Gegen den Schlussstrich

Was ist mir geschehen? Die Frage treibt Edmund Käbisch um, der als Zwickauer Dompfarrer in der DDR vom Staat verfolgt und ausspioniert wurde. Sein beharrliches Mühen um Aufarbeitung war nie von allen gern gesehen. Nun zieht er Bilanz.

Zwickau.

Alle siebzig Sitze in der Hochschulbibliothek waren belegt, Stühle wurden herbeigeholt. Eigentlich hätte Edmund Käbisch im November in Zwickau aus seinem neuen Buch lesen wollen. Daraus wurde nichts, stattdessen ein Vortrag. Gegen das Buch hatte es Einwände gegeben, sagt er, auch Drohgebärden. Bis heute ist es nicht heraus. Der Verleger wartet. Neues Ziel: 7. Mai, Zwickauer Demokratietage. Er feile am Manuskript, sagt Käbisch. Er bringe eine neue Qualität hinein.

Das Buch soll "Lange Schatten meiner Stasi-Bearbeiter" heißen und exemplarische Vorfälle behandeln, die sich so auch in Rostock, Berlin oder Erfurt hätten ereignen können. Ein DDR-Oppositioneller, der nach dem Umbruch seine Verfolger konfrontiert, Auge in Auge. Er will wissen, was sie getan haben und warum, die Spitzel und die Genossen. Es ist Käbischs eigene - und auch eine Zwickauer Geschichte.

Zur Quelle läuft man gegen den Strom. Im Jahr des Untergangs der DDR - 1989 - ist Edmund Käbisch einer von drei Pfarrern an der größten Zwickauer Kirche, der Marienkirche, die in der NS-Zeit zum Dom erhoben worden war. Im Frühjahr '89, plötzlich, trifft Käbisch ein Schicksalsschlag: Hirnbluten. Er verliert die Fähigkeit zu sprechen, die Aphasie trifft den leidenschaftlichen Verkünder ins Mark. Ein spezialisierter Arzt, der sich im Nachhinein als Stasi-Informant entpuppt, operiert den Pfarrer im Heinrich-Braun-Krankenhaus, nicht ohne Erfolg. Käbisch erlangt die Sprache wieder und findet zurück in die Welt, die gerade eine andere wird.

Zu DDR-Zeiten war Käbisch kein "Appeasement"-Pfarrer. Er hielt sich an Christus und das Credo der Bekennenden Kirche, die nach Hitlers Machtergreifung theologisch Position bezogen hatte gegen die NS-zugewandten Deutschen Christen. Es gelte der Dienst an der Gemeinde, aber abseits davon könne und dürfe sich die Kirche keine Führer mit Herrschaftsbefugnissen geben oder geben lassen, wie es in der "Barmer Theologischen Erklärung" von 1934 heißt. Mit weltlichen Diktaturen mache sich die Kirche nicht gemein.

Edmund Käbisch in seiner Zeit am Zwickauer Dom (ab 1981) legt seine Pflichten weit aus und tritt für Menschen ein, die mit dem System in Konflikt stehen: Oppositionelle, Ausreisewillige, Umwelt- und Friedensbewegte, Strafgefangene. Die offizielle Kirchenpolitik ist auf Verständigung mit den sozialistischen Machthabern aus. Deren "Dialogbereitschaft" hat eine repressive Kehrseite, sagt Käbisch. Nicht nur gilt Zwickau als entschieden sozialistische Stadt. Käbischs Haltung und seine Glaubenspraxis spalten auch die Kirche, die Pfarrerschaft. Bald spürt er den Widerstand mancher "Brüder und Schwestern", wie er sie heute noch nennt, mit leicht mokantem Unterton.

Nach dem politischen Umbruch und der Rückgewinnung seiner Sprechfähigkeit wollte Käbisch ganz genau wissen, wie alles gewesen war. Die Staatssicherheit gab es nicht mehr. Die Akten wurden, soweit noch vorhanden, den Zielpersonen zugänglich gemacht, deren Leben sie verzeichneten. Käbisch gehörte zu den Ersten in Zwickau, die einen Antrag auf Einsicht in die Stasi-Akten stellten. Und er war nicht willens zu verschweigen, was er da über sich lesen musste.

In Zwickau trugen alle die Kirche betreffenden Operativen Vorgänge (OV) einen Decknamen mit dem Anfangsbuchstaben K wie "Kreis". Der Kirchenvorstand wurde unter OV "Kammer" bearbeitet, Käbisch selbst unter OV "Kontrahent". Rund 90 Inoffizielle Mitarbeiter, oder anschaulich: so viel wie acht Fußballmannschaften, waren in Zwickau auf die Kirche angesetzt. Im März 1989 bildete sich ein Einsatzstab, der "gesellschaftliche und kirchliche Kräfte" für die staatskonforme Ausrichtung der Zwickauer Christen in den Dienst nehmen sollte - das "Zwickauer Modell". Nach Käbischs Erkenntnissen gab es eine weitere regionale Besonderheit: Als Referenten auf Bezirksebene für Kirchenfragen waren vor der Wende Stasi-Offiziere eingesetzt.

