer Ehrung, die ursprünglich für die besten Läufer der Welt, also die Elite, gedacht war, dann aber auf Freizeitläufer erweitert wurde. Bedingung: Die Medaille bekommt nur, wer nachweislich die internationalen Marathonläufe in New York, Berlin, Boston, London, Tokio und Chicago geschafft hat.

Fortan waren die Urlaubsreisen der Eheleute programmiert. Auf Berlin folgte 2016 ein Urlaub in Boston. Im Frühjahr darauf reisten sie nach London, im Februar 2018 nach Tokio und nun im Herbst dieses Jahres nach Chicago. Dazwischen gingen sie 2017 und 2018 auch in Berlin noch einmal an den Start - angesteckt durch eine Gruppe von knapp 20 Lauffreudigen in Sachsen, mit denen sie ihr Hobby und viele Freizeitstunden teilen. In Chicago wurde ihnen schließlich vor wenigen Tagen jene Trophäe umgehängt, die nun auch in ihrem Haus einen besonderen Platz bekommen soll.

Die World-Marathon-Majors besteht aus sechs miteinander verschmolzenen Einzelmedaillen, die jeweils das Stadtbild der sechs Ausrichterorte abbilden. 6401 Läufer besitzen sie weltweit, in ganz Deutschland sind es weniger als 400. Für Sachsen gibt es keine gesonderte Auflistung. In Mittelsachsen haben die Höltzels nun gleich zwei.Weil sich beide nach ihrem vorerst letzten Lauf in Chicago am 13. Oktober noch ein paar Tage in warmen Gefilden erholen wollten, buchten sie eine Woche Urlaub in Las Vegas dazu. "Als wir dort ankamen, sah ich zufällig die Werbung für einen 10-Kilometer-Wüstenlauf westlich von Las Vegas. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen, einen Wüstenlauf ...", rechtfertigt die 48-Jährige ihre Teilnahme auch noch an diesem Rennen. Also ging es noch einmal auf die Strecke und es kamen am Ende noch zwei Medaillen zum Reisegepäck hinzu.

Das Winterhalbjahr will das Ehepaar etwas ruhiger angehen, was nicht heißt, dass das wöchentliche Lauftraining reduziert wird. Aber dann geht es dreimal die Woche nach Feierabend und an den Wochenenden ins Zschopau- oder in das Sternmühlental, durch das Waldgebiet Struth zwischen Euba und Flöha, Richtung Chemnitz oder immer an der Zschopau entlang bis Frankenberg. Zehn bis 30 Kilometer kommen jedes Mal zusammen. Organisierte Läufe in der Region, zwischen Erzgebirge, Chemnitz, Dresden und Leipzig, nutzen sie als Training. Deshalb hängen im Treppenhaus auch zwischen den Medaillen aus den USA gleich mal eine vom Schneeglöckchenlauf in Ortrand und vom Gassenlauf in Großrückerswalde.

"Wir machen das wirklich gern. Für uns ist das Lebensfreude. Wenn man eine Stunde durch den Wald läuft, bekommt man den Kopf völlig frei", sagt Susann Höltzel. Außerdem sei es ihr wichtig, Patienten nicht nur zu gesunder Lebensweise zu ermahnen, sondern das selbst vorzuleben. Dabei gehe es nicht darum, auf den doppelten Hamburger oder ein saftiges Steak zu verzichten. "Im Gegenteil", sagt ihr Mann, "das schmeckt danach noch viel besser. Und man hat ein gutes Gewissen." In ihren Arztpraxen trifft man sie übrigens nicht im weißen Berufsmantel an. Beide tragen vielmehr ein helles sportliches Outfit - und Turnschuhe dazu.

Beide laufen immer in einem Tempo, bei dem sie sich unterhalten können. Das sei wichtig, betont Rico Höltzel. Er erinnert sich noch gut an den Spruch, den er einmal zu hören bekam: "Laufen macht einsam." Das sei Quatsch, sie hätten sogar durch das Laufen einen völlig neuen und viel größeren Freundeskreis gefunden. "Aber was stimmt: Wer 100 Marathonläufe in vier Jahren absolviert, das ist absolut ungesund für Körper, Muskeln und Gelenke," mahnt der Mediziner.

Er konstatiert, dass Laufen - auch über lange Strecken - immer populärer wird, wohl auch, weil man dafür keinerlei Equipment braucht. "Ein paar gute Laufschuhe und auf geht's." Auch an originellen Ideen fehlt es Ausrichtern in Deutschland und weltweit nicht. Das Angebot reicht vom Medoc-Lauf in Frankreich, über einen Biermarathon in Nürnberg bis zum Untertage-Marathon in Thüringen. Selbst am Mount Everest und auf der Chinesischen Mauer gibt es Marathonläufe.

Rico Höltzel sagt, dass aber auch die Regenerationsphase nach einer so langen Distanz wichtig sei. Deshalb würden sie das immer mit einer Urlaubsreise kombinieren. "Ich gebe aber zu, unsere Urlaubsziele werden zunehmend nach den Ausrichterorten von Marathonläufen ausgewählt", lacht der 49-Jährige. Deshalb steht auch schon fest, wo beide im nächsten Jahr Urlaub machen. Dann ist noch einmal New York angesagt, jene Stadt, in der für sie 2013 alles begann. Am 1. November 2020 wird der 50. New York-Marathon ausgerichtet, für den sie sich bereits angemeldet haben.

An diesem Sonntag gibt es in der Millionenmetropole den 49. Marathon, den die Sachsen zur Abwechslung mal vom Sofa aus verfolgen.

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