Fast jedes dritte Kind in Sachsen ist chronisch krank

Die meisten leiden unter Neurodermitis und Asthma, zeigt eine DAK-Studie. Doch es gibt große Stadt-Land-Unterschiede.

Dresden.

30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Sachsen, die sich im Jahr 2016 einem Arzt vorgestellt haben, leiden unter einer wiederkehrenden Erkrankung. Sachsens Kinder sind damit häufiger von längeren oder sogar lebenslangen gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen und vergleichsweise kränker als der bundesweite Durchschnitt. Das zeigt der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit in Sachsen, der am Donnerstag in Dresden vorgestellt worden ist.

Demnach wird Neurodermitis am häufigsten diagnostiziert, vor allem bei Babys unter einem Jahr. Zwölf Prozent der Kinder leiden darunter. An Heuschnupfen, der meist im frühen Jugendalter auftritt, sind im Freistaat 13 Prozent aller Zehn-bis Vierzehnjährigen erkrankt. Sieben Prozent sind Asthmatiker, vier Prozent haben eine chronische Entzündung des Magen-Darm-Traktes. Zudem leidet rund jedes zehnte Kind unter einer chronisch psychischen Erkrankung wie dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, das vor allem Jungen betrifft, Depressionen, die häufiger bei Mädchen vorkommen oder Schulangst. Kinder mit dieser psychischen Störung fürchten sich so vor Leistungsanforderungen, Lehrern oder Mitschülern, dass sie während des Unterrichtes nach Hause gehen oder die Schule gar nicht besuchen, heißt es im Report.

"Aus chronisch kranken Kindern werden schwerkranke Erwachsene", sagt Christine Enenkel, Leiterin der DAK-Landesvertretung Sachsen. "Hier muss dringend gegengesteuert werden", sagt Prof. Dr. Christian Vogelberg, Allergologe und Pneumologe an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Dresden. "Diese hohe Rate chronischer Erkrankungen ist alarmierend. Aber nach meiner Beobachtung ist sie eher noch eine vorsichtige Schätzung."

Dass immer mehr Kinder körperlich chronisch erkranken, liege neben der genetischen Veranlagung am Lebensstil, den Eltern ihren Kindern vorlebten, etwa durch wenig Bewegung, ungesunde Ernährung oder Rauchen. Ursachen für die zunehmenden psychischen Krankheiten seien unter anderem Medienmissbrauch schon von Kleinkindern und später der Druck, ständig online sein zu müssen.

Der Bericht zeigt auch, dass Stadtkinder unter anderen Krankheiten leiden als Kinder auf dem Land. So kommen Viruserkrankungen, Karies und Depressionen eher in Ballungszentren vor, Heuschnupfen und Adipositas mehr in ländlichen Regionen. Stadtkinder gehen eher zum Arzt, Landkindern wird häufiger Antibiotika verschrieben. "Darunter sind viele Reserveantibiotika, die schweren Erkrankungen vorbehalten bleiben sollten", sagt Dr. Barbara Teichmann vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Sachsen. Das sehe sie mit Sorge.

Für den Report hat die Universität Bielefeld Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2016 von rund 15.000 Kindern und Jugendlichen ausgewertet. Erstmals liegen damit Ergebnisse auf Länderebene vor.


Fünf Fakten über kranke Kinder 

Die DAK hat untersucht, wie oft und aus welchem Grund Kinder in Sachsen zum Arzt gehen. Ursache sind oft auch die Eltern. 

Dass es im Rücken zieht, kann jedem über 40 schon mal passieren. Aber einem Kind? "Viele denken, Muskel-Skelett-Probleme seien für Schüler noch kein Thema. Tatsächlich sind ab dem zwölften Lebensjahr aber sieben Prozent aller Jungen und Mädchen betroffen", sagt Christine Enenkel. Für den DAK-Bericht über die Gesundheit von Sachsens Kindern und Jugendlichen hat die Universität Bielefeld die Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2016 von Kliniken, Ärzten, Arznei- und Hilfsmittelverordnungen aller 14.872 DAK-Versicherten bis 17 Jahre ausgewertet. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse:

Fakt 1 - Wie oft zum Arzt gegangen wird, ist schon bei Kindern altersabhängig: Neun von zehn Kindern sind 2016 wenigstens einmal in einer Arztpraxis oder im Krankenhaus gewesen, je jünger, desto häufiger. So waren 99 Prozent der Einjährigen wenigstens einmal beim Arzt, meist dem Hausarzt, aber nur noch 85 Prozent der 15-Jährigen. Ältere Kinder besuchten dafür häufiger einen Facharzt. Mit Beginn des Jugendalters nahmen die Arztbesuche wieder zu, vor allem bei den Mädchen, die Gynäkologen aufsuchen. "Da scheint sich bereits herauszukristallisieren, dass Jungs nicht zum Arzt gehen", sagt Prof. Christian Vogelberg, Allergologe und Pneumologe an der Uniklinik Dresden.