Gut 65 Zuträger des Staates, die aus den Zwickauer Kirchenkreisen berichteten, machte Käbisch namentlich ausfindig. Ein Drittel davon suchte er persönlich auf. Die meisten redeten sich heraus. Einige gerieten nach dem Umbruch in die Krise, andere sprachen von Gott oder führten ein ganz neues Leben. "Es gibt Zeitzeugen, die sich für das damalige Denken, Reden und Handeln verantwortlich fühlen", so Käbisch. Allzu viele sind es nicht.

Der sächsischen Kirchenleitung wirft Käbisch seit Jahren vor, sie sei an einer - seiner - "unabhängigen Vergangenheitsaufarbeitung nicht interessiert". Die Kirche weist das zurück. Ob mit oder ohne die "Brüder und Schwestern": Der umtriebige Pfarrer stellt Forschungsanträge, publiziert zu Teilaspekten, hält Vorträge und schickt Ausstellungen auf Wanderschaft. Bis heute stelle er sich den Problemen, wie sie kommen, wie sie "vor der Tür liegen", so drückt er es aus. "Wer aber bis ans Ende beharret, der wird selig", heißt es im Matthäus-Evangelium. Vielleicht, sagt Käbisch, sei es sein Konfirmationsspruch, der in ihm wirke.

Von seiner Landeskirche wurde er 1999 mit 55 Jahren, weit vor der Zeit, in den Ruhestand versetzt. Im Manuskript der "Langen Schatten" schreibt er: "Meine gewonnenen Erkenntnisse passten nicht in das schöne DDR-Bild, auf das viele nos- talgisch zurückblickten, die sich in das gute Staat-Kirche-Verhältnis eingerichtet hatten." Und im Licht seiner Lesart der Barmer Erklärung: "Was ist das für eine Theologie, in der sich die Pfarrer wissentlich mit dem Antichristen verbrüderten, um so die Gemeinde Christi zu bauen?"

Im Rückblick, glaubt er im Abstand von drei Jahrzehnten, hätte er Zwickau nach seiner Genesung wohl besser verlassen sollen.

In einem vor Jahren im Magazin "Cicero" veröffentlichten Porträt über Edmund Käbisch hieß es: Von sogenannten streitbaren Geistern höre und läse man gerne, wenn sie sich mal wieder in eine Sache verbissen, dafür kämpften, ihren Kopf hinhielten. "Skin in the game" - die eigene Haut im Spiel -, wie es im Englischen heißt. (Über das Läuternde dieser Haltung hat Nassim N. Taleb gerade einen Bestseller geschrieben.) Im direkten Kontakt, so der "Cicero" weiter, finde man Streitbare eher unbequem. So hat es auch Käbisch oft erlebt - und so erlebten es andere mit ihm. Einen bundesweit beachteten Disput führte Käbisch vor zehn Jahren um das Recht, Stasi-Informanten öffentlich beim Namen zu nennen. Ein früherer Spitzel klagte gegen eine Ausstellung, in der er identifiziert wurde. Zwickauer Achtklässler hatten die Schau unter Käbischs Anleitung erarbeitet. Der Kläger verlor, und seither gilt: Ein solcher Name darf genannt werden.

Für die "Langen Schatten" zog der inzwischen 75-jährige Käbisch eine Reihe Kladden im A-5-Format aus seinem Schreibtischschrank, in denen er schon über 30 Jahre seine Gespräche mit Zwickauer und Karl- Marx-Städter SED-Genossen, Stasi-Offizieren, Inoffiziellen Mitarbeitern und Kirchen-Oberen protokolliert. "Das hat noch niemand unternommen, eine solche umfassende Darstellung eines einzelnen Falles", sagt Käbisch stolz, aber, wie eingangs erwähnt, die Sache hat Tücken. Manche der Gespräche lagen so weit zurück, dass die Freigabe zur Veröffentlichung fraglich erschien. Einige frühere Gesprächspartner waren verstorben, manche Lebende mochten nicht mehr daran rühren.

Ein Landespolitiker der Linken machte geltend, er wolle einer Vergangenheitsaufarbeitung aus Käbischs Sicht nicht im Wege stehen. Das ihm übersandte Manuskript enthalte aber "falsche Tatsachenbehauptungen" zu seiner Person, wie er der "Freien Presse" auf Anfrage mitteilte. In der DDR-Zeit, die das Buch behandelt, hatte sich die Stasi sogar an Käbischs Frau herangemacht. Heute beschirmt der Rechtsstaat auch damalige Täter.

