Integration für Fußballer kein Fremdwort

Ein buntes Fußballleben herrscht beim Leipziger Verein SV Lindenau 1848. Die Stimmung hier beweist: Sport kann den Zusammenhalt richtig gut fördern. Hier fühlen sich alle wie in einer Familie.

Leipzig.

Kurt und Mohammad sind beide neun Jahre alt und ihre verbindende Leidenschaft ist der Fußball. Im Winterhalbjahr treffen sich der Leipziger und der kleinere, afghanische Junge mit ihren Mannschaftskameraden vom SV Lindenau 1848 e.V. einmal wöchentlich in einer Turnhalle, um gemeinsam zu spielen und Spaß zu haben. Zur Erwärmung gibt's das beliebte Fangspiel, bei dem der Fänger in einer Minute so viele Bälle wie möglich berühren muss. Gute Verteidigungstechnik ist bei den Mitspielern gefragt, sonst geht der Ball flöten, und sie scheiden aus.

Die Trainer Harry Schramm und Rami Ben Hamadi bilden jeden Mittwoch eine Fahrgemeinschaft in den Leipziger Stadtteil Grünau, um mit der "bunten" E-Jugend des SV Lindenau 1848 e.V. gemeinsam Fußball zu trainieren. "Ihre Kinder", wie sie die kleinen Kicker liebevoll nennen, tragen alle einheitliche Trainingsanzüge und sind voller Vorfreude auf die kommenden anderthalb Stunden. Bei den Jüngsten stehen das spielerische Lernen, das Dribbling und die Parcours mit dem Ball auf dem Plan. Die kleinen Maradonas auf dem Parkett heißen Ahmed und Carlo, Moritz und Mohammad, Mattis und Malte, Svan und Zein, Karl und Oskar, Komein und Jannis, und sie wohnen mit ihren Familien größtenteils im Leipziger Westen.

Das Trainerduo, das im Leipziger Stadtteil Lindenau Straße an Straße wohnt, versteht sich auch ohne viel Worte: "Harry ist wie ein Vati für mich", schwärmt Rami, der in Libyen geboren wurde und vor drei Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam. Seit Kurzem hat der Nordafrikaner seine C-Lizenz als Trainer in der Tasche. Gemeinsam mit seinem Ziehvater, der sich seit 1993 im SV Lindenau, einem der ältesten Sportvereine Deutschlands, engagiert, lernt er nicht nur die Tricks und Kniffe der deutschen Sprache. "Mister Harry hilft mir bei allen Dingen", sagt der 34-Jährige begeistert.

Der 60-Jährige arbeitet als Hausmeister und stand schon vor mehr als 40 Jahren als Fußballschiedsrichter auf dem Platz. "Ich habe alle großen Mannschaften in Leipzig gepfiffen. Von Lok über Chemie bis Markranstädt, aber auch Dresden und Aue." Sein Fußballkollege Rami, der eine internationale Trainerlaufbahn anstrebt, und die E4-Nachwuchskicker sind ihm ans Herz gewachsen. Dass er mit so viel Liebe und Herzlichkeit seinen ehrenamtlichen Job ausübt, zeigt nicht nur seine Körpersprache. Harry ist ein guter Beobachter, und er gibt den spielfreudigen Schützlingen wertvolle Tipps. "Wir haben im Verein sechs Abteilungen mit verschiedenen Sportarten und allein im Fußball 22 Teams. Neben einer guten sportlichen Ausbildung steht vor allem der Spaß im Fokus", sagt der Trainer, der als Kind im Freistil-Ringen Erfolge feierte und es auf die Leipziger Kinder- und Jugendsportschule geschafft hatte - "bis einer besser war und ich aussortiert wurde." Seit 1975 ist die (angeblich) schönste Nebensache der Welt, das Fußballspielen, die größte Leidenschaft des gebürtigen Leipzigers.

Auch Lehrer Björn Mencfeld, der Biologie studiert hat, ist ein Ehrenamtlicher des SV Lindenau 1848. Während der 39-Jährige in einer Oberschule mit physikalischen Größen hantiert, dreht sich in seiner Freizeit alles ums runde Leder. Der zweifache Familienvater agiert seit acht Jahren als Fußballtrainer im Nachwuchsbereich der F-Jugend und als Schatzmeister für den Gesamtverein. Außerdem liegt auch die Öffentlichkeitsarbeit für die Abteilung Fußball mit derzeit 402 Mitgliedern, darunter 46 Frauen, in seinen Händen. Tochter Chantal (15) hat mit fünf Jahren ihre ersten Fußballschuhe angezogen - wen wundert es, dass Harry Schramm ihr Trainer war. Und auch Sohn Oliver (11) zieht es in den Verein, wo er am liebsten als Keeper im Tor steht.