Fakt 2 - Stadtkinder sind anders krank als Kinder auf dem Land: Im Vergleich zu Kindern auf dem Land sind 43 Prozent mehr Stadtkinder an Virusinfektionen erkrankt, bei 38 Prozent wurde mehr Zahnkaries diagnostiziert, 22 Prozent hatten häufiger Depressionen und 15 Prozent mehr Sprach- und Sprechstörungen. Auf dem Land fanden sich hingegen 20 Prozent mehr Kinder und Jugendliche mit Heuschnupfen und sieben Prozent mehr Adipöse. Vogelberg warnt davor, diese Daten polarisierend zu deuten: Man könne daraus nicht ableiten, dass das Leben in der Stadt Kinder krank und das Landleben Kinder dick mache. "Eine Erklärung könnte in den unterschiedlichen Versorgungsqualitäten liegen - oder dem Arztverhalten der Patienten", sagt er. Während in Städten die Kinderarztdichte relativ hoch ist, müssen kranke Kinder auf dem Land zum Teil weite Wege bis zum nächsten Arzt in Kauf nehmen. Tatsächlich zeigen die Daten, dass auf dem Land häufiger Medikamente, insbesondere Antibiotika, verschrieben werden. "Wir haben hier durchschnittlich für jedes Stadtkind 187 Euro ausgegeben, für jedes Landkind 207 Euro, also elf Prozent mehr", so Enenkel. Dafür gehen die Kinder in der Stadt öfter zum Arzt.

Fakt 3 - Übergewicht der Eltern hat oft Konsequenzen für die Kinder: "Adipositas kommt häufig im Kindesalter vor", so Enenkel. Bei 3,7 Prozent wurde sie festgestellt, besonders häufig bei den Zehn- bis 14-Jährigen. Fettleibigkeit kann zu Depressionen und Herz-Kreislauferkrankungen führen, auch bei Kindern. Sind Mutter oder Vater adipös, wird das Kind es mit großer Wahrscheinlichkeit auch.

Fakt 4 - Mehr als jedes vierte Kind hat Probleme mit den Augen: Mit Husten und Schnupfen hatten knapp zwei Drittel der Kinder zu kämpfen, bei 41 Prozent hat der Arzt darüber hinaus wenigstens eine Infektionskrankheit diagnostiziert. Jedes dritte Kind hatte Probleme mit der Haut.

Je 28 Prozent mussten die Augen behandeln lassen oder sich wegen psychischer Probleme einem Arzt vorstellen. Jedes dritte Kind war chronisch krank.

Fakt 5 - Sachsens Kinder kosten die Krankenkasse mehr als im Bundesdurchschnitt - zum Beispiel für die Behandlung von Gastroenteritis, Hautkrankheiten, Rückenschmerzen. "85 Euro mehr pro Kopf", sagt Studienautor Julian Witte. Spitzenreiter ist die Neurodermitis, unter der vor allem Babys leiden: Sie wurde 48 Prozent häufiger als im Rest der Republik diagnostiziert. Zudem gab es zwölf Prozent mehr Adipöse als im Bundesdurchschnitt.

Fazit: "Viele Krankheitsursachen hängen mit dem Lebensstil zusammen", sagt Dr. Barbara Teichmann vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Sachsen. Eltern sollten in puncto Ernährung, Bewegung, Medienkonsum und Rauchen gute Vorbilder sein. Zudem ließe sich die Studie auch positiv deuten. Man könne darin ablesen, dass Kinder und Eltern die Erkrankungen ernst nähmen und häufig zum Arzt gehen. "Sie müssen deshalb nicht öfter krank sein", sagt sie. Bleiben sie mit dem kranken Kind zuhause, müssen viele Eltern einen Krankenschein vorlegen. "In den alten Ländern sind viele Mütter nicht berufstätig und müssen daher nicht zwangsläufig mit dem Kind zum Arzt." Auch das wirke sich auf die Zahlen aus.


Die zehn häufigsten Krankheiten 

Atemwegserkrankungen 61,8 %

Infektionskrankheiten 40,6 %

Hauterkrankungen 30,8 %

Augenerkrankungen 28,3 %

Psychische Erkrankungen 28,0 %

Muskel-Skelett-Erkrankungen 19,7 %

Ohrenerkrankungen 18,2 %

Angeborene Fehlbildungen 15,7 %

Verdauungssystem 15,2 %

Urogenital 12,0 %

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