Großer Auftritt für kleine Dinge

Ja, es gibt Scherben zu sehen. Alte Dinge und noch ältere Knochen. Hundertfach, tausendmal, wie es scheint. Aber wie! In einem neuen Licht. Im Chemnitzer Archäologie-Museum, das morgen im einstigen Kaufhaus Schocken eröffnet wird.

Chemnitz.

Morgen, so nehmen wir mal an, wird es in Chemnitz einen Vulkanausbruch geben. Einen, wie ihn das Naturkundemuseum im Kulturhaus Tietz Tag für Tag simuliert. Aber dieser ist keine Show, sondern bringt ein zweites Pompei. Und was werden Archäologen Jahrhunderte später rund um den Stefan-Heym-Platz unter einer dicken Schicht Asche und erkalteter Lava finden? Eine riesige Baugrube, die man - wie Historiker berichten - einst Conti-Loch nannte. Einen Steinwurf weiter eine zuasphaltierte Parkplatzbrache. Und zudem ein altes Kaufhaus, das seit heute ein neues Museum ist: Sachsens Landesmuseum für Archäologie.

Seit 2001 war das Kaufhaus, am 15. Mai 1930 eröffnet, geschlossen. Ein leerer, wenn auch architektonisch bedeutsamer Bau von Erich Mendelsohn, der diesen für den Warenhaus-Betreiber Salman Schocken plante. Nun hat das Denkmal wieder einen Zweck, belebt die Chemnitzer Mitte, zudem einen Winkel der Stadt, der mehr toten Raum hat, als einem lieb sein kann. Und würde dieses Museum also verschüttet, lohnte es sich nun doppelt, dieses mit modernster Computer- und Videotechnik gefüllte Architektur-Juwel wieder auszugraben.

Ob der gläserne Neandertaler dann noch leuchtet? Ist zu bezweifeln. Gestern zumindest blinkte nur ein Innenohr des mit LED-Lämpchen vollgestopften Modells eines Urzeit-Menschen. Die anderen Körperteile blieben auf Knopfdruck dunkel. "So ist das bei einer Generalprobe", seufzt Museumschefin Sabine Wolfram. Noch nicht alles funktioniert. Zumindest sieht man: Der ein Meter sechzig große Mensch war vor 280.000 Jahren so etwas wie ein kleines Dickerchen gewesen.

Ein erster Rundgang, ein erster Eindruck: Gemessen an den 19 Millionen Funden aus rund 300.000 Jahren, die im Archäologischen Archiv des Freistaates Sachsen lagern, wirkt dieses Museum angenehm aufgeräumt. Einen winzigen Bruchteil davon gibt es auf drei Etagen und rund 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen. Die klassische Vitrine findet man da kaum. Stattdessen eine nahezu selbstironische Inszenierung eines Scherbenhaufens.

Scherbenlabor: So haben dies die Museumsmacher genannt. Ein paar hundert Plaste-Beutelchen, in denen sich jeweils ein kleines Bruchstück eines uralten Keramikgefäßes befindet, wurden aneinander und wie ein Duschvorhang vor eine Spiegelwand montiert. Diese gaukelt das Bild eines tausendfach bestückten Kabinetts vor. Simsalabim. Mit solchen Zaubertricks kennen sich Uwe Brückner und sein Stuttgarter Atelier, das die Dauerausstellung des Chemnitzer Archäologiemuseums inszenierte, eben aus.

Edles Weiß, vornehmes Grau: Das sind die Hintergrundfarben, die dieses Haus, das Raum-Theater dominieren. Milchiges Acrylglas, etliche weitere Spiegelflächen, jede Menge Touchscreens - also viele kleine Bildschirme, auf denen man herumwischen und sich so Informationen zu Objekten und Themenbereichen holen kann. Punktgenaue Beleuchtung. Die Animation eines in Schichten dargestellten Wollnashorns. All dies konterkariert gezielt jenes Vorurteil, das der Archäologie anhaftet: verstaubt zu sein.

"Rückwärtsgewandt, zugleich zukunftsorientiert" - das ist Archäologie für Sabine Wolfram, so soll der Charakter des von ihr geführten Museums sein. Und das fängt im Foyer des Hauses mit dem "zeitdynamischen Sachsen-Modell" an, wie Ausstellungsgestalter Uwe Brückner die zentrale Illusionsshow des Hauses nennt: eine weiße, wellige Fläche mit den Umrissen des heutigen Freistaates, die an dünnen Stahlseilen im neu geschaffenen Atrium des einstigen Kaufhauses hängt.