"Uns ist es wichtig, dass alle Kinder von Anfang an gleich behandelt werden. Um möglichst schnell mitspielen zu dürfen, bemühen wir uns, allen Mädchen und Jungen zügig eine Spielberechtigung vom Sächsischen Fußballverband zu beschaffen", erzählt Mencfeld. In seiner Mannschaft steht jeder Kicker die gleiche Zeit auf dem Spielfeld, ob nun bei der Partie auf dem heimischen Charlottenhof oder beim Auswärtsspiel. "Bis zur E-Jugend wird auf dem Kleinfeld ohne Schiedsrichter gespielt. Ich begleite die Kids von der Coachingzone aus. Ich greife auch helfend ein, gebe ihnen aber auch Verantwortung, die Situationen einzuschätzen und über ihre eigenen Fähigkeiten immer zu reflektieren." Fairplay und Respekt sind beim Lindenauer Sportverein keine leeren Worthülsen, sondern gehören zum Alltag und gelten für alle gegnerischen Teams, die eigenen Mitspieler, Trainer und Betreuer. Ob ein Kind Migrationshintergrund hat und seine Wurzeln in Afghanistan, Italien oder Syrien liegen, spielt hier keine Rolle. "Die Kinder freunden sich schnell an, und auch die Eltern lernen sich am Spielfeldrand oder beim Sommerfest kennen. Wir sind eine Familie", sagt Harry, der ein wandelndes Lexikon ist und Fakten, Infos und Anekdoten über den Verein abrufen kann. Nach dem gemeinsamen Spiel wird der beste Spieler gekürt. Diesmal geht die Krone an Mohammad, der von Rami als "kleiner Messi" -in Anlehnung an den Weltfußballer Lionel Messi aus Argentinien - bezeichnet wird. "Sport ist für mich das Schönste", sagt der Neunjährige mit leiser Stimme. Sein Vater sitzt begeistert auf der Bank und hatte bei jeder Ballberührung des talentierten Sohnes gestrahlt. Auch den anderen hat der Nachmittag richtig Spaß gemacht: "Ich trainiere seit acht Monaten und jetzt kann ich gut Fußballspielen. Und ich habe hier so viele Freunde gefunden", schwärmt Ahmed aus Syrien, dessen Mama die wartenden Eltern gerne mit selbst gebackenen Plätzchen und arabischem Kaffee bewirtet. Auf den neuen heimischen Kunstrasen mit Flutlicht freut sich besonders der zehnjährige Zein, Sprössling einer kurdischen Familie aus dem Irak. Und einstimmig ist die Meinung zu den beiden Trainern Harry und Rami - einfach große Klasse!

Dass Integration durch Sport im Traditionsverein gelebt wird, hatte sich vor einiger Zeit sogar bis zum Deutschen Fußball-Bund mit Sitz in Frankfurt/Main herumgesprochen. Im Jahr 2015 erhielt der SV Lindenau 1848 e.V. den DFB-Integrationspreis in der Kategorie Verein 2014 und wurde damit erster ostdeutscher Gewinner dieser hochrangigen Auszeichnung. Dass im Leipziger Verein Menschen aus 30 Nationen zu Hause sind, ist für die Ehrenamtlichen eine Selbstverständlichkeit. Solidarität wird in Lindenau groß geschrieben. Asylsuchende werden bei Behördengängen unterstützt, und für fehlende Sportausrüstung wird unter den Mitgliedern gesammelt. Alle helfen sich gegenseitig, wenn die Klamotten für die Jüngsten zu eng oder die Sportschuhe wieder viel zu schnell zu klein geworden sind. Und während die Verantwortlichen ein Fußballfest am 29. März in der Messestadt vor Augen haben, gehen die jüngsten Kicker vom Team Harry & Rami beseelt nach Hause und träumen von einer Profi-Karriere als Fußballer und ihren Freunden, die sie im Verein gefunden haben. (lvz)

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