Keine Lust mehr auf Schule

Immer mehr Schüler in Sachsen stören oder verweigern den Unterricht. Erziehungshilfe im Verein ist die letzte Chance.

Cornelia aus Zwickau arbeitet heute mit Schulkindern - obwohl sie an ihre eigene Schulzeit keine guten Erinnerungen hat. Monatelang hat sie als Jugendliche den Unterricht geschwänzt. Und weil sie geschwänzt hat, ist sie danach nicht mehr hingegangen - eine Kettenreaktion. Ihre Eltern waren selbstständig und von früh bis spät im Geschäft. "Sie merkten gar nicht, dass ich nicht in die Schule ging", sagt die Mittzwanzigerin heute. Erst als der Schulleiter die Eltern zum Gespräch bestellte, flog alles auf. Das Zwickauer Kinder- und Jugendförderprojekt "Start off" war ihre Rettung. Es ist für viele die letzte Chance, ihre Schullaufbahn fortzusetzen. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens von "Start off" gab es ein Treffen ehemaliger Absolventen, zu denen auch Cornelia gehört.

Sie ist kein Einzelfall. Doch wie viele Kinder derzeit in Sachsen unentschuldigt fehlen, ist nicht bekannt. "Es gibt keine einheitliche Erfassung. Manche Schulen zählen bereits das Zuspätkommen als Fehltag, andere werden erst aktiv, wenn mehrere Tage am Stück zusammenkommen", sagt Professorin Kerstin Popp von der Uni Leipzig auf dem Fachsymposium Schulangst und Schulverweigerung in Meerane. Popp leitet einen Forschungsverbund zur Schulverweigerung. "Konkret wird es erst bei den Ordnungswidrigkeitsverfahren, die von den Schulbehörden eingeleitet werden, wenn die Schulpflicht nicht erfüllt wird", sagt sie. In diesen Fällen müssen die Eltern einkommensabhängige Bußgelder zwischen 5 und 1250 Euro zahlen. Das Verfahren steht am Schluss einer Kette von Gesprächen, Motivationsversuchen und Sanktionen durch Klassen- und Schulleiter. Mehr als 6000 Ordnungswidrigkeitsverfahren wurden im Jahr 2016 in Sachsen eingeleitet - das sind die aktuellsten Zahlen. Ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2015. Die meisten Bußgeldbescheide gab es in der Stadt Leipzig, die wenigsten im Erzgebirgskreis und dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Doch wie kommt es dazu, dass Kinder plötzlich nicht mehr in die Schule gehen? Die Professorin hat es untersucht. Grundschüler gaben in ihrer Befragung an, dass es meist Probleme in bestimmten Fächern gibt, in denen sie nicht mitkommen. Mitschüler spotten dann oft, was den Wunsch zum Schwänzen verstärkt. Bei den Oberschülern gaben 90 Prozent der Befragten an, einfach keine Lust auf Schule zu haben. An zweiter Stelle standen auch bei ihnen Mobbingerlebnisse und Angst vor Klassenarbeiten. Popp zufolge mehren sich in Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie die Fälle von extremer Schulangst.

Angst hatte auch Cornelia. "Eigentlich habe ich immer gern gelernt", sagt sie. Doch im Alter von 12 oder 13 hätte sie Schwierigkeiten in einigen Fächern gehabt, hat Klassenarbeiten verhauen, auch mit manchen Lehrern kam sie nicht mehr klar. Die Panik vor der Schule und den peinlichen Fragen wegen ihres Fehlens nahmen zu. Mittlerweile hatte sie auch so viel Unterrichtsstoff versäumt, dass ein Weg zurück nicht mehr infrage kam. Der Schulleiter bot Cornelia den Weg in das Kinder- und Jugendförderprojekt "Start off" an, mit dem die Schule zusammenarbeitet.