Bespielt wird das Relief, das zwischen den Etagen rauf und runter schweben kann, mit Video-Projektionen zu verschiedenen Themenbereichen - von der Mobilität bis hin zur Kultur. Also: Wie und auf welchen Straßen, Wegen oder Wasserläufen haben sich die Menschen dort, wo heute Sachsen ist, bewegt? Ein Beispiel nur für eine der vielen Fragen, für die der Sachsen-Tisch nicht nur eine Antwort hat.

Denn auf jeder der drei Etagen richtet sich das Karten-Bild nach der Höhe der Zeit, welche die Ausstellungsebene thematisiert - die Spanne: gut 300.000 Jahre vor bis etwa 1850 nach Christi Geburt. Also: von den frühen Jägern und Sammlern der Altsteinzeit, als sich im Wald und auf der Steppe Hase und Auerhahn gute Nacht gesagt haben. Über die Jungsteinzeit bis zum frühen Mittelalter, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden, Häuser zu bauen, Felder zu kultivieren.

Auf Ebene drei schließlich geht es um die Zeit zwischen 800 nach Christi Geburt bis zum Beginn der Industrialisierung. Als einschneidendes Ereignis und Endpunkt der Zeitreise durch dieses Museum wird das Jahr 1839 genannt, als die erste Eisenbahn von Dresden nach Leipzig fuhr. "Damit gab es eine völlig neue Art von Raum- und Zeit-Gefühl", erklärt Sabine Wolfram. "Aus einer Reise von drei Tagen wurden drei Stunden."

Drei Stunden werden nicht reichen, dieses Museum mit all seinen Details zu erfassen. Alleine die 1300 Objekte der "Alltagswand" genannten Schau-Front in der dritten Etage erzählen 1300 Geschichten - von Sparbüchsen, Ofenkacheln, Spielzeugfiguren, von Krügen, Gläsern und sonstigem Geschirr. Auch hier gibt es Vitrinen, die keine klassischen Schau-Kästen mehr sind, sondern eine Art Theater-Bühne für den großen Auftritt der kleinen Dinge.

Und da schimmert er durch, der Geist des Kaufhauses: das Staunen vor vollen Regalen, das Sehen-Müssen, das Haben-Wollen, die Faszination des Authentischen, die keiner der acht Monitore rund um den Sachsen-Tisch auszustrahlen vermag. Auf den Bildschirmen lässt sich Sachsen drehen und wenden, bis einem schwindlig wird. Doch diese virtuelle Mehr-Dimensionalität kann nicht konkurrieren mit dem Zauber eines echten Schau-Stücks. Es kommt eben daraufan, das alte Gerümpel in ein neues Licht zu setzen, um ihm den Anschein des Mülls der Geschichte zu nehmen.

Eine Taube unter dem Dachfirst eines Abbruchhauses, mehrere Tapetenschichten an den Wänden, ein Löwenzahn, der sich durch eine Pflastersteinspalte zwängt: Das ist der eigentliche Endpunkt der Ausstellung, der Höhepunkt eines reliefartigen Wandbildes, das sich über alle Etagen erstreckt. Man arbeitet sich an ihm hoch, Schicht für Schicht durch 300.000 Jahre Zeit, geht man die rampenartige Treppe nach oben. Geräusche, Klänge, Töne aus der jeweiligen Zeit-Schicht, an der man vorbei schreitet, begleiten einen auf diesem Weg. Oder: Man gräbt sich am besten vom Löwenzahn hinab bis zum gläsernen Neandertaler. Das wäre die archäologische Methode eines Rundgangs durch dieses Haus.

Zwischendurch unbedingt Luft holen, Tageslicht tanken in den beiden Erker-Galerien, die sich der (Bau-)Geschichte des Kaufhauses sowie der Architektur Mendelsohns widmen und von der bibliophilen Leidenschaft und der Bibliothek Salman Schockens erzählen, die nach dessen Flucht aus Nazi-Deutschland in Jerusalem eine neue Heimat fand. Es fällt der Blick aus den Fenstern: links das grünende Conti-Loch, unter einem der hellgraue Heym-Platz, dahinter dunkler Asphalt soweit das Auge reicht. Ein Vulkanausbruch morgen? Nein. Besser noch ein Museum. Und noch eins. Warum nicht? Archäologen künftiger Generationen werden dann feststellen: Es hat Leben in Chemnitz gegeben.

www.smac.sachsen.de

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