Erzgebirge holt auf - Größtes Einkommensplus in Sachsen

Bei einem wichtigen Wohlstandsindikator liegt Südwestsachsen nun vor Dresden und Leipzig. Was bedeutet das?

Chemnitz.

Die Einkommen in Sachsen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen - und das besonders stark in eher wirtschaftlich schwachen Regionen. Im Jahr 2016 betrug das Pro-Kopf-Einkommen der privaten Haushalte im Freistaat 19.191 Euro, das entspricht einem Plus von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie das Statistische Landesamt in Kamenz gestern mitteilte. Mit Abstand am größten war demnach der Zuwachs im Erzgebirgskreis. Hier hatte jeder Einwohner im Durchschnitt 724 Euro bzw. 3,9 Prozent mehr Geld zur Verfügung als noch ein Jahr zuvor.

Das Pro-Kopf-Einkommen ist ein wichtiger Wohlstandsindikator für eine Region. In die Berechnung fließen nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch Einnahmen aus Renten, Vermietung und Kapitalvermögen sowie sämtliche staatliche Transferleistungen ein, etwa Kindergeld. Abgezogen werden Einkommenssteuern und Sozialbeiträge. Ermittelt wird das verfügbare Einkommen am Wohnort, nicht am Arbeitsort einer Person.

Unterm Strich können die Menschen in ganz Südwestsachsen jetzt pro Kopf mehr Geld für Konsum ausgeben oder sparen als in Leipzig oder Dresden. Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in Dresden erklärt diesen Trend vor allem mit der demografischen Entwicklung. In Regionen mit mehr Kindern und jungen Leuten mit geringen Einkommen, etwa Studenten, aber auch Flüchtlingen, werde das Pro-Kopf-Einkommen gedrückt. Zuwanderung senke, Abwanderung erhöhe statistisch den Wert. "Das erklärt zum Teil, warum die großen Städte so schlecht abschneiden", sagt der Wirtschaftsprofessor. So gelte Leipzig als Boomtown in Sachsen. "Aber offensichtlich ist es so, dass die Gutverdienenden nicht dort wohnen, sondern im Umland." Diesen Pendlereffekt gebe es auch in Südwestsachsen.

Hinzu kommt: Die privaten Haushalte im Erzgebirge profitieren überdurchschnittlich von staatlichen Transferleistungen. Die Region verfügt insgesamt über etwa fünf Prozent mehr Geld, als sie an Primäreinkommen, also brutto etwa durch Löhne und Gehälter, erzielt. In Leipzig ist es umgekehrt: Dort bleiben nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben fast zehn Prozent weniger. Zusammenfassend meint Ragnitz: "Im Erzgebirgskreis sieht es gut aus. Aber man kann nicht sagen: Es ist Ausdruck großer Wirtschaftskraft."

Vergleicht man die Situation in Sachsen mit der in ganz Deutschland, so ergibt nach wie vor eine deutliche, wenn auch kleiner werdende Lücke beim Pro-Kopf-Einkommen. Bundesweit lag dieses 2016 bei 21.952 Euro. Das waren über 2700 Euro mehr als in Sachsen. Demgegenüber, so merkt Ragnitz an, standen aber hierzulande auch geringere Lebenshaltungskosten.

So bescheinigt etwa das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln dem Erzgebirgskreis ein günstiges Verhältnis zwischen Beschäftigungschancen und Kosten der Unterkunft. In der aktuellen Studie "Wohnen und Arbeiten in Deutschland" wurden die bei den regionalen Arbeitsagenturen gemeldeten offenen Stellen ins Verhältnis zu den Mietkosten gesetzt. Dabei landete das Erzgebirge auf einem vorderen Platz. "In München kann man gut Geld verdienen", so die Verfasser der Studie, "allerdings geht ein beträchtlicher Teil des Einkommens für die Miete drauf." In Südwestsachsen ist das anders. Matthias Lißke von der Wirtschaftsförderung Erzgebirge sagte zum Studienergebnis: "Im Erzgebirge bleibt mehr Netto übrig."

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