Zwölf solche Schulverweigererprojekte in Sachsen zählt das Kultusministerium auf. Um aufgenommen zu werden, müssten die Eltern im Jugendamt einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung stellen, sagt Hannelore Hofmann, Heilpädagogin bei "Start off". Die Schule begründet die Notwendigkeit dieses Schrittes. Das letzte Wort hat das zuständige Jugendamt. Nach einem Aufnahmegespräch und einer sechswöchigen Probezeit wird beurteilt, ob Aussicht auf Erfolg besteht. Den Unterricht halten Lehrer von Partnerschulen. Maximal fünf Schüler sind in einer Lerngruppe. "Da kann sich keiner wegducken. Mit jedem Schüler wird intensiv gearbeitet", sagt sie. "In erster Linie geht es darum, eine Lernmotivation und -bereitschaft zu entwickeln."

Waren es zu Cornelias Zeiten eher Probleme mit Lernen, die zur Aufnahme in solche Projekte führten, sind es heute vermehrt sozial-emotionale Defizite. "Immer mehr Schüler sind nicht mehr gruppenfähig. Sie verweigern und stören den Unterricht, sind aggressiv, lustlos", so Hofmann. Schon Zweitklässler seien auffällig. Die Wissenschaftlerin Kerstin Popp sieht auch in dieser Veränderung einen Grund, warum das Fernbleiben von der Schule so spät angezeigt oder bestraft wird. "Solche Schüler sind eine große Herausforderung für die Lehrer. Fehlen sie, wird das zunächst als Erleichterung empfunden." In vielen Fällen lehnt nicht nur der Schüler die Schule ab, sondern auch die Schule den Schüler. In Gesprächen mit Pädagogen habe sie oft festgestellt, dass Lehrer den Grund für das Schwänzen fast ausschließlich bei den Schülern selbst oder ihren Eltern suchen. "Das ist sicher nicht falsch, denn wenn die Eltern nicht kontrollieren und motivieren, tut sich auch bei den Kindern nichts." Doch sie vermisste die Selbstkritik, die Reflexion der eigenen Arbeit, ob man nicht doch hätte mehr tun können, um den Schüler zu motivieren. "Diese neue Gruppe der Schulverweigerer erfordert auch von uns eine Umstellung in unserer Arbeit. Wir müssen aus mehreren nicht gruppenfähigen Kindern eine Gruppe bilden", sagt Heilpädagogin Antje Schmidt.

Der Erfolg spricht für sich. "80 Prozent der Schüler verlassen das Projekt erfolgreich in berufsvorbereitende Maßnahmen oder werden in den Klassenverband reintegriert. Fast alle unserer damaligen Schüler haben eine Berufsausbildung und sind in Arbeit", so Schmidt. Bei Cornelia ist durch das Lernen im Projekt der sprichwörtliche Knoten geplatzt. Sie hat einen Realschulabschluss nachgeholt und das Fachabitur bestanden. "Ein solcher Werdegang ist schon etwas Besonderes. Sie hat allen Grund, stolz darauf zu sein", sagt Antje Schmidt.

"Start off" wird gefördert von der sächsischen Professor-Claus-Dietz-Stiftung.

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2Kommentare
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  • 6
    0
    DTRFC2005
    06.11.2018

    @saxon1965. Manchmal habe ich das dringende Bedürfnis, einen Eltern Führerschein einzuführen.Wenn man mitbekommt,das Respektlosigkeit usw.der Kinder von ihren Eltern beim Elternabend belächelt werden, weiß ich wo das herkommt.

  • 11
    1
    saxon1965
    05.11.2018

    Mit diesem Thema war ich auch schon konfrontiert.
    In Zusammenhang mit Schulphobie stehen meiner Meinung nach folgende Dinge:
    1.) Erfolgsdruck, Lernmethodik (alt. Montessori)
    2.) Lebensperspektive (Schuften für Wachstum, Umweltaussichten, Soziale Themen)
    3.) Generation "Smartphone" (Verlust sozialer Kontakte u. Kompetenzen, falsche Werte "Auch der Dümmste kann ein Superstar werden"...)
    Hier sind natürlich besonders auch die Eltern gefordert. Die Nutzungseinschränkung von Handy & Co., das Erlebnis Familie und das Fördern eines Freundeskreises (Sport, Hobby...) kann hier helfen.
    Eine gesamt gesellschaftliche Aufgabe wäre es jedoch, unseren jungen Menschen eine lebenswerte Welt zu schaffen!!!



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