Patienten in Sachsen sollen weniger Pillen schlucken

Zwei ostdeutsche Bundesländer starten gemeinsame Initiative. Zunächst können nur AOK-Plus-Versicherte mitmachen. Und es gibt skeptische Stimmen.

Dresden.

Bluthochdruck und Cholesterin, Diabetes und Rückenschmerzen: Je älter die Menschen, umso häufiger die Beschwerden - und desto mehr Medikamente. Allein in Sachsen und Thüringen nehmen über 300.000 Versicherte der AOK Plus täglich mindestens fünf verschiedene Arzneimittel zu sich - die meist von mehreren Ärzten verschrieben oder gar selbst gekauft werden. Doch mit der Anzahl der Medikamente steigt das Risiko unerwünschter Wechselwirkungen, die häufig zu unnötigen Krankenhausaufenthalten führen. Auch die Disziplin bei der Einnahme nimmt ab.

Nun will die Kasse gegensteuern: Ab Juli können sich betroffene Patienten an dem Modellprojekt Armin beteiligen. Das Wort steht für Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen und ist eine Gemeinschaftsaktion der AOK Plus mit den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Apothekerverbänden beider Länder. Dem Start ist eine fast zweijährige Erprobungsphase vorausgegangen. Dabei erwiesen sich vor allem Software und Datenschutz als Herausforderung.

Und so soll die Sache ablaufen: AOK-Patienten mit fünf oder mehr Verordnungen wählen einen Hausarzt und einen Apotheker, die sie bei dem Projekt betreuen. Der Apotheker erfasst dann alle Medikamente, die der Patient einnimmt, und prüft die Liste gemeinsam mit dem Arzt auf Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten. Gegebenenfalls wird die Liste vom Hausarzt - auch in Absprache mit den Fachärzten - geändert. Am Ende erhält der Patient einen Medikationsplan in die Hände, der kontinuierlich aktualisiert wird und der auf den verordneten Wirkstoffen basiert.

"Wir sind sicher, dass sich die Lebensqualität der betroffenen Patienten erhöht", sagt AOK-Plus-Chef Rainer Striebel. Die Anzahl der Klinikeinweisungen werde sich verringern, was sowohl im Interesse der Versicherten als auch der Kasse liege. Unterm Strich rechnet er damit, dass die AOK mit Armin zwar keinen Gewinn macht, aber zumindest die Investitionskosten ausgleicht; die Rede ist von einem höheren einstelligen Millionenbetrag.

Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig und zunächst nur für AOK-Plus-Versicherte möglich. Die Initiatoren gehen aber von einer Vorbildwirkung aus. Striebel: "Ab nächstes Jahr können auch andere Kassen unser Modell übernehmen."

Der Erfolg hängt wesentlich von den Hausärzten und Apothekern ab. Für den Mehraufwand erhalten sie von der AOK einmalig 97,30 Euro und in den Folgequartalen 21,60 Euro. Der Sächsische Hausärzteverband ist skeptisch, sagt dessen Vorsitzende Ingrid Dänschel: "Die Medikation gehört nicht in die Hand des Apothekers, sondern des Arztes." Außerdem bezweifelt sie, dass die Daten tatsächlich vor dem Einblick der Kasse geschützt sind.

Teure Medikamente

Die gesetzlichen Krankenkassen haben 2015 rund 32,9 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Das war ein Anstieg um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Für den Kostenanstieg haben vor allem teure innovative Arzneimittel gesorgt. So wurden für neue Medikamente zur Behandlung von Hepatitis C nach Analysen des Deutschen Apothekerverbandes etwa 700 Millionen Euro mehr aufgewendet. Die Anzahl der abgegebenen Packungen blieb dagegen weitgehend konstant. (rnw)

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    2
    GBetka
    28.06.2016

    Unglaublich! In einem MODELLPROJEKT sollen alle Medikamente, die der Patient einnimmt, auf Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten geprüft werden. Eh, Leute, sollte das nicht STANDARD sein? Wozu sind die Ärzte denn da, wenn sie nicht mal die Wechselwirkungen der Medikamente checken? Ich fasse es nicht!



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