Die DDR-Staatssicherheit zählte 1988 in ihrer Zwickauer Kreisdienststelle 124 hauptamtliche Mitarbeiter. Von hier aus wurde ein Netz von 788 Inoffiziellen Mitarbeitern geführt. In den Tagen der Friedlichen Revolution wurde die Kreisdienstelle nicht, wie andernorts, von Bürgerrechtlern besetzt, sondern auf Weisung der Bezirksstaatsanwaltschaft Karl-Marx-Stadt aufgelöst. Mit dem letzten Leiter der Kreisdienststelle, Ludwig S., hat Käbisch danach gesprochen. Käbisch traf Jürgen N., der den Maßnahmeplan für den Vorgang "Kontrahent" erarbeitet hat, und Ulf G., der Renate Käbisch in die "Romeo-Falle" eines Liebhaber- Agenten locken wollte (vergeblich). Käbischs OV wurde von Lutz M. geführt, der verstorben ist, vor seinem Tod aber mit Käbisch noch geredet hat. M.s Nachfolger Andreas H. schloss Käbischs Akte mit der Notiz, dass die Protokolle aus der Telefonüberwachung vollständig vernichtet worden seien. Datum: 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls.

Über die Struktur der Staatssicherheit in Zwickau referierte Käbisch im Oktober 1993 vor der Zwickauer Stadtverordnetenversammlung und provozierte mit der These, "diese Leute werden in die neue Zeit kanalisiert", quasi untergebracht. In seinen Veröffentlichungen machte Käbisch immer wieder klar, dass die Stasi nur ein Teil des Machtapparats im SED-Staat war, ihrem Selbstbild nach "Schild und Schwert der Partei". Die vier tatsächlichen Machtzentralen in Zwickau seien die SED-Kreisleitung, die Stasi-Kreisdienststelle, der Rat der Stadt und das Volkspolizeikreisamt gewesen. Der langjährige SED-Kreischef Helmut Repmann, wichtigster Politiker vor Ort, starb 2000 in Markkleeberg.

Auf die Kraft der Symbole setzte Käbisch schon als Pfarrer. Zu seinem Vortrag in der Hochschulbibliothek drapiert er eine Kerze, eine Bibel und ein Stück Stacheldraht vor sich auf dem Pult - sie stehen für die Dunkelheit, das Licht und die christliche Botschaft. "Symbole führen in eine Wirklichkeit hinein, die heute immer schwerer darstellbar ist", sagt Käbisch. Auch das Cover des noch unveröffentlichten Buches, das der Zwickauer Christian Siegel gestaltet hat, zeigt ein Symbol: den roten Keil des Russen El Lissitzky, wie ihn laut Käbisch auch das Parteilogo der Linken zitiert. Die sowjetischen Tschekisten, Vorbilder und Lehrmeister seiner eigenen Stasi-Verfolger, gingen gegen die Kirche und die Gläubigen mit allen Mitteln vor: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil!" Dazu stellt Käbisch fest: "Diese Kampfansage des roten Keils ist noch immer in der Welt."

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    Freigeist14
    30.01.2019

    Franzudo@ ihre unerhörte Verharmlosung der Shoa,der Entrechtung ,der Beraubung und der physischen Vernichtung von Millionen Menschen ist abstoßend. Aber entlarvend zugleich ,welche Geschütze die Geschichtsrevisionisten auffahren .

  • 0
    7
    franzudo2013
    29.01.2019

    Heute ist es einfach für den Freigeist, die Amnesie einzufordern. Heute lebt jeder sein Leben.
    Damals war es existentiell. Hier gilt nichts anderes als bei den Überlebenden des Holocaust. Erzählt und erzählt es immer wieder, damit nichts vergessen wird.
    Damit es nie wieder Zeiten gibt, in denen manche Menschen gleicher sind als andere.

  • 7
    1
    Freigeist14
    29.01.2019

    Was gibt es Neues von Ex-Pfarrer Käbisch ? Nichts . Nur von Zeit zu Zeit muss eine Story "Gegen das Vergessen " in der FP plaziert werden . Niemand verharmlost Herrn Käbischs widerfahrenes Unrecht in der Zwickauer Kirche . Das er in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde hat nichts mit "alten Seilschaften " oder eine Verschwörung zu tun . Herr Käbisch hat schlicht in seiner Verbitterung seine Aufgabe als Seelsorger seinem Kreuzzug gegen vermeintliche Zuträger und SED-Täter hinten angestellt . Für Versuche aufrichtiger Christen,mit dem DDR-Staat ein ausgeglichenes Verhältnis zu finden ,hatte Herr Käbisch leider nur Hohn und den Vorwurf des "Paktes mit dem Teufel" übrig . Nach nun 30 Jahren fragt man sich ,warum in seinem Eifer die christliche Vergebung keinen Platz findet : "Und richtet nicht ,so werdet ihr auch nicht gerichtet.Verdammt nicht,so werdet ihr nicht verdammt.Vergebt,so wird euch vergeben." Lukas Vers 6:37



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