Kultusminister auf Studentenfang

Christian Piwarz ködert Lehramtsstudenten mit dem Lehrerpaket, das am Dienstag verabschiedet wird: Mehr Geld gleich mehr Wertschätzung. Die Umworbenen wünschen sich etwas anderes.

Chemnitz.

Es sei für ihn ein Bewerbungsgespräch, sagt Sachsens Kultusminister zu den Studenten im größten Hörsaal der TU Chemnitz, hauptsächlich angehende Grundschullehrerinnen und -lehrer. Ein Bewerbungsgespräch - nur andersherum. "Wir brauchen Sie. Wir brauchen Sie sogar dringend", ruft Piwarz (CDU) in die Reihen. Ein bisschen verzweifelt klingt das.

Zu tun gibt es genug, für die künftigen Lehrer. Inklusion, Integration, Digitalisierung - Schulen sollen vieles leisten. Doch der allgegenwärtige Lehrermangel macht diese hohen Anforderungen zu Wunschdenken. Oder, polemisch ausgedrückt: Wäre Sachsens Bildungslandschaft ein Schlachtfeld - den Schützengräben gingen die Soldaten aus. Und so ist der oberste Bildungschef auf Anwerbertour an Sachsens Universitäten. "Willkommen an Sachsens Schulen", heißt die Dialogveranstaltung, die vor einer Woche in Chemnitz stattfand. Wichtigster Trumpf in Piwarz' Portfolio: die Aussicht auf das Lehrerpaket, das am Dienstag im Landtag verabschiedet wird. In einer Formel zusammengefasst lautet das: mehr Geld plus Beamtenstatus gleich mehr Lehrer für Sachsen.

Derzeit verlässt ein großer Teil der Absolventen Sachsen, beginnt das Referendariat in einem anderen Bundesland. Dabei würden die Nachwuchslehrer dringend gebraucht: Dreiviertel der Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen sind über 45 Jahre alt. Jedes Jahr scheiden weit mehr aus dem Dienst, als neue nachkommen. Auch mit Seiteneinsteigern blieben im laufenden Schuljahr 230 Stellen unbesetzt. Betroffen sind alle Schulformen, außer Gymnasien. Besonders unbeliebt ist das Land - und damit ist alles gemeint, was außerhalb der Großräume Dresden und Leipzig liegt. Also auch Chemnitz. Weil oft nicht wiederkommt, wer einmal zum Studieren wegzog. Deshalb werden hier seit 2013 wieder Grundschullehrer ausgebildet.

Das Lehrerpaket soll die Abwanderung der Absolventen aufhalten. Denn bisher hat Sachsen einen Standortnachteil: In den meisten Bundesländern können sich Lehrer längst verbeamten lassen; ab 2019 soll das nun auch hier möglich sein, vorerst bis 2023. Außerdem bekommen Grundschullehrer bald mehr Geld, haben dann so viel wie ihre Kollegen an den weiterführenden Schulen. Ein "politisches Statement zur Wertigkeit", nennt Piwarz das. Sein Köder für die sogenannten Bedarfsregionen: Wer für das 18-monatige Referendariat aufs Land geht und dort fünf weitere Jahre bleibt, bekommt bis zu 1000 Euro im Monat zusätzlich - Details würden noch geklärt, so Piwarz in der vergangenen Woche.

Soweit die Theorie. Doch was halten die Umworbenen selbst von dieser Wertschätzung, die sich in Geld ausdrückt?

Nach Piwarz' Rede und kurzer Fragerunde sitzt ein Vierergrüppchen um einen Tisch im Foyer des Hörsaalgebäudes. Alle vier sind Mitglieder der Fachgruppe Lehramt, das ist die rechtliche Vertretung der Studierenden. Sie wirken einigermaßen unbefriedigt. "Als ginge es allein ums Geld", sagt Alexander Weiß.

Weiß, 24, gelernter Mechatroniker aus Hohenstein-Ernstthal, steht für viele seiner Kommilitonen: Für die Hälfte, schätzt er, ist das Studium die zweite Ausbildung. Einige haben bereits Familie - auch für 1000 Euro brutto mehr würden sie nicht in eine Region gehen, wo der Partner keinen Job findet. Lieber wäre ihnen Planungssicherheit, sagt Weiß. Damit meint er vor allem Transparenz bei der Vergabe von Plätzen für Praktika und Referendariat. Über eine Internetplattform erfolgt die; die Studenten können nur Wünsche angeben, werden dann verteilt. Manchmal auch an Schulen, die gar keine Zeit für den Lehrernachwuchs haben, berichten Studenten.

Dazu kommt: Selbst wer gern ein Praktikum im Erzgebirge machen will, muss zusehen, wie er hinkommt. "In abgelegenen Regionen brauchst du ein Auto", sagt Weiß' Kommilitonin Melanie Kücholl: "Das können sich nicht alle leisten." Viele seien nicht Bafög-berechtigt, fürs Geldverdienen bleibt kaum Zeit, sagt auch Josephine Döring. Doch für die Nöte des zweiten Bildungsweges habe der Kultusminister bei einem früheren Besuch in Chemnitz wenig Verständnis gezeigt, kritisiert sie. Das wisse ja, wer sich für das Studium entscheidet, so Piwarz damals. "Und: Lehrjahre seien nun mal keine Herrenjahre." Gegenüber der "Freien Presse" lobt Piwarz zwar Mut und Disziplin der Spät-Studenten. Doch bei Josephine Döring sitzen die Worte tief. "So wirbt man nicht um Fachkräfte", sagt sie mit Nachdruck.

Vom Administrativen einmal abgesehen - auch in inhaltlichen Fragen fehlen den jungen Männern und Frauen Konzepte. Weder für Inklusion noch Integration fühle sie sich gewappnet, sagt Tina Dutschke. "Das müssten verpflichtende Bausteine im Studium sein." Das vielleicht größte Fragezeichen aber steht hinter dem Schlachtplan selbst, um im Bild zu bleiben: hinter dem Lehrplan nämlich. Der jetzige stammt aus dem Jahr 2004, vollgestopft und antiquiert finden ihn viele Lehrer. Also: Kommt da was? Die Frage geht an Piwarz im Hörsaal. Der Minister windet sich. "Ich habe immer deutlich gemacht, dass wir da grundlegend ran müssen." Aktuell sei das aber schwer vorstellbar. Keine Kapazitäten. Frühestens 2025. Student Weiß ärgert das: "Wir beschreiben den Wahnsinn - und sagen, dass wir's nicht ändern können. Das ist Wahnsinn."

Zu tun gibt es genug, für den Minister auf Studentenfang. Doch bei aller Kritik: Dass ihnen ein Job nach dem Studium sicher ist, wissen die Chemnitzer Studenten zu schätzen. Und eine gute Nachricht gibt es auch: Sie wollen tatsächlich auf dem Land zu unterrichten. Ganz freiwillig - weil sie dorther kommen. Eine Umfrage der TU Chemnitz unter 173 Studenten bestätigt das Bild: knapp 80 Prozent stammen aus der Region; ein Drittel hätte ohne den Chemnitzer Standort das Studium nicht begonnen. Das Wissenschaftsministerium ergänzt: "Von den ersten Absolventen haben viele ihr Referendariat in der Region aufgenommen." Insofern werde wohl die Lehramtsausbildung in Chemnitz dem Grundschullehrermangel in der Region entgegenwirken.

Mehr als die derzeit 120 Studienplätze pro Jahr werde es nicht geben - trotz hoher Nachfrage. Die Kapazität sei ausreichend, so der Sprecher des Wissenschaftsministeriums. Und auch die Bildungsgewerkschaft GEW geht davon aus, dass der Lehrermangel irgendwann von allein ein Ende findet: Wenn die geburtenschwachen Jahrgänge der Nachwendegeneration Eltern werden.

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